Niedrigwasser in den Niederlanden:Zu wenig Wasser unterm Kiel: Hausboote auf dem Trockenen
von Alina Bähr, Brüssel
Historisch niedrige Pegelstände in Flüssen und Kanälen treffen nicht nur die Schifffahrt, sondern auch viele Hausbootbesitzer - ihr Zuhause zerfällt.
Viele niederländische Hausboote liegen auf Grund. Abwässer können nicht abgeleitet werden, Schäden drohen. Wenn das Wasser wieder steigt, könnten Boote am Grund haften bleiben und volllaufen.
18.08.2026 | 2:04 minIn den Niederlanden gibt es schätzungsweise 10.000 bis 12.000 Hausboote. Wassermangel, wie er nun seit einigen Wochen in den Niederlanden herrscht, macht Booten und Bewohnern zu schaffen. Liegt das Boot einmal auf dem Trockenen, kann es kaputt gehen.
Henk Kraal wohnt mit seiner Familie in so einem Hausboot. Ihr Zuhause liegt seit Wochen auf dem Trockenen. Anders als mit "furchtbar" kann Kraal die aktuelle Situation nicht beschreiben.
Am Niederrhein: Steiniger Untergrund statt Fluten
Im Rosandepolder, einem Nebengewässer des Niederrheins, schwimmen normalerweise 44 Hausboote. Am Ufer wachsen Bäume und Sträucher - ein idyllischer Anblick. Doch mit dem sinkenden Pegel des Niederrheins ist auch hier das Wasser zurückgegangen. Stattdessen ragt an einigen Anlegeplätzen steiniger Untergrund heraus.
Das Problem: Die Hausboote liegen nun zum Teil schräg auf dem Boden. Dadurch verzieht sich ihr Grundgerüst. Seit Wochen muss Familie Kraal mit ansehen, wie ihr Zuhause kaputtgeht:
Wir haben Risse in den Wänden. Man kann über die Fensterrahmen nach draußen sehen, sie werden aus den Rahmen gedrückt. Fenster und Türen lassen sich nicht oder nur schlecht schließen.
Henk Kraal, Hausbootbewohner
Einen Teil ihrer Haustür musste die Familie absägen. Die hatte sich so verzogen, dass sie sich nicht mehr schließen ließ.
Nicht nur die Niederlande leiden unter niedrigen Wasserständen. Diesen Sommer sinkt auch der Wasserstand des Balaton stark. Hitze und Trockenheit setzen dem extrem flachen See zu. Die Sorge vor Blaualgen und Schäden an Schilfbeständen wächst, der Tourismus leidet.
28.07.2026 | 2:17 minAbwasser der Hausboote: Geruch wird zum Problem
Normalerweise leitet die Familie ihr Abwasser aus Spülbecken, Geschirrspüler und der Toilette in das Wasser des Rosandepolders. Die Suche nach einer anderen Lösung ist derzeit im Gange - bis die gefunden ist, wurde das Ableiten des Abwassers von der landesweiten Wasserbehörde Rijkswaterstaat geduldet.
Doch jetzt plätschert das Abwasser direkt auf den Boden. Und das stinkt, "wie im 16. Jahrhundert", so Kraal. Um das Abwasser in die Kanalisation zu leiten, fehle laut der zuständigen Gemeinde die nötige Infrastruktur.
Auch in Deutschland fehlt die Infrastruktur, um die Folgen des Niedrigwassers im Rhein auszugleichen. Denkbar sind die Aufhebung des Sonntagsfahrverbots für Lkw und die Verlagerung von Fracht auf die Schiene.
12.08.2026 | 1:30 minWassermangel: Folgen für Schifffahrt und Landwirtschaft
Schon vor einigen Wochen hatten die niederländischen Behörden die zweite von insgesamt drei Warnstufen ausgerufen. Rijkswaterstaat zufolge herrsche derzeit eine "tatsächliche Wasserknappheit".
Das heißt, "dass nicht genügend Süßwasser zur Verfügung steht, um den gesamten Bedarf der Schifffahrt, der Landwirtschaft, der Natur und anderer Sektoren zu decken", erklärt Frank Jansen, Sprecher von Rijkswaterstaat.
Aufgrund der niedrigen Wasserstände musste beispielsweise die Schifffahrt auf dem Twente-Kanal ausgesetzt werden. Meerwasser dringt über die Flussmündungen ins Landesinnere ein. Der steigende Salzgehalt belastet die Pflanzen. Diese wachsen jetzt langsamer oder gehen ein.
Flüsse der Niederlande führen so wenig Wasser wie nie. Schiffe können nur mit einem Drittel der Ladung fahren, drei große Schleusen haben ihre Öffnungsfrequenz gesenkt. Die Frachtkosten steigen.
24.07.2026 | 2:15 minEin Problem vor allem für die Landwirtschaft. Hinzu kommt, dass in großen Teilen des Landes ein Entnahmeverbot für Oberflächen- und teilweise auch Grundwasser gilt. Agrarbetriebe können ihre Flächen nicht mehr ausreichend bewässern.
Der niederländische Landwirtschaftsverband LTO erwartet geringere Erträge und Qualitätseinbußen. "Bei Kartoffeln wird derzeit von einem Ertrag ausgegangen, der mindestens acht Prozent unter dem von 2025 liegt", so LTO.
Niederlande: Neue Herausforderung beim Wassermanagement
Da mehr als ein Viertel der Niederlande unterhalb des Meeresspiegels liegt, nimmt der Hochwasserschutz im Land eine zentrale Rolle ein.
Durch den Klimawandel kommt laut Frank Jansen, Sprecher von Rijkswaterstaat, mittlerweile eine weitere wichtige Aufgabe dazu: "Heute stehen wir vor einer doppelten Herausforderung: Wir müssen weiterhin Hochwasserrisiken bewältigen und gleichzeitig in niederschlagsreicheren Perioden genügend Wasser zurückhalten, um die zunehmend trockenen Sommer bewältigen zu können."
Die Landwirtschaft müsse sich schneller an den Klimawandel anpassen, um mit den Folgen besser umzugehen. Auch klimaresistente Wälder seien nötig, sagt CDU-Politiker Albert Stegemann.
19.08.2026 | 3:41 minInzwischen regnet es am Rosandepolder. Doch die Hausbootbewohner können immer noch nicht aufatmen. Wenn das Wasser wieder steigt, könnten die Boote im Kanalbett festhängen und sich mit Wasser füllen.
Dann müssten die Anwohner ihr Zuhause vom Grund lösen. Zum Beispiel, indem Seile zwischen Boot und Grund durchgezogen werden. Wenn das klappt, können die Hausboote wieder schwimmen. Ob ihre Hausboote aber noch so einen Sommer überstehen, ist ungewiss.
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