Provokationen und persönliche Angriffe:Lindholz kritisiert Frauenfeindlichkeit im Bundestag
Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz zeigt sich angesichts des rauen Umgangs im Bundestag besorgt. Vor allem der AfD fehle es an "Respekt gegenüber Frauen", sagt sie im ZDF.
Andrea Lindholz (CSU) ist Juristin mit den Schwerpunktthemen Innen- und Rechtspolitik.
Quelle: Jörg Carstensen/dpa/ArchivAndrea Lindholz sitzt seit 2013 für die CSU im Bundestag. Seit März 2025 ist sie Bundestagsvizepräsidentin und damit eine von vier Stellvertreterinnen und Stellvertretern der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, CDU.
ZDFheute: Wie würden Sie das Parlament in dieser Legislaturperiode beschreiben, was den Umgang miteinander angeht?
Andrea Lindholz: Ich bin ja seit 2013 im Bundestag und habe schon viel erlebt, aber man muss definitiv sagen, in dieser Legislaturperiode ist der Umgang miteinander sehr viel rauer geworden, und damit meine ich nicht in der Sache, sondern im Miteinander.
Es wird gerade von den extremen Parteien sehr fokussiert auf Social Media gesprochen, weniger für die Debatte und die Auseinandersetzung der Sachthemen hier im Plenum.
Andrea Lindholz, CSU, Bundestagsvizepräsidentin
Deswegen sind die Debatten auch wesentlich unschöner geworden und teilweise eben auch persönlich verletzend.
Bundestagspräsidentin Klöckner hat die AfD wegen frauenverachtender Äußerungen im Parlament deutlich ermahnt. Gegen den AfD-Abgeordneten Reichhardt wurde ein Ordnungsgeld verhängt.
16.10.2026 | 1:00 minZDFheute: Was bedeutet das für die Auseinandersetzung im Parlament?
Lindholz: Eigentlich sind wir hier mitten im Herzen der Demokratie, im Deutschen Bundestag, und wir sollten hier um die Sache ringen, um die besten inhaltlichen Lösungen.
Wenn aber das Sprechen für TikTok und Instagram und andere Social-Media-Kanäle im Vordergrund steht, dann leidet eine gute und gesunde Debattenkultur darunter.
Andrea Lindholz, CSU, Bundestagsvizepräsidentin
Dann geht es am Ende auch nicht mehr um die Sache, sondern es geht um Inszenierung. Damit leidet schlussendlich auch die Demokratie, denn sie lebt von unterschiedlichen Sachargumenten. Wir haben auch eine Vorbildfunktion, gerade auch für junge Menschen, und die wird aus meiner Sicht teilweise nicht erfüllt.
Mehr zum Klima im Bundestag gibt es heute ab 19:10 Uhr bei Berlin direkt. Gesprächsgast zur Lage der CDU und der Koalition ist der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel. Moderiert wird die Sendung von Andrea Maurer.
ZDFheute: Was heißt das eigentlich jetzt für Sie, eine Sitzungsleitung zu haben?
Lindholz: Wir haben 630 Abgeordnete. Ich sage immer, davon verhält sich die weit überwiegende Mehrzahl absolut anständig und angemessen, und diese Kolleginnen und Kollegen sind für uns als Sitzungsleitung gar kein Problem. Aber wir haben natürlich auch den einen oder anderen, der ganz bewusst überreizt, um möglichst gut auf Social Media abzuschneiden. Das betrifft überwiegend die extremen Parteien.
Das macht es für uns schwieriger, auch in der Sitzungsleitung, weil wir auch genau überlegen müssen, wo und wie greifen wir ein, wo lassen wir es laufen.
Das Schlimme ist, wir werden selbst noch zum Objekt für Social Media.
Andrea Lindholz, CSU, Bundestagsvizepräsidentin
Je unmittelbarer wir manchmal einschreiten, in einer Rede zum Beispiel, umso besser läuft der Social Media Auftritt des Kollegen von der AfD oder den Linken. Und genau das ist es ja, was wir nicht wollen. Und deswegen brauche ich Fingerspitzengefühl als Sitzungsleitung, um zu schauen, wann ich wo zu welcher Stelle was anbringe.
Herbert Wehner 1973 im Bundestag
"Übelkrähe", "Hodentöter": Spitzenreiter in Sachen Ordnungsrufe ist der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner mit insgesamt 58 Ordnungsrufen in fast 34 Jahren Parlamentszugehörigkeit.
Quelle: dpaZDFheute: Traditionell kam es immer schon zu Rügen und Ordnungsrufen im Parlament. Was ist jetzt anders als früher?
Lindholz: Es war immer mal so, dass man auch mal hart miteinander diskutiert hat und dass einem vielleicht auch mal in der Hitze der Debatte etwas rausgerutscht ist, was man so nicht sagen sollte. Das ist mir selbst auch schon passiert.
Aber dieses pausenlose, extreme Provozieren und das ständige Verwenden von Begriffen wie extremistisch, rassistisch, faschistisch oder auch die Bezichtigung der Lüge, das wir jetzt in sehr vielen Debatten erleben, selbst bei den harmlosesten Themen, und dann natürlich insbesondere von rechts und links und nicht von der Mitte dieses Hauses, das macht halt den Unterschied.
Und eine Rüge ist etwas anderes als ein Ordnungsruf. Also eine bloße Ermahnung hat keinerlei Konsequenzen, anders als ein Ordnungsruf oder ein Ordnungsgeld.
Sehen Sie hier die Szene im Video: Bundestagspräsidentin Klöckner verweist die Linken-Abgeordnete Köktürk des Saales wegen eines "Palestine"-Shirts. Später stört eine Besucherin die Sitzung.
04.06.2025 | 2:05 minZDFheute: Manchmal beklagen Abgeordnete, auch Frauen, dass es seitens der AfD auch zu einer Verunsicherung im Raum selber kommt, unabhängig von Social Media. Wie ist das Klima für Frauen im Parlament?
Lindholz: Das ist wirklich so, dass es Frauen fraktionsübergreifend auch schon an uns herangetragen haben und dass wir das auch spüren. Also ich will Ihnen einfach mal ein Beispiel geben.
Da tritt eine Frau an das Rednerpult und schon bevor sie spricht, gibt es die erste Bemerkung zu ihrer Person, und während sie spricht, gibt es pausenlose Zwischenrufe, die die Rede stören.
Andrea Lindholz, CSU, Bundestagsvizepräsidentin
Es gibt manchmal Sprüche über ihr Aussehen oder man versieht sie mit bestimmten Attributen.
Als Sitzungsleitung bekommt man oft gar nicht zu fassen, von wem was genau kommt. Wir werden dann oft von Kolleginnen und Kollegen darauf aufmerksam gemacht, aber da ist es dann schwierig einzuschreiten, weil man es selbst nicht genau wahrgenommen hat. Insbesondere wenn Frauen sprechen, spüren wir gerade von der AfD, dass der Respekt gegenüber der Rednerin ein anderer, ein geringerer ist.
Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel hat bei der Generaldebatte im Bundestag vor "Kopftuchmädchen" und "Taugenichtsen" gewarnt. Sie wurde dafür zur Ordnung gerufen.
16.05.2018 | 0:59 minDas haben wir in dieser Woche bei der Rede des Kollegen Martin Reichardt von der AfD wieder sehr deutlich erlebt, und das war kein Einzelfall. Daher habe ich auch bei der Verhängung des Ordnungsgeldes klar gesagt, dass es jetzt reicht. Einsicht kann ich bei den Betreffenden nicht erkennen, und das alarmiert mich gerade auch für den Umgang in der Gesellschaft mit Frauen.
Das Interview führte Dorthe Ferber, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.
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