Epilepsie im Leistungssport:Severin Freund: "Eine Diagnose legt keinen Lebensweg fest"
Skisprung-Weltmeister Severin Freund spricht im Interview über seine eigene Erkrankung, die Risiken im Leistungssport und den Umgang mit der Diagnose.
Lange Zeit war Severin Freund einer der Vorzeige-Skispringer in Deutschland. Er sprang dabei mit einer Epilepsie-Erkrankung.
20.08.2026 | 13:19 minZDFheute: Sie sind selbst von Epilepsie betroffen. Wie haben Sie damals gemerkt, dass gesundheitlich etwas nicht stimmt?
Severin Freund: Bei mir ist ein großer Anfall nachts aufgetreten. Ich selbst habe ihn gar nicht bemerkt, aber meine Eltern im Zimmer nebenan. Zum Glück war auch mein Hausarzt schnell da. Danach begann der Abklärungsprozess mit Neurologen und EEG.
Wegen des Sportkontexts hat man noch genauer hingeschaut und mich in eine Spezialklinik geschickt. Denn: Keine Epilepsie ist wie die andere, auch bei derselben Diagnose gibt es große Unterschiede. Bei mir ist es eine schlafgebundene, fokale Epilepsie, die große Anfälle mit Ganzkörperkrämpfen macht.
ZDFheute: Was war nach der Diagnose Ihr erster Gedanke?
Freund: Das war natürlich erst einmal ein Schock. Die Ärzte haben zu Beginn gesagt: Leistungssport ist nicht mehr drin. Ich hatte dann das große Glück, dass ein Verbandsarzt nachgeforscht und eine Zweitmeinung organisiert hat. Dort sah man das Ganze offener: Man könne erst einmal schauen, was möglich ist. Ich wurde medikamentös so eingestellt, dass es gut funktioniert hat.
Wie geht es weiter für Jamal Musiala? Er und der FC Bayern, so heißt es, gehen fest davon aus, dass er auf höchstem Niveau weiterspielen kann.
19.08.2026 | 1:30 minZDFheute: Sollte man mit Epilepsie überhaupt Leistungssport betreiben?
Freund: Es ist immer die Frage: Was will der Mensch? Natürlich kann man nach maximaler Sicherheit fragen, damit bloß nichts passiert. Gleichzeitig muss man fragen: Wie kann man trotzdem ein erfülltes Leben haben? Wenn Leistungssport ein großer Teil der Persönlichkeit, des Lebens und der Leidenschaft ist, sollte man versuchen, das zu erhalten. Für mich als Jugendlicher wäre es schrecklich gewesen, mit dem Skispringen aufhören zu müssen. Klar ist aber: Es muss immer eine individuelle Risikoabwägung geben.
ZDFheute: Wie mussten Sie Alltag und Training anpassen?
Freund: Grundsätzlich musste ich wenig verändern - außer natürlich die Medikamente zu nehmen und deren Management im Blick zu behalten. Das war die größere Baustelle. Als Leistungssportler kann man Nebenwirkungen weniger gut tolerieren, weil Körper und Geist immer 100 Prozent leistungsbereit sein sollten. Deshalb wurde meine Medikation während der Karriere auch immer mal wieder verändert.
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19.08.2026 | 10:00 minZDFheute: Worauf sollte man als Leistungssportler mit Epilepsie besonders achten?
Freund: Auch das ist individuell. Man weiß aber, dass Schlafentzug Anfälle begünstigen kann. Als Leistungssportler kann man das nicht immer vermeiden, aber man kann für einen möglichst regelmäßigen Schlafrhythmus sorgen. Genauso wichtig ist, die Medikamente morgens und abends zur gleichen Zeit einzunehmen und keine Dosis zu vergessen. Bei Zeitverschiebungen muss man entsprechend planen. Das ist sozusagen ein Baukasten, den man immer mitdenken muss.
ZDFheute: Wie beurteilen Sie den Umgang von Jamal Musiala und seinem Verein mit seiner Erkrankung?
Freund: Ich finde es sehr gut, dass sowohl er als auch der Verein das proaktiv kommunizieren. Man versucht offenbar, für ihn das Bestmögliche zu finden - als Sportler und als Mensch, mit Medizinern, Verein und seinem ganzen Team. Ich glaube, dass auch im Fußball grundsätzlich sehr viel möglich ist. Und selbst wenn eine Medikation gerade nicht optimal funktioniert, gibt es viele Möglichkeiten, Dinge auszuprobieren.
Der Fall Musiala ist auch Thema bei der Verleihung des Goldenen Schuhs an Bayern-Torjäger Harry Kane. So sagte Kane zu Musiala: "Er ist unser Mitspieler und Freund, wir leiden mit ihm."
20.08.2026 | 2:01 minZDFheute: Skisprung-Weltmeister Severin Freund spricht im Interview über seine eigene Erkrankung, die Risiken im Leistungssport und den Umgang mit der Diagnose.
Freund: Irgendwann kommt der Moment, wo man merkt: Es gehört einfach zu mir. Dann ist es genauso dabei wie andere Dinge auch - und auch im Wettkampf. Ich musste mir zum Glück nie Gedanken machen, dass es dort passieren könnte. Aber natürlich hoffst du trotzdem: Jetzt wäre es echt doof, wenn etwas wäre, weil nächste Woche wieder etwas Wichtiges ansteht. Du kannst es aber nicht kontrollieren.
Das Interview führte Pauline Herrle.
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