Irans Revolutionsgarden auf EU-Terrorliste: Was bedeutet das?

Revolutionsgarden auf EU-Terrorliste:Wie hart trifft die Terrorlistung Teherans Machtapparat?

Ninve Ermagan

von Ninve Ermagan

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Tausende Tote, Folter, Einschüchterung bis nach Europa: Die EU stuft Irans Revolutionsgarden als Terrororganisation ein. Doch wie hart trifft die Listung Teherans Machtapparat?

Kadetten der iranischen Revolutionsgarde marschieren während einer jährlichen Militärparade anlässlich des Jahrestages des Kriegsbeginns des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein gegen den Iran vor 44 Jahren vor dem Schrein des verstorbenen Revolutionsgründers Ayatollah Khomeini in der Nähe von Teheran

Die EU-Staaten haben die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation eingestuft. Grund sei die Tötung Tausender regierungskritischer Demonstranten in Iran.

30.01.2026 | 2:36 min

Tausende Tote, Schüsse auf Demonstrierende, jahrelange Repression: Irans Revolutionsgarden (IRGC) stehen für die Gewalt, mit der das Regime seine Macht im Inneren absichert. Und über ihren Auslandsarm - die Al-Quds-Brigaden - wirken sie auch über die Grenzen hinaus: Anschläge, Entführungen und andere verdeckte Operationen werden ihnen zugeschrieben.

Nach langem Zögern hat die EU die Revolutionsgarden nun als Terrororganisation eingestuft - das Europäische Parlament hatte diesen Schritt bereits seit drei Jahren gefordert.

Doch ist das nur Symbolpolitik oder entfaltet die Entscheidung tatsächlich konkrete Wirkung?

Unterstützung für Irans Revolutionsgarden wird kriminalisiert

Die Iran-Expertin Ulrike Becker von der Amadeu Antonio Stiftung widerspricht der verbreiteten Einschätzung, die Terrorlistung der Revolutionsgarden sei vor allem Symbolpolitik. Denn sobald eine Organisation auf die EU-Terrorliste gesetzt werde, träten automatisch Sanktionen in Kraft: Vermögen werde eingefroren, wirtschaftliche Beziehungen erschwert - und vor allem werde es Dritten verboten, den Revolutionsgarden "Gelder oder Ressourcen zur Verfügung zu stellen".

Sgs-wiese-schäfers

Man habe sich durchgerungen, die Revolutionsgarden auf eine Stufe zu stellen mit Hamas, Al-Kaida und auch dem Islamischen Staat, sagt Isabelle Schaefers in Brüssel.

30.01.2026 | 1:41 min

Das sei ein zentraler Hebel, weil die Revolutionsgarden in Europa über ein "weit verzweigtes Netzwerk aus Tarnfirmen und diplomatischen Einrichtungen" operierten.

Auch die Unterstützung der IRGC wird kriminalisiert - und das ist sehr wichtig, um den Bewegungsspielraum der Revolutionsgarden in der EU einzuschränken.

Ulrike Becker, Iran-Expertin

Die Terrorismus-Expertin Rebecca Schönenbach bestätigt: "Kein Mitglied der Revolutionsgarde kann einreisen in die EU - es gilt ein komplettes Einreiseverbot." Unter Umständen könnten davon auch Angehörige betroffen sein, etwa wenn sich familiäre Verbindungen nachweisen ließen. Das treffe dann vor allem "Kinder von hochrangigen Revolutionsgarden, die zum Beispiel in Europa studieren".

Die Wirtschaft und das politische System in Iran stecken in einer tiefen Krise. Seit Dezember gibt es immer wieder Proteste: Die Menschen fordern den Sturz der Islamischen Republik. Seit der Islamischen Revolution 1979 hält sich das Mullah-Regime um den Obersten Führer an der Macht, seit 1989 ist das Ajatollah Ali Chamenei. Präsident ist seit 2024 Massud Peseschkian. Hauptstadt ist Teheran. Circa 92 Mio. Einwohner. Menschenrechte stark eingeschränkt. Hohe Inflation, Arbeitslosigkeit und Armut – internationale Sanktionen, Misswirtschaft und Korruption verschlimmern die Lage. Internationale Befürchtungen, dass Iran Atomwaffen bauen will.

Expertin: Terror-Einstufung hat finanzielle Konsequenzen

Außerdem hätte die Listung nach Schönenbachs Einschätzung massive finanzielle Folgen:

Zusätzlich werden alle Konten eingefroren - sowohl die persönlichen Konten der Mitglieder der Revolutionsgarden als auch die Konten ihrer Geschäfte.

Rebecca Schönenbach, Terrorismus-Expertin

Geschäftsbeziehungen zu IRGC-nahen Strukturen wären damit faktisch untersagt. Entscheidend sei dabei auch der Bankensektor: In Deutschland gebe es laut der Expertin mehrere Bank-Institute mit Verbindungen zum iranischen Regime.

Das Staatsoberhaupt der islamischen Republik Iran, Ali Hosseini Khamenei, spricht in einem braunen Gewand. Neben ihm ist ein großes Fragezeichen zu sehen.

Ali Hosseini Khamenei ist ein Mann mit einem klaren Plan für sein Land. Irans allmächtiger Staatschef und Revolutionär ist gewillt, ihn mit brutaler Härte durchzusetzen.

02.06.2023 | 15:39 min

Einschränkung von Radikalisierungseffekten

Ein Effekt, der aus ihrer Sicht häufig unterschätzt werde, sei die Einschränkung von Radikalisierungsaktivitäten. Die Terrorlistung würde demnach auch Veranstaltungen unterbinden, die der Mobilisierung dienten:

Das heißt: Die Gedenkveranstaltungen, die in etlichen Moscheen in Deutschland abgehalten wurden und erfolgreich Jugendliche radikalisieren, sind damit auch unterbunden.

Rebecca Schönenbach, Terrorismus-Expertin

Das sei "eine nicht zu unterschätzende Auswirkung des Verbots". Schönenbach nennt zudem weitere Schritte, die Deutschland ergreifen könnte, etwa das Schließen regimenaher Einrichtungen. "Eine weitere Möglichkeit wäre, das Al-Mustafa-Institut, ein Islam-Insitut in Berlin, die auch Verbindungen haben zum Regime, zu schließen in Deutschland." Auch diplomatisch könne Deutschland nachziehen, um ein klares Signal zu setzen:

Man müsste auch den iranischen Botschafter ausweisen und die diplomatischen Beziehungen auf Geschäftsebene herunterstufen.

Rebecca Schönenbach, Terrorismus-Expertin

Friedliche Proteste der Iraner in Lissabon

Immer mehr Videos aus Iran dringen an die Öffentlichkeit, die die Brutalität der Sicherheitskräfte zeigen. Augenzeugen und Experten sprechen von Massakern an Protestierenden.

26.01.2026 | 3:06 min

Expertin fordert: Nationale Umsetzung in Deutschland

Die Menschenrechtsorganisation HAWAR.help begrüßt die Einstufung als Terrororganisation und spricht von einer politischen Zäsur:

Europa erkenne erstmals offiziell an, dass das Rückgrat des iranischen Regimes eine Terrororganisation sei.

HAWAR.help, Menschenrechtsorganisation

Das markiere einen grundlegenden Wandel im europäischen Umgang mit Iran. Gleichzeitig sei die Listung zu lange hinausgezögert worden, erklärt Mitarbeiterin Mariam Claren. Zentral sei deshalb nun, dass die Listung nicht zu einem symbolischen Akt verkomme.

Käufer spazieren am 28. Januar 2026 durch den Tajrish Basar in Teheran

Am Großen Basar in Teheran stockt das Geschäft. Preise steigen rasant, Kunden bleiben aus. Viele Händler berichten von Verzweiflung und fehlender Zukunftsperspektive.

29.01.2026 | 1:51 min

"EU hat zu lange weggeschaut"

Die Vorsitzende von HAWAR.help, Düzen Tekkal, betont, entscheidend sei jetzt vor allem "die Spur des Geldes": Man dürfe die Revolutionsgarden nicht nur als militärische Macht verstehen, sondern als internationale Wirtschafts- und Einflussmacht, an deren Strukturen auch Europa über Jahre mitverdient habe.

Tekkal verweist in diesem Zusammenhang auch auf Deutschlands Rolle als wichtiger Handelspartner innerhalb der EU - und kritisiert, es sei zu lange "weggeschaut worden auf Kosten der Menschen, die dafür Blutgeld zahlen mussten". Gleichzeitig warnt Tekkal vor dem "verlängerten Arm" der Revolutionsgarden auch in Europa. Ihr eigenes Engagement zeige, wie real die Bedrohung sei:

Auch wir werden persönlich - und als Organisation - für unsere Forderungen angegriffen. Wir wurden sogar von den Sicherheitsbehörden gewarnt, trotzdem fühlen wir uns nicht ausreichend geschützt.

Düzen Tekkal, Vorsitzende von HAWAR.help

Auch Rebecca Schönbach warnt vor möglichen Reaktionen Teherans. "Mit dem Verbot steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Regime Anschläge verübt, um seine Macht gegenüber iranischen Dissidenten zu demonstrieren." Deshalb müsse man den Schutz erhöhen:

Vor allem der Schutz von iranischen Dissidenten und von jüdischen Einrichtungen müsste erhöht werden.

Rebecca Schönbach

Über dieses Thema berichtete das heute journal update am 30.01.2026 ab 00:15 Uhr.

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