12.000 Tote in Iran? Was wir über die Opferzahlen wissen

Faktencheck

Proteste brutal niedergeschlagen:12.000 Tote in Iran? Was wir über die Opferzahlen wissen

ZDFheute Update - Jan Schneider

von Jan Schneider

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In sozialen Netzwerken ist von 12.000 Toten bei den Protesten in Iran die Rede. ZDFheute hat Videos analysiert und Opferzahlen von Menschenrechtsorganisationen ausgewertet.

Menschen nehmen an einer Solidaritätskundgebung in Berlin teil, um die Anti‑Regierungsproteste im Iran zu unterstützen.

Wie viele Menschen wurden bei Protesten in Iran getötet? In Berlin solidarisierten sich Menschen mit den Demonstrierenden.

Quelle: AP

Nach großen Demonstrationen in der vergangenen Woche sind die Massenproteste in Iran vorerst verstummt. Die Staatsführung hat versucht, die Proteste im Land schnell und gezielt niederzuschlagen und zu unterdrücken. Durch die landesweite Internetsperre wurde das Ausmaß der Gewalt dabei nicht direkt sichtbar. Mittlerweile gibt es immer mehr Berichte über Tote und Verletzte bei den Demonstrationen - vereinzelt wird auch von regelrechten Massakern gesprochen.

Unter den Social-Media-Beiträgen des ZDF zur Lage in Iran häufen sich derweil Kommentare mit einer erschreckenden Zahl: 12.000 Tote soll es bei den aktuellen Protesten bereits geben. ZDFheute hat Videos aus Iran analysiert - darunter Aufnahmen aus Leichenhallen, die wir aufgrund ihrer Brutalität nicht zeigen wollen. Was lässt sich über die Opferzahl sagen?

Ein Foto zeigt das Wrack eines verbrannten Busses

Die Lage im Iran bleibt angespannt. Nach massiver staatlicher Gewalt sind kaum noch Proteste auf den Straßen zu sehen. Menschenrechtsgruppen berichten von tausenden Opfern.

15.01.2026 | 1:49 min

Die Opferzahlen im Überblick

Die Angaben zu Opferzahlen für das ganze Land variieren stark je nach Quelle. Aussagen unabhängiger Organisationen liegen deutlich unter den 12.000, die in vielen Kommentaren genannt werden:

  • Human Rights Activists News Agency (HRANA) berichtet von mindestens 2.615 Getöteten, darunter 13 Minderjährige, sowie 153 getöteten Sicherheitskräften. HRANA hat nach eigenen Angaben Daten von insgesamt 617 Protestkundgebungen registriert. Die Demonstrationen fanden in 187 Städten statt und erstreckten sich über alle 31 Provinzen des Landes. (Stand: 15. Januar 2026)
  • Iran Human Rights (IHRNGO) mit Sitz in Norwegen spricht von mindestens 3.428 Menschen, die in den vergangenen drei Wochen ums Leben gekommen sind. Nach Angaben des Ministeriums für Gesundheit und medizinische Ausbildung der Islamischen Republik sollen allein zwischen dem 8. und 12. Januar mindestens 3.379 Todesfälle von Demonstranten registriert worden sein, berichtet die Organisation. (Stand: 15. Januar 2026)
  • Die Organisation für Menschenrechte Hengaw hat bei den jüngsten Protesten im Iran mehr als 2.500 Getötete gezählt. Das Verifizierungsteam der Organisation überprüft täglich die Identität der Opfer und veröffentlicht die bestätigten Namen. Bislang wurden die Identitäten von 143 Personen vollständig verifiziert und auf den Plattformen von Hengaw erfasst. (Stand: 15. Januar 2026)
  • Amnesty International spricht von mindestens 2.000 Toten in Iran - und fordert die UN-Mitgliedstaaten dringend auf, koordiniert Maßnahmen zu ergreifen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern, unter anderem durch die Einberufung von Sondersitzungen des UN-Menschenrechtsrats und des UN-Sicherheitsrats. (Stand: 14. Januar 2026)

Schaltgespräch mit Phoebe Gaa in Iran

"Es ist wahnsinnig gefährlich, auf die Straße zu gehen und sich regierungskritisch zu zeigen", beschreibt ZDF-Reporterin Gaa als einzige westliche Journalistin die Lage in Iran.

13.01.2026 | 4:55 min

Woher kommt die Zahl von 12.000 Toten?

Die oft zitierte Zahl von 12.000 Toten stammt aus einem Bericht von Iran International, einem 2017 gegründeten, privaten persisch-sprachigen Nachrichtensender mit Sitz in London, der international über Satellit, Internet und andere Kanäle rund um die Uhr Nachrichten, Berichte und Analysen über den Iran und die Region ausstrahlt.

Der Bericht stützt sich auf Quellen aus dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat des Iran, dem Präsidentenamt und der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) - also auf staatliche Stellen des Regimes. Iran International schreibt selbst, dass diese Zahl schwer zu verifizieren sei.

Der Sender richtet sich insbesondere an Menschen in Iran und in der iranischen Diaspora und operiert unabhängig von staatlich kontrollierten Medien. Die iranische Regierung stuft Iran International als "terroristische Organisation" ein und verbietet jegliche Zusammenarbeit.

Ein Videostandbild vom 14.01.2026 aus in sozialen Medien verbreitetem UGC-Material zeigt zahlreiche Leichen im forensischen Zentrum in Teheran, während Menschen nach ihren Angehörigen suchen.

Aufnahmen aus dem forensischen Zentrum in Teheran, in dem Menschen nach ihren getöteten Angehörigen suchen.

Quelle: AFP

Die Videos aus der Leichenhalle in Teheran

Am 10. Januar sind erste Videos aus einer Leichenhalle in Kahrizak bei Teheran im Netz aufgetaucht. Sie stammen aus dem forensischen Diagnose- und Laborzentrum der Provinz Teheran und zeigen das erschreckende Ausmaß der Gewalt bei den aktuellen Protesten in Iran. Die Videos zeigen mehrere hundert identifizierbare Leichensäcke. Schätzungen gehen nach Analyse der Videos von bis zu 400 Toten alleine in dieser Einrichtung aus.

Gibt es aktuell Hinrichtungen in Iran?

Irans Außenminister Abbas Araghchi sagte in einem Fox-News-Interview, dass es keine Pläne für Hinrichtungen gebe. Eine für Mittwoch angesetzte Hinrichtung des bei der jüngsten Protestwelle festgenommenen Demonstranten Erfan Soltani wurde offenbar auch tatsächlich ausgesetzt. Die staatliche Gewalt auf den Straßen während der ersten Tage der Proteste glich Berichten zufolge jedoch auch regelrechten Hinrichtungen. Videos belegen, dass Sicherheitskräfte Maschinengewehre auf Menschenmengen abfeuerten. Aufnahmen der Opfer zeigen gezielte Schüsse in Kopf und Brust.

Mehrere hundert Demonstranten auf dem Römerberg in Frankfurt am Main bekunden ihre Unterstützung für die Proteste im Iran.

Die Regierung in Iran will Teilnehmer der Massenproteste vorerst wohl nicht hinrichten. In einem Interview sagte Irans Außenminister Araghtschi, es gebe keinen Plan, Menschen zu erhängen.

15.01.2026 | 1:53 min

Fazit: Die verifizierten Zahlen von HRANA, Iran Human Rights und Hengaw sind bereits erschreckend hoch und übertreffen frühere Protestwellen deutlich. Die Zahl von 12.000 ist nicht unabhängig verifiziert. Das bedeutet nicht, dass sie unrealistisch ist, sie sollte jedoch mit Vorsicht behandelt werden. Was jedoch zweifelsfrei belegt ist: Es findet beispiellose Gewalt mit Schusswaffen statt, bei der Tausende Menschen getötet wurden - trotz der Aussagen des Außenministers über ausbleibende Hinrichtungen.

Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, unter anderem das heute journal am 14.01.2026 ab 21:45 Uhr sowie das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 15.01.2026 ab 5:30 Uhr sowie heute Xpress um 9 Uhr.

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