Folgen der Klagen wegen Suchtgefahr:Droht Meta und Google jetzt richtig Gegenwind?
von Frank Bethmann
Eine junge Frau verklagt Meta und Google. Soziale Medien hätten sie süchtig gemacht. Die rechtliche Strategie erinnert an einen Skandal in der Tabakindustrie.
Treiben soziale Medien Jugendliche in die Abhängigkeit? Ein Musterprozess in Los Angeles soll Klarheit bringen. Im Extremfall sollen Kinder in den Tod getrieben worden sein.
25.02.2026 | 7:48 minGroß, mächtig, scheinbar unangreifbar - und doch in Gefahr. Meta, Google, TikTok und andere Digitalkonzerne erleben derzeit, was jahrzehntelang als undenkbar galt: Sie laufen Gefahr, die gesellschaftliche Akzeptanz zu verlieren.
Ein Prozess mit Sprengkraft
Im Mittelpunkt steht ein Prozess in Los Angeles, in dem eine heute 20-jährige Frau behauptet, Instagram (Meta) und YouTube (Google) hätten sie als Kind süchtig gemacht. In den Klageschriften und vor Gericht wird ausgeführt, dass sie die Apps "ständig" oder "stundenlang täglich" genutzt habe, obwohl sie dies als schädlich empfand, ihre schulische Leistung und ihr Schlaf darunter litten und sie dennoch nicht aufhören konnte. Heute hat die Klägerin Depressionen und Angststörungen.
In der Anklage heißt es, dass das Suchtpotenzial in der Produktarchitektur läge. Die Apps seien so designt, dass Kinder möglichst lange gebunden werden: Etwa durch Endlos-Scrolls ("infinite-scroll") oder algorithmische Feeds, die ständig neues, emotional aufgeladenes Material liefern.
Dark Patterns fördern die Sucht nach Social Media. Entwickelt hat die psychologischen Tricks ein Forscher in Stanford. Heutzutage werden sie von allen Tech-Firmen genutzt.
23.02.2026 | 44:29 minIm Eröffnungsplädoyer beschrieb der Klägeranwalt Plattformen wie Instagram als "Fallen". Die Unternehmen würden Kinder in eine exzessive Nutzung hineinziehen, Gesundheitsrisiken verheimlichen und gleichzeitig nach außen behaupten, die Plattformen seien sicher und nicht suchterzeugend, so der Vorwurf.
Droht Big Tech jetzt ein "Marlboro-Moment"?
Der Vorwurf erinnert an den "Marlboro-Moment" der Tabakindustrie. In den 1990er-Jahren wurden die US-Tabakkonzerne mit Milliardenstrafen belegt, nachdem bekannt wurde, dass sie gezielt über Gesundheitsgefahren hinweggetäuscht hatten. Damals ein Wendepunkt, der mit Blick auf die Zigarettenindustrie zu einem gesellschaftlichen Stimmungsumschwung führte - von Toleranz zur Ächtung.
Die Parallele zu Tabakkonzernen ist zumindest, was die Anreize angeht, Nutzer abhängig zu machen, durchaus nachvollziehbar.
Thomas Höppner, Anwalt in der Kanzlei Geradin Partners
Als Anwalt hat Höppner in früheren Verfahren bereits Mandanten gegen Google vertreten.
Eine Nutzerin klagt, Tech-Konzerne gestalteten soziale Medien absichtlich auf eine Weise, die User abhängig macht. Dazu sagt in Los Angeles Meta-Chef Zuckerberg vor Gericht aus.
18.02.2026 | 2:06 minGesundheitsrisiken schwer vergleichbar
Dass Big Tech das gleiche Schicksal drohen könnte, glaubt Martin Lück, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, nicht. Denn es gebe auch Unterschiede: "Bei Tabak ging es um physische Gesundheitsschäden durch ein Produkt, bei den Tech-Firmen geht es um psychische und soziale Auswirkungen digitaler Design-Entscheidungen."
Der entscheidende juristische Knackpunkt: Es ist eines zu sagen, soziale Medien verschlimmern psychische Probleme - aber etwas ganz anderes zu belegen, dass sie sie verursachen.
Sucht-Symptome seien Kontrollverlust, Unbelehrbarkeit und wenn der Alltag komplett auf Social Media ausgerichtet wird, sagt Psychologe Christian Montag bei ZDFheute live.
18.02.2026 | 12:01 minNiedergang der Digitalkonzerne unwahrscheinlich
Höppner glaubt ebenfalls nicht an den großen Niedergang der Digitalkonzerne. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich die großen Tech-Unternehmen nicht sonderlich von der Gefahr potenzieller Milliardenschäden abschrecken lassen."
Solange Bußgelder und Schadensersatzansprüche weiterhin lediglich einen Bruchteil der Gewinne ausmachen, die mit dem Verhalten erzielt wurden, gibt es keinen Grund für die Unternehmen in Zukunft anders zu verfahren.
Thomas Höppner, Anwalt in der Kanzlei Geradin Partners
Um ein Gefühl dafür zu bekommen, lohnt ein Blick auf die Zahlen. Meta allein steht in mehreren Verfahren (u.a. wegen Datenschutzverstößen oder Verstößen gegen EU-Wettbewerbsrecht) vor Sammelklagen mit potenziell zweistelligen Milliardenforderungen. Mit mehr als 200 Milliarden Euro Jahresumsatz bleiben sie dennoch verkraftbar.
10- bis 17-Jährige verbringen täglich mehrere Stunden in sozialen Medien. Über 1,3 Millionen von ihnen zeigen laut Studie bereits ernsthafte Probleme im Alltag.
17.02.2026 | 1:59 minSchaden an der Reputation
Die Gefahr, so Kapitalmarktstratege Lück, liege bei den großen Klagewellen längst woanders.
Studien zeigen, dass Reputationsrisiken inzwischen zu den Top-Risiken zählen. Wirtschaftsgiganten wie Volkswagen oder Bayer sind dafür warnende Beispiele.
Martin Lück, Kapitalmarktstratege bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton
Volkswagen kämpft bis heute mit den Nachwirkungen des Dieselskandals, der zu Milliardenschäden führte. Bayer wurde nach der Monsanto-Übernahme von US-Klagen zu Glyphosat teilweise lahmgelegt, der Börsenwert halbierte sich zeitweise. Diese Fälle zeigen, dass selbst global aufgestellte, kapitalkräftige Konzerne durch juristische und moralische Reputationskrisen tatsächlich in existentielle Bedrängnis geraten können.
Frank Bethmann ist Redakteur im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
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