Krankschreibung: Wie praxistauglich ist die geplante Änderung?

Das sagen Ärzte und Arbeitgeber:Aufreger Krankschreibung: Wie praxistauglich ist die Änderung?

Valerie Albert

von Valerie Albert

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Der Regierung sind die Deutschen zu lange krank. Daher soll auch die Krankschreibung neu geregelt werden. Aber ist die Änderung alltagstauglich? Das sagen Ärzte und Arbeitgeber.

Ärzte in weißen Kitteln in einer Klinik. (Symbolbild)

Die Reformen beinhalten neue Regelungen zu Krankschreibungen: Nicht mehr telefonisch und künftig ab dem ersten Krankheitstag. Wie sind die Reaktionen darauf von Ärzten, Patienten und Arbeitgebern?

03.07.2026 | 2:32 min

In der Hausarztpraxis von Axel Bullerkotte im niedersächsischen Pattensen südlich von Hannover ist es morgens am vollsten. Der Grund: Erkrankte kommen, um sich ein Attest ausstellen zu lassen. Viele weitere holen sich diese Krankschreibung per Telefon.

Bis zu 30 Atteste am Telefon in der Grippesaison

Nun plant die Koalition, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Axel Bullerkotte stellt während der Grippesaison bis zu 30 Atteste am Telefon aus. Das ist möglich, weil er seine Patienten gut kennt und ihnen vertraut. Würden alle Patienten in die Praxis kommen, würde diese aus allen Nähten platzen.

Die telefonische Krankschreibung ist eine große Entlastung.

Axel Bullerkotte, Dr. med., Hausarzt

Für Krankschreibungen hat er sich morgens extra Zeit geblockt, ehe die Regelversorgung beginnt. Ein höheres Patientenaufkommen bei aktuell schon hoher Arbeitslast verringere die Qualität der medizinischen Versorgung, so der Mediziner.

Wenn wir alle Patienten in der Praxis sehen müssen, dann werden wir automatisch normale Termine für Patienten nach hinten verschieben müssen.

Axel Bullerkotte, Dr. med., Hausarzt

Symbolbild: Eine Person hält eine ausgefüllte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in der Hand.

Geht es nach der schwarz-roten Koalition, müssen Erkrankte künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen. Hausärzte äußerten bereits Kritik an dem Reformplan.

02.07.2026 | 2:28 min

Attest soll schon ab Tag eins vorgelegt werden müssen

Neben dem Abschaffen der telefonischen Krankschreibung plant die Koalition eine Pflicht, schon am ersten Krankheitstag ein Attest vorzulegen. Dadurch kämen zusätzlich Patienten in die Praxis, auch für kurze Krankheitsdauern. Den damit verbundenen Mehraufwand sieht Axel Bullerkotte kritisch.

Wir kommen in die Situation sinnloser Bürokratie....aufwändige Prozesse wieder einzuführen, die wir längst abgeschafft haben.

Dr. med. Axel Bullerkotte, Hausarzt

Einzelfall-Regelungen können in Arbeitsvertrag einfließen

Bereits heute können Arbeitgeber verlangen, dass Beschäftigte ihre Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) schon am ersten Krankheitstag vorlegen, obwohl das Gesetz sie derzeit grundsätzlich erst ab dem vierten Kalendertag vorschreibt. Dafür muss das im Arbeitsvertrag explizit vereinbart werden.

Nach der geplanten Regelung würde sich dies ändern: Künftig wäre die Vorlage einer AU bereits ab dem ersten Krankheitstag der Regelfall. Arbeitgeber hätten jedoch weiterhin die Möglichkeit, zugunsten ihrer Beschäftigten Ausnahmen zuzulassen.

Diese Ausnahmen würden dann beispielsweise in Tarifverträgen geregelt werden.

Mehrere Hunderter und Fünfziger Euro Geldscheine liegen auf einem Tisch.

Die schwarz-rote Koalition hat ihre Reformpläne für Deutschland vorgestellt. Wirtschaftsverbände und Ökonomen äußern sich positiv, üben aber auch Kritik. Wo die Knackpunkte liegen.

02.07.2026 | 1:08 min

Unternehmen begrüßen Reformen

Im Fachhandel für Bäckereibedarf, Hefe van Haag, sieht Unternehmerin Janika Woltering-van Haag die Reform positiv. Hoher Krankenstand sei ein Problem für Deutschland. Eine verpflichtende Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung am ersten Krankheitstag schaffe Verlässlichkeit, so die Managerin.

Hier schafft man, wenn man da dran geht an das Thema, dass es mehr zur Zuverlässigkeit gibt und ich mehr auf mein Personal setzen kann.

Janika Woltering-van Haag, Unternehmerin

Dem Kanzler zu lange krank

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründete den Vorstoß mit den Worten: "Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch." Bereits im vergangenen Jahr hatte er den aus seiner Sicht hohen Krankenstand kritisiert und zudem die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung infrage gestellt.

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), spricht am 11.04.2024 in Berlin bei einer Pressekonferenz der Gesundheitsverbände zu politischen Forderungen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung gibt Kanzler Merz Rückendeckung bei der Kritik an vielen Krankmeldungen. Besonders die telefonische Krankschreibung kritisieren sie.

18.01.2026 | 0:23 min

Das sagen die Zahlen

Das wissenschaftliche Institut der AOK veröffentlichte im März Zahlen zu AOK-Versicherten. Diese waren 2025 im Schnitt 23,3 Tage krank - 2024 waren es 23,9 Tage.

Auch Zahlen der Techniker-Krankenkasse zeigen einen Rückgang auf 18,5 Krankheitstage.

Krankentage-Statistik: Deutschland im oberen Mittelfeld

Damit befindet sich Deutschland im internationalen Vergleich lediglich im oberen Mittelfeld. Deutlich höhere krankheitsbedingte Fehlzeiten verzeichnen die nordischen Länder sowie die Niederlande.

Besonders niedrige Fehlzeiten sind hingegen in Griechenland, Bulgarien und Rumänien zu beobachten. Das geht aus Zahlen der EU Arbeitskräftebefragung hervor.

Erst einmal ist der Reformvorschlag nur eine Absichtserklärung. Jetzt ist die Bundesregierung dran, diese Änderungen in Gesetze zu gießen.

Valerie Albert ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Niedersachsen.

Über das Thema berichtete das ZDF zuletzt mehrfach, unter anderem am 03.07.2026 im Mittagsmagazin ab 12 Uhr.

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  1. Markus Söder (CSU, l-r), Ministerpräsident von Bayern und CSU Vorsitzender, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Bärbel Bas (SPD), Bundesministerin für Arbeit und Soziales, und Lars Klingbeil (SPD), Bundesminister der Finanzen, geben im Garten des Kanzleramtes eine Pressekonferenz nach der Sitzung des Koalitionsausschusses.
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