Wirtschaft im Wandel:Handelsabkommen XXL: Warum die EU jetzt auf Indien setzt
von Klaus Weber
Die EU will mit Indien eines der größten Handelsabkommen weltweit schließen. Für Unternehmen eröffnen sich neue Märkte - für Europa geht es um mehr.
Deutlich niedrigere Zölle und weniger Handelshemmnisse: Die deutsche Industrie feiert das seit 2007 verhandelte Abkommen, mit dem auch ein politisches Signal gesendet wird.
27.01.2026 | 2:43 minDie Verzögerung des Mercosur-Abkommens in letzter Sekunde durch das Abstimmungsverhalten im EU-Parlament wirft zwar ein schlechtes Licht auf den Zusammenhalt in der EU, dennoch drückt man in Brüssel weiterhin aufs Tempo bei der Suche nach neuen Handelspartnern. Next stop: Indien. Manche sprechen dabei, in fast schon "trumpscher" Terminologie, von der "Mutter aller Handelsabkommen". Denn ein Deal mit Indien wäre Mercosur XXL.
Am Dienstag einigten sich die EU und Indien auf einen Handelsdeal. "Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt", zeigte sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen überzeugt. Bis zur praktischen Umsetzung des Abkommens wird es allerdings noch dauern, unter anderem steht noch eine rechtliche Prüfung an.
Die EU und Indien haben in Neu-Delhi nach jahrzehntelangen Verhandlungen ein Freihandelsabkommen beschlossen. ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann mit einer Einschätzung.
27.01.2026 | 1:22 minDer geplante Freihandelsraum würde knapp zwei Milliarden Menschen betreffen. Der größte weltweit. Zwei Milliarden Gründe, die für ein Handelsabkommen sprechen, sagt die Deutsche Industrie- und Handelskammer. Deren Außenhandelschef, Volker Treier, zeigte sich schon vor der Einigung entsprechend begeistert:
Für die deutsche Wirtschaft ist ein EU-Indien-Handelsabkommen ein echter Game-Changer.
Volker Treier, Deutsche Industrie- und Handelskammer
"Das Abkommen würde die zum Teil beachtlichen Zollsätze und Handelshürden, die beim Eintritt in den indischen Markt für unsere Unternehmen zu beachten sind, helfen abzubauen", so Treier.
In Neu Dehli wurde ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien nach jahrzehntelangen Verhandlungen beschlossen. Stephanie Barrett berichtet über die Auswirkungen.
27.01.2026 | 1:13 minTatsächlich ist der Handel mit Indien bislang voller Beschränkungen. Allein schon die Einfuhrzölle sind hoch und liegen zwischen 25 und 40 Prozent. Derzeit listet die EU insgesamt 31 offizielle Handelshemmnisse in Indien auf, die europäische Unternehmen belasten. Deshalb fordert Treier, "dass der Marktzugang nicht durch die Hintertür mit überbürokratischen Ursprungsregeln konterkariert wird".
Deutschland liefert jetzt schon am meisten
Sollte das gelingen, wären die Chancen gerade für deutsche Firmen außergewöhnlich hoch. Schon jetzt ist die Bundesrepublik Indiens größter Handelspartner in der EU. Das Handelsvolumen lag 2024 bei 31 Milliarden Euro - wobei Deutschland mehr exportierte als importierte.
Ein Ausbau des Handels dürfte vor allem dem Maschinenbau, der Chemieindustrie, aber auch Herstellern von Flugzeugen, Schiffen und Zügen dienlich sein. Das glaubt auch Martin Lück von Macromonkey: "Profitieren könnten vor allem Sektoren, die Indien nützen, um Infrastruktur und klassische Industrie aufzubauen."
Denn das Land ist praktisch von einer agrarbasierten Ökonomie direkt zur Digitalwirtschaft gesprungen, ohne den Weg über eine klassische Industrialisierung zu gehen.
Martin Lück, Macromonkey
Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft ergänzt: "Eine wachsende, wohlhabende Bevölkerung wird auch eine höhere Nachfrage nach Produkten 'Made in Germany' haben und davon würde der lahmende Export in Deutschland profitieren."
Friedrich Merz warb Mitte Januar in Indien für eine engere wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit.
12.01.2026 | 1:53 minAuch Indien würde profitieren
Doch ein Deal wäre nicht nur von Einseitigkeit geprägt. "Ein zollfreier Zugang zur EU könnte Verluste für indische Textil- und Schmuckexporteure in den USA ausgleichen", sagte Ajay Srivastava von der Denkfabrik Global Trade Research Initiative. Diese Branchen sind seit August von US-Zöllen in Höhe von 50 Prozent betroffen.
Ein Abkommen würde zudem die Zölle auf Textilien, Kleidung und Leder senken, wodurch indische Exporteure besser mit Konkurrenten aus Bangladesch und Vietnam mithalten könnten. Zudem ist Indien im Dienstleistungssektor - wie etwa im Softwarebereich - besonders stark und die Nachfrage in Europa ist hoch.
Die Kernpunkte des Handelsabkommens im Überblick:
- Zölle auf mehr als 90 Prozent der EU-Exporte nach Indien werden abgeschafft oder gesenkt.
- Indien senkt seine Zölle für 30 Prozent der mit der EU gehandelten Waren auf null.
- EU-Unternehmen sparen dadurch jährlich bis zu vier Milliarden Euro an Zöllen.
- Besserer Zugang für EU-Unternehmen zu Finanz- und Seeverkehrsdienstleistungen.
- Vereinfachte Zollverfahren und ein stärkerer Schutz des geistigen Eigentums.
- Die indischen Autozölle sinken über fünf Jahre von 110 auf zehn Prozent. Dies gilt im Rahmen einer jährlichen Quote von 250.000 Fahrzeugen und dürfte Volkswagen, BMW , Mercedes-Benz und Renault zugutekommen.
- Die meisten Zölle auf Industriewaren werden vollständig abgeschafft. Dies betrifft unter anderem Maschinen, elektrische Ausrüstung, Chemikalien und Arzneimittel.
- Bei Inkrafttreten des Abkommens schafft die EU die Zölle auf 90 Prozent der indischen Waren ab.
- Innerhalb von sieben Jahren wird die Zollfreiheit auf 93 Prozent der indischen Waren ausgeweitet.
- Für rund sechs Prozent der indischen Waren gelten teilweise Zollsenkungen und Quoten.
- Für 99,5 Prozent des bilateralen Handels gibt es eine Form von Zollvergünstigung.
- Indien nimmt Autos und landwirtschaftliche Produkte von der vollständigen Zollbefreiung aus.
- Der durchschnittliche EU-Zollsatz sinkt von 3,8 auf 0,1 Prozent.
- Die Zölle auf wichtige indische Exporte in die EU werden auf null gesenkt, darunter Meeresfrüchte, Chemikalien, Textilien sowie Edelsteine und Schmuck.
- Fahrzeuge aus der EU mit einem Preis von unter 15.000 Euro sind von dem Abkommen ausgenommen.
- Fahrzeuge oberhalb dieser Preisschwelle werden in drei Segmente mit jeweils eigenen Quoten und Zöllen unterteilt. Die Zölle für die meisten Autos werden bei Inkrafttreten auf 30 bis 35 Prozent gesenkt und dann über fünf Jahre schrittweise auf zehn Prozent reduziert.
- Zollsenkungen für Elektrofahrzeuge beginnen ab dem fünften Jahr.
- Außerhalb der Quoten gibt es keine Zollsenkungen. Auch für zerlegte Bausätze (CKD-Kits) sind keine Zollermäßigungen vorgesehen.
- Indien bemüht sich um einen besseren Zugang zu den zollfreien EU-Importquoten für Stahl. Eine Entscheidung darüber wird bis zum 30. Juni erwartet.
- Es gibt keine spezifische Ausnahme für Indien von den CO2-Zöllen der EU. Indien kann nach eigenen Angaben jedoch Verhandlungen aufnehmen, falls die EU einem anderen Land Flexibilität gewährt.
- Eine technische Arbeitsgruppe soll indischen Firmen helfen, ihre CO2-Bilanzen zu überprüfen.
- Indische Zölle auf Agrar- und Lebensmittelexporte aus der EU, die im Durchschnitt über 36 Prozent liegen, werden gesenkt oder abgeschafft.
- Deutliche Zollsenkungen gibt es bei EU-Weinen, Spirituosen, Bier, Olivenöl und verarbeiteten Lebensmitteln. Die Zölle auf Premiumweine sinken schrittweise von 150 Prozent auf bis zu 20 Prozent.
- Rindfleisch, Reis, Zucker, Milchprodukte und Geflügel sind von dem Abkommen ausgenommen. Die EU-Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit bleiben unverändert.
- Die EU öffnet 144 Dienstleistungsbereiche für Indien, Indien im Gegenzug 102 für die EU.
- Es werden verbindliche Regeln zu Arbeitsrechten, Umweltschutz und zur Stärkung der Rolle der Frau festgelegt.
- Regeln für den digitalen Handel sollen die Wirtschaft unterstützen und gleichzeitig den Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit gewährleisten.
Quelle: Reuters
Auch Russland und Indien haben verbesserte Handelsbeziehungen vereinbart.
06.12.2025 | 2:35 minGeopolitik als Katalysator
Es sieht also klassisch nach Win-Win aus. Deshalb sei die Frage erlaubt, warum die Gespräche mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde nun auch schon seit 2007 laufen - und man sich zwischendurch eine neunjährige Pause gönnte. Erst begünstigt durch die erratische Geopolitik der USA, kam in den vergangenen Monaten viel Schwung in die Verhandlungen. Donald Trump beschleunigte sozusagen ein fast 20-jähriges Versäumnis.
Im Moment beläuft sich das komplette Handelsvolumen zwischen EU und Indien nämlich auf vergleichsweise mickrige 136,5 Milliarden Euro. Was viel klingt, ist allerdings nur etwas mehr als zwei Prozent des kompletten EU-Außenhandels. Im Vergleich zu China (15 Prozent) und den USA (17 Prozent) im Prinzip fast nichts. Prädikat also: enorm ausbaufähig.
Auch im Rüstungsbereich wollen Deutschland und Indien enger zusammenarbeiten.
12.01.2026 | 0:20 minDeshalb wäre ein Scheitern oder eine Panne in letzter Minute - wie beim Mercosur-Abkommen - wenig ratsam. "Die Gefahr kann man leider nicht ausschließen", sagt Samina Sultan. "Ein Scheitern wäre aber ein weiterer Rückschlag für die EU, ihre Handelsbeziehungen zu diversifizieren und Handlungsfähigkeit zu beweisen."
Es geht am Ende also nicht nur um eine Zwei-Milliarden-Chance, sondern auch um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der EU als ernsthafter Verhandlungs- und Handelspartner.
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