Joschka Fischer über 9/11 und die Folgen:"Weg ist der islamistische Terrorismus nicht"
Ex-Außenminister Joschka Fischer blickt auf den 11. September 2001 zurück. 25 Jahre nach dem Anschlag in den USA zieht er Lehren. Was für Fischer noch immer aktuell ist.
Joschka Fischer (Grüne) war zum Zeitpunkt der Anschläge des 11. September 2001 Außenminister im Kabinett Gerhard Schröder (SPD).
Quelle: ZDFDie Anschläge vom 11. September 2001 veränderten die Weltpolitik grundlegend. Joschka Fischer (Grüne) war zur damaligen Zeit Außenminister für Deutschland im Kabinett von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Wie er den Tag erlebte und welche Konsequenzen er bis heute sieht.
Dokudrama "9/11 - Die Geiseln des Terrors": Teil eins schildert das Schicksal der Gefangenen in Afghanistan in den ersten Wochen. Auf wen können sie hoffen?
08.09.2026 | 43:49 minZDFheute: Wie haben Sie vom 11. September 2001 erfahren, und wo waren Sie gerade?
Joschka Fischer: Ich hatte diplomatische Verpflichtungen in Berlin, unter anderem die Einweihung der ungarischen Botschaft und ein offizielles Mittagessen mit dem Außenminister von Jemen. Als ich zurückkam ins Büro, war eine merkwürdige Atmosphäre im Vorzimmer. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren alle versammelt, guckten betroffen. Der Fernseher lief, und mein Büroleiter sagte mir, dass eine Passagiermaschine in das World Trade Center geflogen war. Meine erste Frage war: Unfall oder Terroranschlag?
Dann kam die Live-Übertragung des Anflugs und des Einschlags der zweiten Maschine. Danach sagte ich sofort: Terroranschlag. Gebt mir den Bundeskanzler.
ZDFheute: War die sofortige Erklärung der "uneingeschränkten Solidarität" mit den USA klug?
Fischer: Im Rückblick würde ich sagen, war es dringend geboten, nicht die kleinste Differenz zwischen den USA und uns zuzulassen. Die USA waren damals - und sind es bis heute - unser wichtigster Sicherheitspartner, von dessen Sicherheitsgarantie wir abhängen als Land. Da durfte es kein Wackeln und kein Zaudern geben, das war uns sofort klar.
Dieser Tag hatte aus diesem Grund zentrale Bedeutung nicht nur für uns, sondern für alle Europäer, denn die USA waren angegriffen worden.
Da durfte es nur eines geben: Solidarität.
Nach 9/11 wächst die Angst, nicht nur in den USA. Feindbilder verbreiten und verfestigen sich. Krisen, Überwachung und Hass im Netz tragen zum viralen Erfolg von Verschwörungstheorien bei.
29.08.2026 | 44:00 minZDFheute: Was hat sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verändert?
Fischer: Die USA waren angegriffen worden. Da musste man kein Genie sein, um unmittelbar die Schlussfolgerung zu ziehen, dass sie zurückschlagen würden. Die Frage war: Wer war das? Ich war mir ziemlich sicher, dass die Spuren Richtung Al-Qaida führen. Das hat sich ja dann auch bewahrheitet.
Und heute kann ich sagen, ohne ein Geheimnis zu verraten, dass die Geheimdienste im Vorfeld bemerkt hatten, dass sich etwas bei denen tut. Diese Vermutung kam daher, da sie flächendeckend abgehört und bemerkt hatten, dass sich das Kommunikationsverhalten verändert hatte. Die Al-Qaida-Terroristen sind auf Tauchstationen gegangen, haben die Kommunikation abgebrochen. Das wurde registriert. Es gab aber keinen konkreten Hinweis.
Fünf Wochen vor den Terroranschlägen des 11. September 2001 in den USA werden in Afghanistan acht Entwicklungshelfer und 16 Ortskräfte verhaftet. Ihnen droht die Todesstrafe. Dann verändert 9/11 alles. Während die USA den Taliban mit Krieg drohen, geraten die Gefangenen zwischen die Fronten.
Das Dokudrama "9/11 - Die Geiseln des Terrors" rekonstruiert ihre mehr als 100 Tage dauernde Haft mit Interviews, Zeitzeugenberichten und Spielszenen. Sie können die Folge "Gefangen in Kabul" am 8. September um 20:15 Uhr im ZDF sehen, die Folge "105 Tage" wird am 10. September um 1:45 Uhr gezeigt. Beide Folgen gibt es jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.
ZDFheute: Die Frage der militärischen Beteiligung Deutschlands sorgte damals für eine echte Zerreißprobe…
Fischer: Wir Grüne hatten da ein besonderes Problem. Für mich war klar: Wenn wir hier irgendetwas unternehmen, was Richtung Entsolidarisierung mit den USA geht, die angegriffen wurden, dann begehen wir einen riesigen politischen Fehler. Da war ich auch mit dem Kanzler einig, daher seine frühe Festlegung auch auf militärische Solidarität.
Rauchwolken über Manhattan nach dem Angriff auf das World Trade Center
Quelle: ZDF/ picture-allianceEs war völlig klar, Deutschland würde sich beteiligen. Ob das unter einer rot-grünen Regierung sein würde, das war vor der Abstimmung offen. Hätte es keine Mehrheit gegeben, wäre die Koalition zu Ende gewesen. Aber die Bilder von Menschen, die von den Twin Towers in den Tod stürzten, waren dann sicher das entscheidende Argument. Man konnte dem nicht tatenlos zusehen. Die USA waren unser wichtigster Sicherheitspartner.
Welche Hoffnungen können sich die Helfer machen, während die Taliban in Afghanistan selbst unter Druck geraten? Teil zwei des Dokudramas schildert, wie sich ihre Haftzeit nach 9/11 verschärft.
10.09.2026 | 44:00 minZDFheute: Warum lehnte Deutschland eine Beteiligung am Irak-Krieg ab?
Fischer: Hätte mir jemand Beweise vorgelegt, dass Saddam Hussein bei 9/11 seine Finger im Spiel gehabt hätte, hätte ich eine andere Haltung eingenommen. Aber nach allem, was mir an Information vorlag, war der Irak eine nicht zu Ende gedachte Racheaktion für den ersten Golfkrieg und für den Versuch, den Vater von George W. Bush durch ein Attentat zu töten. Wir waren der festen Überzeugung, dass dies nicht nur die falsche Motivation ist, sondern den Nahen Osten auf furchtbare Art und Weise destabilisieren würde.
Mit der Jagd nach den Hintermännern von 9/11 wächst die Bedeutung der US-Geheimdienste und militärischer Drohnen. Durch Rechtsverstöße und Folter setzen die USA ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
29.08.2026 | 44:45 minZDFheute: Wie hat sich die internationale Sicherheitslage seit 2001 verändert?
Fischer: Al-Qaida wurde besiegt, aber es kamen andere Gruppierungen. Der Islamische Staat beschäftigt den Nahen Osten und die internationale Gemeinschaft bis heute. Die Gefahr des Islamismus, des islamistischen Terrors, existiert nach wie vor, er ist nur in den Hintergrund getreten durch Konflikte im Nahen Osten.
Für uns in Europa ist die territoriale Landesverteidigung in den Vordergrund getreten durch das Agieren von Russland in der Ukraine. Damit haben sich gewisse Prioritäten verschoben.
Aber weg ist der islamistische Terrorismus nicht.
ZDFheute: Hat sich die Bündnistreue Deutschlands 2001 ausgezahlt?
Fischer: Es gab keine richtige Alternative dazu. Wenn Sie mich 2001 gefragt hätten, ob wir im Jahr 2026 eine Situation haben, in der ein gewählter amerikanischer Präsident eine große Bedrohung für die Fortexistenz der Nato darstellt, hätte ich Sie für verrückt erklärt. Dass Putin in der Ukraine seit vier Jahren Krieg führt und dass Trump und die Trumpisten in Washington überlegen, die Ukraine und damit auch Europa zu verraten, hätte meine Fantasie nicht zugelassen. Aber das ist nun mal die Realität, der wir uns stellen müssen.
Der Schock von 2001 vertieft politische und gesellschaftliche Gräben: Vom Aufstieg des Rechtspopulismus über die Erosion des Vertrauens in Medien bis zum Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan.
29.08.2026 | 44:39 minZDFheute: Gibt es etwas, was man aus 2001 für heute lernen kann aus Ihrer Sicht?
Fischer: Man darf die Gefahr des Terrorismus nicht unterschätzen. Man wusste, Al-Qaida, die sind da, die sind eine Bedrohung. Aber man hat sie offensichtlich nicht in dem Maße ernst genommen, wie es notwendig gewesen wäre.
Ich hoffe, dass unsere Dienste und die politisch Verantwortlichen aus 9/11 gelernt haben, dass man terroristische Gefahren nicht unterschätzen darf.
Zumal ja auch das Risiko besteht, dass feindliche Mächte Terroristen als provokatives Instrument oder als Instrument zur Schwächung von anzugreifenden Strukturen einsetzen. Die Verknüpfung von territorialer und terroristischer Gefahr, die darf man nicht vergessen, auch und gerade in der heutigen Situation.
Das Interview führte Ingo Helm.
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