WM-Halbfinale gegen Argentinien:Erfüllt Thomas Tuchel Englands Titel-Traum?
von Frank Hellmann, Atlanta
60 Jahre nach dem bislang einzigen WM-Titel träumt das Mutterland des Fußballs vom Finale. Der deutsche Teamchef gibt fürs Halbfinale gegen Argentinien den Hoffnungsträger.
Er kritisiert, lobt und kitzelt Höchstleistung aus seinem Team: Englands Cheftrainer Thomas Tuchel
Quelle: WittersEs ist allemal ein geschickter Schachzug von Englands Nationalteam, den Vorlauf aufs WM-Halbfinale gegen Argentinien in Atlanta (Mittwoch, 21 Uhr MESZ/ARD) zu unterteilen. Ihr Abschlusstraining haben die "Three Lions" noch in Kansas City abgehalten, um erst dann in den Bundesstaat Georgia zu fliegen.
Ein typischer Tag in Atlanta sieht wegen der feuchten, warmen Luft vom Golf von Mexiko nämlich so aus: Mittags brauen sich dichte Quellwolken zusammen, die sich dann nachmittags oder abends in einem kräftigen Gewitter entladen.
England und Spanien treffen im zweiten WM-Halbfinale aufeinander. Beide Teams haben schon in der Vergangenheit einige große Duelle hinter sich.
14.07.2026 | 3:33 minAufgeladenes Halbfinale zwischen England und Argentinien
Dieser Showdown ist aufgeladen genug: Atlanta erlebt mit die intensivste Rivalität im Weltfußball, weil der Falklandkrieg und die Hand Gottes aus der WM 1986 noch immer reinspielen.
Thomas Tuchel hat damit nur wenig zu tun, denn der englische Teamchef hat zu diesem Zeitpunkt als Kind beim TSV Krumbach gekickt - und wusste nicht mal im Ansatz, dass er 2026 als Trainer vor einem WM-Finale stehen würde.
1986 trifft Maradona gegen England mit der "Hand Gottes" - ein nicht geahndeter Regelbruch, der ihn zum Symbol macht: zwischen Straßenjunge, Genie und Größenwahn.
30.10.2025 | 8:20 minEnglands Schmerzen währen schon sechs Jahrzehnte
Das Mutterland des Fußballs ist nur noch einen Schritt vom Endspieleinzug entfernt, um die in der Kulthymne "Football’s Coming Home" besungene Sehnsucht nach einem zweiten Titel seit der WM 1966 zu stillen.
In der Originalversion für die Heim-EM 1996 hieß es noch "Thirty years of hurt - never stopped me dreaming". Aus 30 Jahren sind inzwischen 60 geworden. Und nach so langem Leiden soll ein deutscher Fußballlehrer die Wunde heilen.
Die Fans haben jedenfalls den Vers für die US-Tour ein bisschen umgetextet. "Football’s Coming Home again, with Thomas Tuchel", dröhnte es schon nach dem Sechzehntelfinale gegen DR Kongo durch Fantreffs wie "Hudson Grille" in Atlanta, wo sich der Anhang in Hochstimmung singt und trinkt.
Im dritten Viertelfinale der WM 2026 treffen die von Thomas Tuchel trainierten Engländer in Miami auf den Geheimfavoriten aus Norwegen. Wer setzt sich durch und steht im Halbfinale?
12.07.2026 | 12:36 minBellingham bringt Leistung, Tuchel spricht Defizite an
Vielen gefällt’s, dass Tuchel die Defizite klar anspricht. Seine Kritik am bisweilen schwergängigen Auftritt gegen Norwegen (2:1 n.V.) hat ein breites Echo gefunden, weil Jude Bellingham in Miami leicht pikiert konterte: "Wahrscheinlich weiß er nicht, wie es ist, bei diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ödegaard, Antonio Nusa und Alexander Sörloth zu spielen."
Gleichwohl hatte der Matchwinner nicht gewusst, dass sich sein Coach deutlich differenzierter äußerte. Aber wer ist bei einer WM mit schrillen Ausschlägen schon an Zwischentönen interessiert? Und vielleicht ist es ja wirklich "die beste Zweckbeziehung des Sommers" ("Süddeutsche Zeitung")? Fakt ist doch, dass der 23 Jahre alte Bellingham volle Leistung abruft - und viel besser als bei Real Madrid spielt.
Auffällig, dass englische Alt-Internationale wie Alan Shearer oder Wayne Rooney die Aussagen von Tuchel "großartig" fanden. Zuvor hatte sein Vorgänger Gareth Southgate zwar auch mal gegrantelt, aber nie nach Siegen. Dann gab es Loblieder ohne Ende. Nur für den letzten Schritt oder den letzten Elfmeter hat es unter Southgate in acht Jahren nie gereicht.
Können die Three Lions bei den so heimstarken Mexikanern bestehen? Die großen Erwartungen an die Partie werden nicht enttäuscht. Elfmeter, Platzverweis und eine phantastische Stimmung inklusive.
06.07.2026 | 11:05 minKapitän Harry Kane geht als Vorbild voran
Der detailversessene Schwabe kitzelt aus einer funktionierenden Gemeinschaft viel heraus. Der 52-Jährige sagt selbst, dass die K.o.-Spiele in der schnellen Abfolge "ein neues Level an emotionaler Achterbahnfahrt" seien. Aber Team und Trainer bewahren dabei bislang kühlen Kopf.
England spielt strukturiert und steht weitgehend stabil. Klar, manchmal wirkt alles zu schablonenartig, aber in den richtigen Momenten waren entweder Bellingham oder eben Harry Kane da, beide je sechs Mal erfolgreich. Dazu hat der Trainer mit etlichen Einwechslungen etwas bewirkt.
Er versucht, das Beste aus uns herauszuholen, und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können".
Harry Kane, Englands Kapitän und kämpferisches Vorbild
Das klimatisierte Stadion im Herzen der Olympiastadt von 1996 könnte den Engländern helfen, doch wieder über Grenzen zu gehen. Anders wird der hochmotivierte Weltmeister mit Lionel Messi in einem aufgeladenen Abnutzungskampf wohl kaum zu besiegen sein.
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