Proteste gegen Irans Regime:Experte zu Lage in Iran: "Ein Massaker historischen Umfangs"
Im ZDF-Interview spricht Politikwissenschaftler Dr. Ali Fathollah-Nejad über die Proteste in Iran, den Zustand des Mullah-Regimes und die Rolle des ehemaligen Kronprinzen.
Die "Trumpsche Politik" habe die Menschen "ins offene Messer" laufen lassen, erklärt Dr. Ali Fathollah‑Nejad, Direktor des Center for Middle East and Global Order.
19.01.2026 | 7:04 minZDF: Herr Fathollah-Nejad, was hören Sie von den Protesten? Sind Sie wirklich niedergeschlagen?
Ali Fathollah-Nejad: Es ist ein Massaker historischen Umfangs. Auch für jemanden, der seit über zwanzig Jahren zu dieser Region arbeitet, habe ich so etwas innerhalb so einer kurzen Zeit noch nicht erlebt. Wir haben mittlerweile Augenzeugenberichte, die unbeschreibliche Szenen beschreiben.
Es ist ein Point-Of-No-Return innerhalb eines nationalen revolutionären Aufstandes des gesamten iranischen Volkes gegen eine Diktatur, die durch ihre Politik das Land in den Ruin treibt.
...ist Gründer und Direktor des "Center for Middle East and Global Order" (CMEG). Der Thinktank befasst sich mit politischen Umbrüchen und tritt für eine Außenpolitik ein, die Interessen und Werte miteinander in Einklang bringt.
Der deutsch-iranische Politikwissenschaftler beschäftigt sich vor allem mit Iran und dem Nahen Osten. Er ist Autor des Buches "Iran – wie der Westen seine Werte und Interessen verrät".
ZDF: Es ist ja wahnsinnig schwer, an Informationen, an Bilder zu kommen. Wir hatten unsere Korrespondentin vor Ort und auch für sie war es schwer zu arbeiten. Woher bekommen Sie Ihre Informationen?
Fathollah-Nejad: Das Internet wurde ja ausgeschaltet. Und nicht nur das Internet, sondern auch das Handynetz und auch das Festnetz. Und unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit wurde ja dieses grausame Massaker innerhalb von zwei, drei Tagen durchgeführt. Das bedeutet, man kann immer noch sehr schwierig Kontakt nach Iran halten. Mittlerweile können die Leute raus telefonieren. Es gibt Leute, die das Land verlassen und davon berichten. Also bekommt man so schon einiges mit, was wirklich passiert ist. Es ist die Rede davon, dass die Straßen wirklich nach Blut riechen.
Viele Menschen in Iran wünschen sich Hilfe von außen, aber nicht als Militärschlag, berichtet ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa aus Teheran.
16.01.2026 | 7:26 minZDF: Der Bundeskanzler hat sich vor einigen Tagen geäußert. Er hat gesagt, er rechne mit einem schnellen Ende des Mullah-Regimes. Danach sieht es ja im Moment nicht aus. Aber ist es vielleicht geschwächt? Und was sagen Sie zu dieser Einschätzung des Bundeskanzlers?
Fathollah-Nejad: Ich glaube, ein Regime, das dermaßen mordet, hat erstens keine Legitimität und hat auch keine große Zukunft mehr. Allerdings ist es so, dass natürlich dieser Repressionsapparat, diese Tötungsmaschinerie noch funktioniert.
Es ist eine Tötungsmaschinerie, die versucht, eine klerikale, militärische, oligarchische Diktatur am Leben zu halten, die vollends gescheitert ist.
Ich glaube, dass die Sache nicht beruhigt werden kann. Es ist sicherlich so, dass sie sich etwas beruhigt hat aufgrund dieser sehr vielen Toten. Aber es ist ein revolutionärer Prozess, der in Iran vonstatten geht. Und ich denke, wir werden diesbezüglich noch sehr viel sehen.
Das Mullah-Regime in Iran steht unter Druck, geht mit aller Härte gegen Demonstranten vor. Deutschland verurteilt das Vorgehen, hält sich aber ansonsten zurück.
18.01.2026 | 4:12 minZDF: Der sogenannte Westen beklagt die Situation vor Ort. Ich habe gerade den Bundeskanzler genannt, der rechnet mit einem schnellen Ende. Gleichzeitig wird noch Handel betrieben mit Iran von deutscher Seite und gleichzeitig setzt man sich nicht richtig dafür ein, dass zum Beispiel die Revolutionsgarden auf eine Terrorliste kommen. Auch der US-Präsident hat nebulös angekündigt, Hilfe sei auf dem Weg. Wie kommt das alles bei Ihnen an?
Fathollah-Nejad: Das kommt bei den Menschen in Iran auch nicht gut an. Präsident Trump hat ja versprochen, dass Hilfe unterwegs sei, am Ende aber nichts gemacht.
Diese Trumpsche Politik hat auch die Menschen ins offene Messer laufen lassen.
Es gibt Signale, dass die Trump-Administration eher einen Deal mit den Herrschenden sucht. Ich glaube, es ist an der Zeit, die Iran-Politik vollends zu verändern. Es muss Richtung einer diplomatischen Isolation dieses Regimes gehen. Es kann nicht sein, dass ein Staat seine Schutzverantwortung auch unter dem Völkerrecht nicht einhält und gegen Menschen, wohlgemerkt junge Menschen oftmals, die mit leeren Händen auf die Straße gegangen sind, so brutal durchgeht.
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17.01.2026 | 2:47 minZDF: Der Sohn des ehemaligen Schahs ist ja auch eine Figur, die sich immer wieder zu Wort gemeldet hat. Jetzt hat Herr Pahlavi angekündigt, dass er zurückkehren wolle nach Iran. Wie beurteilen Sie seine Rolle und welche Stellung nimmt er ein in dieser Oppositionsbewegung?
Fathollah-Nejad: Also, der ehemalige Kronprinz Reza Pahlavi ist mittlerweile der wichtigste iranische Oppositionspolitiker. Aber dieser Aufstand hat nichts primär mit ihm zu tun. Allerdings hatte er durchaus durch seine Aufrufe bewiesen, dass er eine gewisse Mobilisierungskraft hat.
Er ist zu einer Symbolfigur geworden, weil die Verhältnisse innerhalb der Islamischen Republik, also nach der Revolution 1979, einfach inakzeptabel sind.
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16.01.2026 | 12:07 minAlso gibt es durchaus eine Sehnsucht gegenüber den vorrevolutionären Verhältnissen, die durchaus natürlich nachvollziehbar ist. Er ist durchaus eine Symbolfigur, aber er hat keine Organisationsmacht vor Ort. Also er hat keine Strukturen vor Ort, die das Machtverhältnis zwischen Gesellschaft und Staat verändern könnten. Wir sehen auch ein Machtverhältnis, das sehr stark noch zugunsten dieses brutalen Regimes ist.
Das Interview führte ZDF-Moderator Mitri Sirin.
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