Noch-Kanzleramts-Chef Thorsten Frei :Der logische Nachfolger als Fraktionschef der Union
von Daniel Pontzen
Innerhalb der Unionsfraktion gab es auch Fürsprecher für andere Lösungen. Am Ende aber fiel die Wahl geradezu zwangsläufig auf Thorsten Frei. Folgt die Fraktion dem Kanzler?
Thorsten Frei soll neuer Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag werden. Der 52-jährige CDU-Politiker ist aktuell Chef des Bundeskanzleramts und gilt als enger Vertrauter von Kanzler Merz.
22.07.2026 | 0:29 minEr wisse nicht, wer Thorsten Frei zum Top-Kandidaten gemacht habe, davon höre er jetzt zum ersten Mal. Das sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Sonntag im ZDF-Sommerinterview. Und: Man werde "relativ bald" einen Vorschlag machen.
Rund drei Tage später hat sich der Bundeskanzler festgelegt - gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Die beiden Parteivorsitzenden von CDU und CSU schlagen traditionell jemanden vor für den Fraktionsvorsitz - und in aller Regel folgt die Fraktion, allerdings nicht immer.
Sehen Sie hier einen Auszug aus dem ZDF-Sommerinterview mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Darin deutet er eine Kabinettsumbildung an.
19.07.2026 | 0:33 minAuch Warken und Linnemann gehandelt
Diesmal gab es mehrere Kandidaten - und eine Kandidatin. Noch gestern warben in einer Videoschalte unter anderem mit den Landesgruppen-Chefs einige Teilnehmer auch für andere Lösungen.
So hieß es etwa aus dem Landesverband Niedersachsen, Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sei jetzt die Top-Besetzung, mit ihr würde man ein echtes Aufbruchsignal senden, und das sei jetzt nötig.
Mit CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann wurde zudem jemand gehandelt, der den fein austarierten Regionalproporz gewahrt hätte: Auf Jens Spahn aus NRW wäre ein anderer Vertreter aus der größten Landesgruppe gefolgt.
Die Unionsfraktion berät nächste Woche in einer Sondersitzung über die Nachfolge Jens Spahns. Ein möglicher Kandidat: Kanzleramtschef Thorsten Frei.
20.07.2026 | 2:47 minAuch Dobrindt hatte viele Fürsprecher
Viele Fürsprecher hatte zudem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) - etwa unter den jüngeren Abgeordneten. Noch gestern warben sie für ihn, als zentrale Figur im Machtzentrum der schwarz-roten Koalition müsse er es nun werden, nur er könne die Lücke in der aktuellen Lage adäquat schließen.
Formalien dürften dies nicht verhindern, so die Befürworter. Etwa, dass dann laut aktueller Vereinbarung sowohl der Chef der Fraktion als auch sein Erster Stellvertreter CSUler wären.
Und daran wäre es wohl auch nicht gescheitert - wenn Merz und Söder selbst für sich einen Nutzen in einer Nominierung Dobrindts gesehen hätten.
Alexander Dobrindt war schon Sprüche klopfender CSU-Generalsekretär, Architekt der PKW-Maut, Verkehrsminister. In der Regierung Merz ist er Innenminister und mächtiger Strippenzieher.
29.05.2026 | 15:07 minWar Söder gegen Dobrindt?
Formalien lassen sich ändern - nicht aber Befürchtungen: in der Union etwa - gerade in nördlicheren Landesverbänden - äußerten manche die Sorge, dass man dann nie wüsste: Vertritt Dobrindt nun in erster Linie Unions-Interessen, oder - qua DNA - zunächst immer bayerische Interessen?
Egal, wie berechtigt solche Sorgen gewesen wären - es gab sie, und deshalb musste Merz sie einpreisen.
Söder indes, hieß es aus Fraktionskreisen, könne kaum ein Interesse daran haben, dass Dobrindt in Berlin noch mächtiger werde. Schon zuletzt wurde der Innenminister als möglicher Söder-Nachfolger gehandelt - als CSU-Chef und/oder Ministerpräsident.
Jens Spahn hat als Politiker einen rasanten Aufstieg hingelegt. Obwohl er in seiner Karriere schon öfter unter Druck geriet, blieb er bis zuletzt einer der einflussreichsten Köpfe in der Union.
18.07.2026 | 1:56 minWarum es dann Frei wurde
Insofern galt als "safe bet", als wahrscheinlichste Variante, seit Tagen Thorsten Frei. Zumal der Kanzler (ja der, der sich Sonntag noch überrascht gab ob des Tipps) eben diesen Thorsten Frei noch nie so gelobt hat wie für dessen Arbeit in der Fraktion, wo er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer war:
Das ist eine nicht nur fachlich und politisch gute Zusammenarbeit gewesen, lieber Thorsten, das war auch menschlich und persönlich eine außergewöhnlich große Bereicherung für mich.
Bundeskanzler Friedrich März im April 2025
Und weiter: "Das, was wir gemeinsam in der Bundestagsfraktion geleistet haben, nämlich einen bedingungslosen Zusammenhalt, absolutes Vertrauen, absolute Vertraulichkeit und Verschwiegenheit" - das habe ihn dann für den Job im Kanzleramt prädestiniert.
Heute nun sagt Merz, Frei habe einen maßgeblichen Anteil am Erfolg der bisherigen Regierungsarbeit. "Die Reformerfolge der letzten Wochen sind auch sein Verdienst."
Im ZDF verteidigt Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) die von der Bundesregierung beschlossenen Reformvorhaben gegen Kritik. Es sei "ein riesiger Schritt nach vorne", sagt er.
05.07.2026 | 5:09 minFrei stand zuletzt in der Kritik
Zuletzt geriet Frei als Kanzleramtschef allerdings auch in die Kritik, etwa mit Blick auf den missratenen Koalitionstermin in der Villa Borsig im Frühling dieses Jahres. Auch deswegen sahen nun einige den perfekten Zeitpunkt gekommen, um geräuschlos, gesichtswahrend eine Veränderung vorzunehmen.
Zumal Frei in der Fraktion - ähnlich wie Dobrindt - hohe Anerkennung genießt. Mit dem Vorbehalt, dass er womöglich zu nett sei, wurde er einst in der SZ konfrontiert. "Ich vertrete meine Positionen konsequent", so seine Antwort, "notfalls mit Härte. Das zeigen auch die Ergebnisse."
Folgt Warken auf Frei?
Welches Ergebnis er kommenden Mittwoch erhält, wenn die Fraktion zur Wahl zusammenkommt, ist nun die für viele spannende Frage. Dass er durchfällt, prognostiziert niemand. Als Volker Kauder genau dies 2018 erlebte - und Gegenkandidat Ralph Brinkhaus für viele überraschend das Amt übernahm - war die Ausgangslage eine andere.
Ein solches Szenario jetzt wäre für die Union und ihre Führungsfiguren - angesichts ohnehin schlechter Umfragewerte - eine ziemlich ausgewachsene Katastrophe.
Bleibt die Frage nach Freis Nachfolger im Kanzleramt. Vielleicht kommt hier NRW-Landesgruppenchef Günter Krings zum Zug. Oder, was viele für wahrscheinlich halten: Nina Warken. Er tue alles, um die Präsenz von Frauen in Spitzenämtern zu erhöhen, sagte Merz am Sonntag im ZDF.
Daniel Pontzen ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
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