Hilfe für jüngere Patienten bei Arthrose:Neuer Knorpel fürs Knie mit der Distraktionstherapie
von Judith Arnold
Millionen Menschen leiden an Knorpel-Verschleiß. Bislang galt: Was weg ist, ist weg. Doch ein neues Verfahren bewahrt vor allem Jüngere vor einem künstlichen Kniegelenk.
Von Eisbaden bis künstliches Gelenk: Bei Knie-Schmerzen gibt es viele Therapien, doch oft keine echte Heilung. Neue Methoden aber machen bislang Unmögliches möglich. Wie rettet die Nase das Knie?
07.04.2026 | 43:30 minWenn jede Bewegung schmerzt, bedeutet das für die Betroffenen einen enormen Verlust an Lebensqualität. Die Diagnose Arthrose heißt: Der Knorpel zwischen den Gelenkknochen hat sich abgenutzt. Damit fehlt eine Art "Stoßdämpfer" und die Knochen reiben direkt aneinander. Chronische Schmerzen sind die Folge. Letzter Ausweg war bislang ein künstliches Gelenk.
Ziel: Knie-Prothese hinauszögern
Doch das hält nicht ewig und muss nicht selten nach 15 bis 20 Jahren ausgetauscht werden - besonders für Jüngere ein Problem. "Unser Ziel ist es, die erste Knie-Prothese hinauszuzögern", sagt Forscherin Mylène Jansen vom Uniklinikum Utrecht in den Niederlanden. "Dann bräuchten die Patienten später keine weitere OP, um das Gelenk zu erneuern, und sie bleiben länger aktiv."
Sie und ihr Team haben eine neue Apparatur entwickelt: für die sogenannte Kniedistraktion - eine Alternative zum künstlichen Gelenkersatz. Fachleute sprechen von einem echten Gamechanger.
Bisher kommt bei Gonarthrose meist ein künstliches Kniegelenk zum Einsatz. Wie das funktionieren kann, erzählt Hobby-Golfer Martin Berger.
10.06.2025 | 5:11 minKnorpel soll mit Therapie nachwachsen
In einer Operation, die etwa 30 bis 45 Minuten dauert, wird rund ums Knie ein spezielles Gestell an den Ober- und Unterschenkelknochen angebracht. Dieses überbrückt mit einem Federmechanismus das Kniegelenk und zieht das Gelenk etwa fünf Millimeter auseinander.
In dem entstandenen Spalt reiben die Knochen nicht mehr aneinander. Ohne diese Belastung erholt sich der kaputte Knorpel und bildet sich neu. Nach sechs Wochen wird das Gestell wieder entfernt, die Knorpelregeneration im Knie aber läuft noch über Monate weiter. Der Körper heilt sich selbst.
"Ich bringe nur den Fixateur an", sagt Kaywan Izadpanah vom Uniklinikum Freiburg. Der Orthopäde ist einer der Ersten, die das Verfahren in Deutschland anwenden. "Bis jetzt hat man gedacht, Knorpel hat nicht die Chance zu heilen", sagt er.
Dass sich wirklich Knorpelschäden wieder schließen, bietet ein enormes Potential für den Patienten.
Prof. Kaywan Izadpanah, Uniklinikum Freiburg
Arthrose ist eine der weltweit häufigsten Gelenkerkrankungen. Wie kommt es zu dem Verschleiß, welche Symptome können auftreten und welche Behandlungsoptionen stehen bisher zur Auswahl?
17.12.2024 | 5:01 minGesetzliche Krankenkassen zahlen Behandlung noch nicht
Die Gesamtkosten werden in Deutschland derzeit nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Izadpanah arbeitet aber daran, dass sich das bald ändert: "Es ist nicht nur unser Krankenhaus in Freiburg, sondern auch andere Krankenhäuser in Deutschland, die allmählich Patientenstämme aufbauen, Daten sammeln und die guten Ergebnisse an die Krankenkassen weitergeben können." So werde hoffentlich erreicht, "dieses Verfahren in Deutschland auch regelhaft zu implementieren", sagt Izadpanah.
Das wäre auch für das Gesundheitssystem eine gute Nachricht. Denn durch Arthrose entstehen allein in Deutschland jährlich etwa 16 Milliarden Euro Krankheitskosten.
Knorpelverschleiß, umgangssprachlich für Arthrose, betrifft jeden sechsten Erwachsenen in Deutschland. In der Gruppe der 65- bis 79-Jährigen klagt sogar jeder Dritte darüber. Besonders Knie, Hüfte, Fingergelenke und Wirbelsäule sind betroffen.
Arthrose ist weltweit die häufigste Gelenkerkrankung, und der Anteil der Betroffenen wird weiter zunehmen. Oft werden in jungen Jahren bereits die Weichen gestellt. Besonders bei Spitzensportlern: Tennis-Legende Boris Becker leidet unter Arthrose, ebenso Ex-Skirennfahrer Christian Neureuther. Und zwei von drei Fußball-Profis geben später an, Gelenkprobleme zu haben.
2024 haben in Deutschland mehr als 173.000 Menschen ein erstes Implantat am Kniegelenk bekommen, Folgeeingriffe nicht mitgezählt. Vielen gilt daher das neue Verfahren aus Utrecht als regelrechte Revolution in der Arthrose-Behandlung.
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