Iran-Proteste: Wie glaubwürdig sind offizielle Opferzahlen?

Interview

Expertin über Proteste gegen Regime:Offizielle Opferzahlen in Iran "jenseits von glaubwürdig"

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Iran hat offizielle Opferzahlen im Zuge der Proteste bekanntgegeben: Es seien 3.117 Tote zu beklagen. Warum NGOs von viel höheren Zahlen ausgehen, erklärt eine Analystin.

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Wie fest sitzt das Mullah-Regime in Iran noch im Sattel? Die Demonstranten scheinen nach den unerbittlichen Gewaltexzessen der Sicherheitskräfte eingeschüchtert. Die Verunsicherung ist groß.

21.01.2026 | 13:03 min

ZDFheute: Wie bewerten Sie grundsätzlich die Glaubwürdigkeit und Aussagekraft solcher offiziell veröffentlichten Opferzahlen aus Iran? Welche politischen oder strategischen Motive könnten hinter der Veröffentlichung gerade jetzt stehen?

Barbara Mittelhammer: Diese Zahlen sind jenseits von glaubwürdig. Wir können aufgrund des Internetshutdowns und der Kommunikationsblockade zwar den vollen Umfang noch nicht abschätzen. Die Bandbreite an Augenzeugenberichten, Fakten-Checkern, ebenso wie Organisationen, die seit Jahrzehnten seriöse Menschenrechtsdokumentation leisten, liefern aber Zahlen, die schon jetzt um ein Vielfaches höher liegen.

… ist eine unabhängige politische Analystin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Iran-Politik, feministischer Außenpolitik sowie der Rolle von Zivilgesellschaft und Menschenrechten in internationalen Konflikten. Zuvor arbeitete sie unter anderem für die Münchner Sicherheitskonferenz.


ZDFheute: Das Regime spricht insgesamt von 3.117 Toten, darunter "2.427 unschuldige Menschen und Hüter von Ordnung und Sicherheit". Was sagt diese Formulierung über die Zählweise und Definition der Opfer aus - und was bleibt dabei vermutlich außen vor?

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14.01.2026 | 6:40 min

Mittelhammer: Das Regime spricht sogar von über 2.000 "Märtyrern". Diese Formulierung soll die Desinformation und das Narrativ des Regimes stärken: Es hätte sich dabei um Terroristen und Feinde von außen gehandelt. Um die unmittelbare Gewalt, aber eben auch die anhaltende geradezu militarisierte Repression, extreme Gewalt und massivste Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen.

Wir sprechen ja von Menschenrechtsverletzungen in extremen Ausmaß - die strafrechtlich und auch völkerstrafrechtlich aufgearbeitet werden müssen. Seriöse und belastbare Dokumentation ist da enorm wichtig. Genau das tun seriöse Menschenrechtsorganisationen - und dokumentieren alle Zahlen in Einzelfallprüfung und -verifizierung.

ZDFheute: In der Erklärung macht der Nationale Sicherheitsrat die USA und Israel für "terroristische Handlungen" in den Nächten vom 8. und 9. Januar verantwortlich. Wie ist diese Schuldzuweisung einzuordnen?

Mittelhammer: Nach innen wird das eigene Narrativ verstärkt, dass es sich nicht um friedliche Demonstrierende, sondern "Terroristen" gehandelt hätte, die von außen, den USA und Israel, gesteuert worden wären. Das Narrativ wird aufgebaut, um das beispiellos gewaltvolle Vorgehen und die Zahl mehrerer tausend getöteter Menschen als Verteidigung gegen den Feind im Innen und Außen zu rechtfertigen.

Vor dem Hintergrund der Aufrufe Reza Pahlavis aus der Diaspora heraus, versucht das Regime die Proteste im Land zu delegitimieren und sie als von außen gesteuert darzustellen. Und wir haben die brutale Repression, Internet-Blackout etc. ja tatsächlich erst nach dem 8. Januar beobachtet. Sicherlich hat die massive Mobilisierung dieser Proteste das Regime zusätzlich nervös gemacht. Das ist eine bereits bekannte Strategie des Regimes, die wir auch bei vorherigen Protestwellen beobachten konnten, oder auch nach dem Krieg im letzten Sommer, um Repressalien nach innen zu rechtfertigen.

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12.01.2026 | 24:21 min

ZDFheute: Menschenrechtsorganisationen wie HRANA (Human Rights Activists News Agency) oder Iran Human Rights kommen teils auf deutlich höhere Zahlen. Welche methodischen Unterschiede gibt es zwischen staatlichen Angaben und den Erhebungen unabhängiger Organisationen - und warum klaffen die Zahlen so weit auseinander?

Mittelhammer: Diese Menschenrechtsorganisationen verifizieren jeden einzelnen Fall individuell. So kommt es auch, dass die Zahlen sukzessive steigen. Erschwert wird das aktuell natürlich durch den Internet-Shutdown. Beispielsweise wird bei HRANA die Zahl verifizierter getöteter Menschen ja ergänzt um die Zahl der Fälle, die aktuell geprüft werden (9.787). Während staatliche Angaben gezielte Des- bzw. Falschinformation sind.

HRANA geht davon aus, dass 5.002 Menschen in Iran getötet wurden: Darunter 4.714 Protestierende, 207 Angehörige des Sicherheitsapparats, 42 Minderjährige und 39 Unbeteiligte.

HRANA dokumentiert auch die Zahl erzwungener Geständnisse. Demnach bekommen Familien die Leichname ihrer Angehörigen teils nur gegen Zahlungen von "Kugelgeld" übergeben. Mitunter müssen sie unterschreiben, dass die Getöteten Mitglieder der regierungstreuen Basij Miliz gewesen seien. So verzerrt das Regime die Zahlen weiter.

Quelle: HRANA


Tatsächlich liegen die dokumentierten Fallzahlen von Menschenrechtsorganisationen aufgrund der notwendigerweise sorgfältigen und langsameren Arbeitsweise unter denen anderer Schätzungen von 12.000, 16.500 bis 18.000. Deren Glaubwürdigkeit lässt sich aber beispielsweise über Fakten-Checker einordnen.

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18.01.2026 | 4:12 min

ZDFheute: Aus Ihrer Sicht - sind die nun veröffentlichten offiziellen Zahlen eher als Untergrenze, als politisches Signal oder als bewusste Relativierung des Ausmaßes der Gewalt zu verstehen?

Mittelhammer: Die veröffentlichten Zahlen sind eine Reaktion darauf, dass das Regime die tatsächlich beispiellose Gewalt nicht einfach übergehen kann. Insofern ist die Höhe der Zahl, die das Regime nun veröffentlicht hat, ein Anzeichen dafür, um ein Wievielfaches höher die tatsächlichen Zahlen liegen werden.

Denn dass die Zahlen sogar als Untergrenze überschritten wurden, ist ja bereits dokumentiert.

Die Fragen stellte Jan Schneider.

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