Rentenkommission macht Vorschläge:Aktienrente: Vom schwedischen Modell lernen
von Klaus Weber und Frank Bethmann
Erste Punkte zur geplanten Rentenreform sind durchgesickert. Dabei im Blick: Kapitalmarktmodelle zur Rentenfinanzierung. Könnte Schweden hier ein Vorbild sein?
Die geplante Abschaffung der Rente nach 45 Jahren stößt auf Kritik. Viele Bürger zeigen sich offen für längeres Arbeiten, erwarten aber klare und faire Regeln.
22.06.2026 | 2:50 minIn Deutschland herrscht in großen Teilen der Bevölkerung Skepsis gegenüber Aktienanlagen. Auch das ist sicher ein Grund, warum die meisten Deutschen ihr Geld auf unattraktiven Sparbüchern parken, deren Verzinsung gering ist.
Die Schweden hingegen gelten als Volk von Aktionären. Doch das war nicht immer so.
Schweden ist nicht über Nacht zu einem Land der Aktionäre geworden. Die Politik hat Aktieninvestments in der Altersvorsorge und für den Vermögensaufbau konsequent gefördert.
Dr. Matthias Voelkel, Chef der Börse Stuttgart
Am Dienstag übergibt die Rentenkommission ihre Vorschläge an den Bundeskanzler und die Arbeitsministerin. Gut möglich, dass die eigentlichen Konflikte erst danach sichtbar werden.
21.06.2026 | 4:03 minFast jeder Schwede besitzt Aktienfonds für die Rente
Die Grundlagen für die Akzeptanz von Aktien schuf Schweden schon seit den 1970er-Jahren - unabhängig davon, welche Couleur die Regierung hatte. Seit Jahrzehnten muss jeder Schwede, der arbeitet und Steuern zahlt, - ergänzend zu den direkten Beiträgen für die Rente per Umlage - mit Fonds für das Alter vorsorgen. Dieser Beitragssatz beträgt 2,5 Prozent des rentenrelevanten Einkommens.
Die Versicherten haben je nach ihrer eigenen Risikobereitschaft die Auswahl aus mehreren hundert Fonds, um für ihr Alter vorzusorgen. Wird keine Wahl getroffen, fließt das Altersvorsorgegeld automatisch in den staatlich verwalteten Fonds AP7 Såfa.
- Staatliche Rente: 16 Prozent des Einkommens landet in einem Umlageverfahren, weitere 2,5 Prozent fließen in die sogenannte "Prämienrente" - das Geld wird in Aktienfonds angelegt. Wie auch in Deutschland gilt: Wer zu wenig einzahlen konnte, hat Anspruch auf eine steuerfinanzierte "Garantierente".
- Betriebliche Altersvorsorge: Arbeitgeber bieten in der Regel eine Betriebsrente an, meist fondsgebunden. Diese ist viel weiter verbreitet als in Deutschland, rund 90 Prozent der schwedischen Beschäftigten haben eine betriebliche Altersvorsorge.
- Private Altersvorsorge: Zusätzlich sollen Arbeitnehmer freiwillige, individuelle Vorsorge abschließen.
Welche Kritik es am schwedischen Rentenmodell gibt
Gerade jetzt in einer Zeit von Kriegen, geopolitischen Spannungen, Handelskonflikten und wirtschaftlicher Unsicherheit sind nicht alle Experten überzeugt, dass Kapitalmarktmodelle die Rente retten.
Florian Blank, Rentenexperte der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, verweist darauf, dass das schwedische Modell häufig verklärt werde. In Schweden habe es in den Jahren 2010, 2011 und 2014 bereits nominale Rentenkürzungen gegeben. Einkommensverluste der Rentnerinnen und Rentner seien in der Vergangenheit zwar durch Entlastungen bei den Steuern wieder ausgeglichen worden, doch gehörten diese Schwankungen zur Wahrheit mit dazu, meint Blank.
Der Rentenexperte erklärt weiter, dass Kapitaldeckung allein außerdem nicht das Kernproblem des demografischen Wandels löse: Wenn immer weniger Erwerbstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssten, verschwinde dieser Druck nicht einfach durch Aktienkäufe.
Die Expertenkommission der Bundesregierung will am Dienstag ihre Empfehlungen für eine Rentenreform übergeben. ZDF-Hauptstadtkorrespondent Wulf Schmiese hat schon vorab erste Details.
20.06.2026 | 1:11 minRentendebatte leidet unter grundlegendem Denkfehler
Daraus folgt nicht automatisch, dass Kapitalmärkte für die Altersvorsorge ungeeignet wären. Denn die Debatte leidet häufig unter einem grundlegenden Denkfehler: Sie betrachtet langfristige Vorsorge durch die Brille kurzfristiger Krisen.
Altersvorsorge denkt jedoch nicht in Monaten oder Wahlperioden, sondern in Zeiträumen von 30 oder 40 Jahren. Und über solche Zeiträume zeigen Kapitalmärkte historisch ein bemerkenswert stabiles Bild. Kriege, Finanzkrisen, Ölkrisen, Inflationsschocks und Rezessionen haben Märkte zeitweise massiv einbrechen lassen, langfristig entwickelten sich breit gestreute Kapitalanlagen dennoch positiv.
Am Dienstag stellt die Rentenkommission ihre Ergebnisse vor. Wie wichtig sind diese Ergebnisse für die Koalition? Fragen an Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder.
21.06.2026 | 2:39 minAltersvorsorge: Kombination der Systeme ist entscheidend
Außerdem ist auch das heutige Umlagesystem kein risikofreier Raum. Es hängt von Lohnentwicklung, Beschäftigung, Geburtenraten und Migration ab. Deutschland altert. Immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentner aufkommen.
Die deutsche Rentendebatte krankt deshalb möglicherweise an der falschen Fragestellung. Die entscheidende Frage lautet daher nicht Umlage oder Kapitalmarkt, sondern wie sich beide Elemente so kombinieren lassen, dass das Rentensystem langfristig tragfähig bleibt.
Klaus Weber und Frank Bethmann sind Redakteure im ZDF-Team Wirtschaft und Finanzen.
Der Artikel wurde erstmals am 20. April 2025 publiziert.
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