Vor allem erste Hälfte schwach:Brasiliens Remis gegen Marokko: Ein Auftakt mit Fragezeichen
von Frank Hellmann, New Jersey
Die Zweifel am Rekordweltmeister Brasilien sind nach dem 1:1 gegen Marokko nicht weniger geworden. Trainerlegende Carlo Ancelotti hat noch viel Arbeit vor sich.
Die WM hat ihr erstes Topspiel gesehen. Zwischen Rekordweltmeister Brasilien und Marokko entwickelte sich in New Jersey eine intensive Partie.
14.06.2026 | 6:56 minWenn sich eine Menschenmasse in gelben Trikots die langen Abgänge des MetLife Stadiums langsam herunterschleppt und kaum mehr einen Mucks von sich gibt, dann ist Brasiliens Fußballseele getroffen.
Was am Nachmittag an vielen Plätzen in New York so freudvoll begonnen hatte, endete auf der anderen Seite des Hudson River in New Jersey in der Abenddämmerung in Enttäuschung: Vor allem entsprach das 1:1 der Seleção gegen Marokko zum WM-Auftakt nicht den fußballerischen Ansprüchen eines Rekordweltmeisters.
Raphinha noch lange nach Abpfiff enttäuscht
Nun ist ein solches Resultat gegen die Überraschungsmannschaft der WM 2022 fürwahr kein Beinbruch, dennoch haben die ohne den verletzten Superstar Neymar angetretenen Brasilianer ihre fast 50.000 Anhänger unter den 80.663 Zuschauern nicht begeistert.
Brasilien hat zum Auftakt in die WM gewackelt. Im Duell mit dem gefährlichen Geheimfavoriten Marokko reichte es für den Rekordweltmeister nur zu einem Remis. Die Highlights im Kommentar-Schnitt.
14.06.2026 | 15:13 minDass der weitgehend abgemeldete Stürmerstar Raphinha mit Abpfiff lange auf dem Rasen kauerte, während sich auf den Rangen eine ähnliche Ernüchterung ausbreitete, sprach Bände. Sein Ensemble war gerade in der ersten Halbzeit schlicht zu viel schuldig geblieben. Anfällig in der Defensive, einfältig in der Offensive.
Trainer Carlo Ancelotti sieht Verbesserungsbedarf
Trainer Carlo Ancelotti wusste, dass am Zuckerhut mehr Unterhaltung erwünscht ist, gleichwohl wollte der seit einem Jahr in der Verantwortung befindliche Italiener mit seinem Team nicht zu hart ins Gericht gehen: "Wir haben viele Bälle verloren, wir haben es in der zweiten Halbzeit besser gemacht. Es war das erste Spiel bei einer WM, da können wir nicht erwarten, dass alles perfekt läuft."
Vor dem WM-Auftakt des DFB-Teams gegen Curacao ist Bundestrainer Julian Nagelsmann bei ZDF-Reporterin Lili Engels im Exklusiv-Interview.
14.06.2026 | 4:54 minNiemand müsse nach einem Remis gegen einen gut organisierten, erste Halbzeit stark aufspielenden WM-Vierten gleich Abgesänge formulieren. Doch der 67-Jährige sagte auch: "Es ist klar, was wir besser machen müssen: Wir brauchen eine bessere Balance und eine größere Aggressivität."
Ancelotti lässt Kritik abprallen
Kritische Fragen prallten in dem klimatisierten Pressezelt auf dem riesigen Vorplatz des Meadowland Sports Complex weitgehend an "Don Carlo" ab, der in seinem dunklen Anzug mit Brille die Ruhe in Person blieb.
Warum er den unbekümmerten Jungstar Endrick von Olympique Lyon nicht gebracht habe, den sich viele Fans und Experten wünschten? "Wir müssen die Kritik akzeptieren, aber nicht über einzelne Spieler reden."
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Doch es will die kommenden Tage im feudalen Quartier "The Ridge" und im Columbia Park Trainingszentrum genau überlegt werden, welche Blutauffrischung diese Brasilianer brauchen. Mittelfeldabräumer Casemiro hat definitiv seinen Zenit überschritten - bereits zur Pause musste der verwarnte 34-Jährige Platz machen. Auch Mittelstürmer Igor Thiago blieb weitgehend blass.
Vinicius Junior muss mit Einzelaktionen vieles kaschieren
Zu viel hing bei den Südamerikanern an den Einzelaktionen eines Vinicius Junior, der sofort Gefahr ausstrahlte, wenn sich ihm am linken Flügel nur ein bisschen Raum bot.
Ausgerechnet als sein Team eigentlich komplett die Spielkontrolle abgegeben hatte und erster Unmut auf den Rängen mit Händen zu greifen war, knallte der kapriziöse Unterschiedsspieler von Real Madrid nach einer Körpertäuschung die Kugel mit 101 Stundenkilometern unhaltbar in die Maschen (32.).
Marokko zufrieden
Damit war der Rückstand egalisiert, den der vom FC Bayern umworbene Marokkaner Ismael Saibari mit einem feinen Lupfer nach einem Traumpass von Brahim Diaz erzielt hatte (21.). Daraus will Kapitän Achraf Hakimi viel Kraft für die kommenden Aufgaben schöpfen: "Wir können einiges Positives aus diesem Spiel mitnehmen."
Auch sein Trainer Mohamed Quahbi resümierte hernach zufrieden: "Wir sind glücklich nach diesem intensiven Match, auch wenn wir gewinnen wollten."
Im Grunde kam in dem Endspielstadion am ersten WM-Wochenende das typische Auftaktspiel zweier ambitionierter Teams zur Aufführung, die das letzte Risiko scheuten. Weil sie glauben, dass es in der Gruppe mit Haiti und Schottland zum Weiterkommen reichen wird. Doch die Zweifel an der Leistungsfähigkeit Brasiliens sind trotzdem gewachsen.
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