Deal mit Indien: Warum die EU jetzt auf das Handelsabkommen setzt

Analyse

Wirtschaft im Wandel:Handelsabkommen XXL: Warum die EU jetzt auf Indien setzt

Klaus Weber

von Klaus Weber

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Die EU will mit Indien eines der größten Handelsabkommen weltweit schließen. Für Unternehmen eröffnen sich neue Märkte - für Europa geht es um mehr.

EU-Kommissionspräsident Ursula von der Leyen bei der Parade zum Tag der Republik in Indien.

EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und Ratspräsident Costa sind zu Besuch in Indien.

26.01.2026 | 0:25 min

Die Verzögerung des Mercosur-Abkommens in letzter Sekunde durch das Abstimmungsverhalten im EU-Parlament wirft zwar ein schlechtes Licht auf den Zusammenhalt in der EU, dennoch drückt man in Brüssel weiterhin aufs Tempo bei der Suche nach neuen Handelspartnern. Next stop: Indien. Manche sprechen dabei, in fast schon "trumpscher" Terminologie, von der "Mutter aller Handelsabkommen". Denn ein Deal mit Indien wäre Mercosur in XXL.

Am Dienstag einigten sich die EU und Indien auf einen Handelsdeal. "Die EU und Indien schreiben heute Geschichte und vertiefen die Partnerschaft zwischen den größten Demokratien der Welt", zeigte sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen überzeugt. Bis zur praktischen Umsetzung des Abkommens wird es allerdings noch dauern, unter anderem steht noch eine rechtliche Prüfung an.

Der geplante Freihandelsraum würde knapp zwei Milliarden Menschen betreffen. Der größte weltweit. Zwei Milliarden Gründe, die für ein Handelsabkommen sprechen, sagt die Deutsche Industrie- und Handelskammer. Deren Außenhandelschef, Volker Treier, zeigte sich schon vor der Einigung entsprechend begeistert:

Für die deutsche Wirtschaft ist ein EU-Indien-Handelsabkommen ein echter Game-Changer.

Volker Treier, Deutsche Industrie- und Handelskammer

"Das Abkommen würde die zum Teil beachtlichen Zollsätze und Handelshürden, die beim Eintritt zum indischen Markt für unsere Unternehmen zu beachten sind, helfen abzubauen", so Treier.

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Tatsächlich ist der Handel mit Indien bislang voller Beschränkungen. Allein schon die Einfuhrzölle sind hoch und liegen zwischen 25 und 40 Prozent. Derzeit listet die EU insgesamt 31 offizielle Handelshemmnisse in Indien auf, die europäische Unternehmen belasten. Deshalb fordert Treier, "dass der Marktzugang nicht durch die Hintertür mit überbürokratischen Ursprungsregeln konterkariert wird".

Deutschland liefert jetzt schon am meisten

Sollte das gelingen, wären die Chancen gerade für deutsche Firmen außergewöhnlich hoch. Schon jetzt ist die Bundesrepublik Indiens größter Handelspartner in der EU. Das Handelsvolumen lag 2024 bei 31 Milliarden Euro - wobei Deutschland mehr exportierte als importierte.

Ein Ausbau des Handels dürfte vor allem dem Maschinenbau, der Chemieindustrie, aber auch Herstellern von Flugzeugen, Schiffen und Zügen dienlich sein. Das glaubt auch Martin Lück von Macromonkey: "Profitieren könnten vor allem Sektoren, die Indien nützen, um Infrastruktur und klassische Industrie aufzubauen."

Denn das Land ist praktisch von einer agrarbasierten Ökonomie direkt zur Digitalwirtschaft gesprungen, ohne den Weg über eine klassische Industrialisierung zu gehen.

Martin Lück, Macromonkey

Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft ergänzt: "Eine wachsende, wohlhabende Bevölkerung wird auch eine höhere Nachfrage nach Produkten "Made in Germany" haben und davon würde der lahmende Export in Deutschland profitieren."

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Auch Indien würde profitieren

Doch ein Deal wäre nicht nur von Einseitigkeit geprägt. "Ein zollfreier Zugang zur EU könnte Verluste für indische Textil- und Schmuckexporteure in den USA ausgleichen", sagte Ajay Srivastava von der Denkfabrik Global Trade Research Initiative. Diese Branchen sind seit August von US-Zöllen in Höhe von 50 Prozent betroffen.

Ein Abkommen würde zudem die Zölle auf Textilien, Kleidung und Leder senken, wodurch indische Exporteure besser mit Konkurrenten aus Bangladesch und Vietnam mithalten könnten. Zudem ist Indien im Dienstleistungssektor - wie etwa im Softwarebereich - besonders stark und die Nachfrage in Europa ist hoch.

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Geopolitik als Katalysator

Es sieht also klassisch nach Win-Win aus. Deshalb sei die Frage erlaubt, warum die Gespräche mit dem bevölkerungsreichsten Land der Erde nun auch schon seit 2007 laufen - und man sich zwischendurch eine neunjährige Pause gönnte. Erst begünstigt durch die erratische Geopolitik der USA, kam in den vergangenen Monaten viel Schwung in die Verhandlungen. Donald Trump beschleunigte sozusagen ein fast 20-jähriges Versäumnis.

Im Moment beläuft sich das komplette Handelsvolumen zwischen EU und Indien nämlich auf vergleichsweise mickrige 136,5 Milliarden Euro. Was viel klingt, ist allerdings nur etwas mehr als zwei Prozent des kompletten EU-Außenhandels. Im Vergleich zu China (15 Prozent) und den USA (17 Prozent) im Prinzip fast nichts. Prädikat also: enorm ausbaufähig.

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Deshalb wäre ein Scheitern oder eine Panne in letzter Minute - wie beim Mercosur-Abkommen - wenig ratsam. "Die Gefahr kann man leider nicht ausschließen", sagt Samina Sultan. "Ein Scheitern wäre aber ein weiterer Rückschlag für die EU, ihre Handelsbeziehungen zu diversifizieren und Handlungsfähigkeit zu beweisen."

Es geht am Ende also nicht nur um eine Zwei-Milliarden-Chance, sondern auch um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit der EU als ernsthaftem Verhandlungs- und Handelspartner.

Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 27.01.2026 ab 05:30 Uhr und ZDFheute Xpress am 26.01.2026 um 10:48 Uhr in dem Beitrag "Von der Leyen und Costa in Indien".

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