Mojib Latif zu Dürre und Trockenheit:Klimaforscher: "Wir dürfen Wasser nicht einfach verschenken"
Trockenphasen und Starkregen erlebt Deutschland immer öfter. Wie sich Städte und Industrie aus Sicht des Klimaforschers Latif anpassen müssten - und was jeder Einzelne tun könnte.
Rekordtemperaturen, ausgetrocknete Böden, tausende Hitzetote: Der Sommer 2026 zählt zu den heißesten und trockensten in Europa seit Messbeginn.
05.08.2026 | 6:12 minDer Klimawandel verändert den Wasserhaushalt weltweit. Auch in Deutschland werden Trockenperioden häufiger und Starkregen-Ereignisse nehmen zu.
Klimaforscher Mojib Latif erklärt, welche Konzepte wichtiger werden, was jeder Einzelne beim Wassersparen tun kann und warum auch Industrie und Politik stärker in die Verantwortung genommen werden müssen.
… ist ein renommierter deutscher Meteorologe und Ozeanograph. Schon seit den 1980er-Jahren widmet er sich der Klima- und Meeresforschung und gehört zu den bekanntesten Klimawissenschaftlern Deutschlands. Er war Professor am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und wirkt seit seinem Eintritt in den Ruhestand weiterhin als Seniorprofessor an der Universität Kiel.
ZDFheute: Herr Latif, viele Städte setzen zunehmend auf das Konzept der Schwammstadt. Wie wichtig sind solche Maßnahmen angesichts des Klimawandels?
Mojib Latif: Absolut notwendig. Wir müssen einfach damit rechnen, dass wir in Zukunft weniger Wasser haben werden. Das sehen wir im weltweiten Durchschnitt - und auch in Deutschland nimmt allmählich die Wassermenge ab.
Das heißt also, wir dürfen das Wasser, das vom Himmel kommt, nicht einfach verschenken.
Bochum baut ein weltweit einmaliges System zu Regenwasserspeicherung. Unter einer der Hauptstraßen der Stadt wird ein Speicher verbaut, der wie ein Schwamm fungieren soll. Er hilft gegen Hitze und Starkregen.
25.06.2026 | 1:47 minWir müssen es auffangen und im Falle von Trockenheit wieder nutzen. Und das ist eben das Prinzip der Schwammstadt. Viele Städte fangen jetzt an, sich in dieser Richtung zu orientieren.
Das Prinzip der Schwammstadt verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und hält Lösungen für auf den ersten Blick gegensätzliche Klimafolgen wie Starkregen und Hitzewellen mit andauernder Trockenheit bereit.
Dabei geht es um die Fähigkeit einer Stadt, ein Zuviel an Wasser aufzusaugen, dieses Wasser wie ein Schwamm zu speichern und es dann durch Verdunstung, Versickerung oder nach einer Wiedernutzung, beispielsweise zur Bewässerung, verzögert wieder abzugeben. Die Schwammstadt nähert sich damit wieder einem natürlichen Wasserkreislauf an.
Quelle: Umweltbundesamt
Wir haben die Flüsse kanalisiert, wodurch sie nicht mehr genügend Auslaufflächen haben, aber die brauchen wir, damit wir das Wasser in der Region halten können.
In dem Zusammenhang ist die Entsiegelung ganz, ganz wichtig. Denn wenn alles zubetoniert ist, können wir das Wasser nicht halten. Es fließt oberflächlich ab und sorgt für Überschwemmungen. Am Ende ist das Wasser weg und trägt kaum zur Grundwasser-Neubildung bei.
"Abpflastern" heißt der Wettbewerb, in dem Kommunen in Deutschland gegeneinander antreten: Er soll dazu beitragen, dass mehr Flächen entsiegelt werden, um die Hitze zu senken.
14.08.2026 | 1:58 minZDFheute: Der Umbau von Städten und Landschaften wird Jahre dauern. Was kann jeder Einzelne schon heute tun, um Wasser zu sparen?
Latif: Es muss ein Bewusstsein entstehen. Und so langsam entsteht es auch bei den Menschen, dass man Wasser nicht verschwendet, also den Wasserhahn nicht gedankenlos laufen lässt.
Wasser ist ein kostbares Gut und nicht einfach nur da, um das Auto zu waschen.
Laut des EU-Klimadienstes Copernicus erwärmt sich kein Kontinent so schnell wie Europa. In diesem Sommer forderten die hohen Temperaturen zehntausende Tote.
10.08.2026 | 1:49 minEs gibt ganz viele Möglichkeiten, Wasser zu sparen. Das hängt zwar auch immer von der persönlichen Lebenssituation ab, aber es fängt damit an, dass man Wasser nicht verschwendet. Zum Beispiel beim Zähneputzen den Wasserhahn laufen zu lassen, ist völlig kontraproduktiv.
Wer ein Eigenheim hat, sollte außerdem überlegen, ob sich für die Toilettenspülung Brauchwasser nutzen lässt. Es muss nicht immer das beste und sauberste Wasser für die Toilettenspülung genutzt werden. Das machen auch schon viele Menschen. Aber ich denke, es könnten noch mehr Menschen tun.
ZDFheute: Sie sprechen nicht nur vom direkten Wasserverbrauch. Welche Rolle spielt unser Konsumverhalten beim Wasserverbrauch weltweit?
Latif: Wir haben als Bürgerinnen und Bürger einen täglichen Wasserverbrauch von 120 Litern, aber der sogenannte virtuelle Wasserverbrauch ist um ein Vielfaches höher als das, was wir selbst direkt verbrauchen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um das Wasser, das gebraucht wird, um Kleidung oder Lebensmittel herzustellen.
Bundesweit sinken die Grundwasserstände, vielerorts wurde der Trinkwasser-Notstand ausgerufen. Bei unnötigem Verbrauch drohen Strafzahlungen. Fernwasserleitungen könnten helfen.
16.08.2026 | 3:06 minDas geschieht oft gar nicht bei uns, sondern auch in fernen Ländern. Insofern tragen wir nicht nur eine Verantwortung Deutschland gegenüber, sondern auch weltweit.
Das sind zum Teil Gegenden, die wenig Wasser haben und denen klauen wir auch noch das Wasser.
ZDFheute: Oft steht der private Wasserverbrauch im Fokus. Welche Verantwortung trägt aus Ihrer Sicht die Industrie?
Latif: Im Moment ist die Industrie außen vor. Sie nimmt so viel Wasser, wie sie bekommen kann, und zahlt im Allgemeinen nichts dafür oder nur sehr wenig.
Das ist oft intransparent, denn man weiß gar nicht genau, wie viel tatsächlich dafür gezahlt wird. Und das muss sich ändern. Das wird sich sicherlich auch in den nächsten Jahren ändern, wenn der Gesetzgeber entsprechende Richtlinien erlässt.
Das Interview führte Julia Ludolf.
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