Rentenreform: Lob und Kritik für Pläne:Experten kritisieren Aus für "Rente mit 63" und Kapitalrente
von Sven-Hendrik Hahn
Die Bundesregierung will die Vorschläge der Rentenkommission vollständig umsetzen. Es gab viel Lob. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Ökonomen sehen aber auch kritische Punkte.
Die Renten-Kommission hat rund 30 Empfehlungen an die Politik. Und die will sich an die Vorschläge halten und schnell umsetzen. Im Detail dürfte das noch viel Arbeit werden.
23.06.2026 | 2:49 min33 Empfehlungen der Rentenkommission, denen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sowie Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) folgen. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Wirtschaftswissenschaftler begrüßen den Reformwillen. Kritik gibt es vor allem an zwei Vorhaben: der Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren - umgangssprachlich als "Rente mit 63" bezeichnet - sowie der geplanten Kapitalrente.
- Kapitalrente: Zusätzlicher Beitragssatz von zwei Prozent (aufgeteilt unter Arbeitgebern und Arbeitnehmern: je ein Prozent). Das Geld aus dem staatlichen Kapitalstock soll zum Beispiel in Aktien und Anleihen angelegt werden. Die Erträge sollen das Rentenniveau langfristig stützen.
- Rente mit 63: Etwa 30 Prozent der Neurentner nutzten das Angebot zur abschlagsfreien Frühverrentung. Nach Kommissionsangaben kann die Abschaffung rund 430 Millionen Euro pro Rentenjahrgang und Jahr einsparen.
Quelle: Abschlussbericht der Alterssicherungskommission 2026
Bas: Mancher "schwere Brocken"
Bas warb im heute journal für das Gesamtpaket. Die Botschaft laute, "dass es für die nächsten Generationen besser wird, das Rentenniveau nicht sinkt und die Beiträge nicht ins Unermessliche steigen". Zugleich räumte die SPD-Chefin ein, dass einzelne Empfehlungen für ihre Partei schwer zu schlucken seien, wie zum Beispiel die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente für langjährig Versicherte.
Auf die Rente mit 63 zu verzichten, sei für die SPD nicht einfach, aber die Kommission habe gute Vorschläge für die nächsten Generationen gemacht, so Bundesarbeitsministerin Bas.
23.06.2026 | 7:11 minGewerkschaften lehnen Streichpläne ab
Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) bezeichnete Yasmin Fahimi (SPD) die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren im ZDF spezial am vergangenen Dienstag als ungerecht.
Rentenpolitik ist eben nicht nur eine Frage der Mathematik, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit.
Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB
Wer 45 Jahre lang Beiträge eingezahlt hat, kann nach der bisherigen Regelung zwei Jahre vor dem regulären Renteneintrittsalter abschlagsfrei in Rente gehen. "Das muss beibehalten werden", meint Fahimi.
Das angekündigte Aus für die "Rente ab 63" hält Fahimi für ungerecht. Es treffe Menschen, die deutlich länger in die Rentenkasse eingezahlt hätten.
23.06.2026 | 4:28 minZiel: Gesund in Rente
Fahimi kritisiert zudem die geplante schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters. Viele Menschen hielten schon heute nicht gesund bis zum Renteneintritt durch. Laut Verdi-Chef Frank Werneke werte man mit den Plänen die Lebensleistung dieser Menschen ab.
Gewerkschaften und Verbände wie der Sozialverband VdK verlangen Schutzmechanismen für Menschen, die körperlich besonders belastende Tätigkeiten ausüben. Die dafür vorgesehene Härtefallregelung ist noch nicht konkret ausgearbeitet.
Mehr als 30 Vorschläge sollen die Rente zukunftsfest machen. Die Regierung will das Paket umsetzen, doch einzelne Punkte sorgen für Debatten. Besonders umstritten: die Empfehlung, Minijobs weitgehend abzuschaffen.
24.06.2026 | 2:37 minWirtschaft findet vor allem Lob für Rentenreform
Arbeitgeber bewerten die Reform deutlich positiver. Im ZDF spezial sprach Steffen Kampeter (CDU) vom Bundesverband der Arbeitgeber (BDA) von einem wichtigen Signal.
Wir finden erst einmal gut, dass die Politik Reformnotwendigkeiten adressiert.
Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arbeitgeber (BDA)
Dass sich Merz und Bas hinter den Kommissionsbericht stellten, sei "politischer Mut". Auch Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) lobten die Pläne als überfälligen Schritt.
Arbeitgeber kritisieren verpflichtende Kapitalrente
Aber auch aus der Wirtschaft kommen Einwände. Die geplante Kapitalrente stößt auf Widerstand. Denn dafür sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber künftig anteilig zusätzliche Beiträge zahlen, die dann am Kapitalmarkt angelegt werden und deren Erträge in die Rentenzahlungen einfließen sollen.
Kampeter vom BDA warnte im ZDF vor den Folgen: Das sei eine verpflichtende Beitragserhöhung, die "40 Milliarden Euro, die an anderer Stelle fehlen", koste. Das Ziel, Arbeit in Deutschland günstiger und wettbewerbsfähiger zu machen, werde dadurch erschwert.
Kapitalrente könnte Arbeitsplätze kosten
Ähnlich argumentiert das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). IMK-Direktor Sebastian Dullien sagte: "Ein Fonds am Aktienmarkt muss erst einmal mühsam aufgefüllt werden, bevor man Erträge auszahlen kann". Laut einer Modellrechnung des Instituts könnten die höheren Beiträge ab 2028 in der Summe rund ein Prozent Wirtschaftswachstum und knapp 250.000 Jobs kosten.
Rentenreform: Überwiegend Lob von Ökonomen
Andere Ökonomen bewerten die Vorschläge positiv. Der Rentenexperte Peter Haan vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin spricht von einem "guten Aufschlag". Die Abschaffung der Rente mit 63 sowie eine höhere Regelaltersgrenze könnten die Rentenkasse entlasten.
Nach der Vorstellung des neuen Rentenpakets hat Bundeskanzler Merz angekündigt, dieses vollständig umsetzen zu wollen. ZDF-Korrespondent Wulf Schmiese berichtet über das weitere Vorgehen.
23.06.2026 | 0:59 minGanz ähnlich sieht es die OECD. Für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung lobte Deutschland-Experte Robert Grundke zudem die Beschränkung der Minijobs: "Angesichts des Fachkräftemangels ist diese Subvention von Teilzeit-Beschäftigung nicht mehr zeitgemäß." Die OECD befürwortet die Kapitaldeckung eines Teil der Renten angesichts positiver Erfahrungen etwa in Schweden.
Sven-Hendrik Hahn ist Redakteur beim ZDF-Magazin WISO.
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