Treffen mit türkischem Präsidenten:Erdogan befragt Wüst zu politischer Lage in Deutschland
von Wulf Schmiese, Ankara
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident reist in die Türkei - und bekommt überraschend einen Termin bei Präsident Erdogan. Der will wissen, wie die Lage in Deutschland gerade ist.
Recep Tayyip Erdogan empfängt Hendrik Wüst in Ankara.
Quelle: ddpEigentlich sollte es bloß die Reise eines Landeschefs sein. Ministerpräsident Hendrik Wüst machte zum Auftakt klar, es gehe um Landespolitik - Würdigung der vielen Menschen aus der Türkei, die in Nordrhein-Westfalen eine neue oder weitere Heimat gefunden haben.
Im Programm stehen ausschließlich Treffen mit nachrangigen Politikern in Ankara. Protokollarisch wird so etwas immer exakt feinjustiert: alles auf Augenhöhe, von gleich zu gleich.
Kurz vor seiner Türkeireise forderte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) im ZDF ein Ende von Personaldebatten und stellte klar: "Ich möchte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bleiben."
27.09.2026 | 5:25 minOffenbar kurzfristiges Treffen mit Erdogan
Doch gleich während des allerersten Firmenbesuchs kurz nach Landung in Ankara kommt die Nachricht, dass der ranghöchste Mann in der Türkei, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, den Besucher aus Düsseldorf empfangen wolle.
Offenbar ist das kurzfristig in Erdogans Palast entschieden worden, so wird es jedenfalls von der Delegation Wüsts dargestellt. Die Anfrage aus der Staatskanzlei wird seit Wochen vorgelegen haben.
Noch vor dem Einchecken im Hotel wird Wüst direkt vom Firmengelände in Erdogans neo-osmanischen Palast gefahren. 50 Minuten dauert das Gespräch der beiden - selbstverständlich hinter geschlossenen Türen.
Hendrick Wüst (vorne) während seines Türkei-Besuchs vor dem Mausoleum des türkischen Staatsgründers Atatürk.
Quelle: Wulf Schmiese / ZDFWüst-Termin ist Novum
Es ist eine Premiere in den deutsch-türkischen Beziehungen. Wüst ist der erste deutsche Ministerpräsident, dem ein solcher Termin gestattet worden ist. Allerdings ist er auch, wie er selbst sagt, "der erste Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens überhaupt, der die Türkei besucht".
Stephan Weil aus Niedersachsen hatte seinerzeit als Ministerpräsident auch schon mal die Besuchsehre Erdogans erhalten - damals allerdings als amtierender Bundesratspräsident.
Wieso wurde nun Wüsts Wunsch nach einem Treffen kurzfristig erfüllt von Erdogan? "Er kennt Nordrhein-Westfalen gut, er weiß, dass dort über eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln leben", sagt Wüst.
Er ist sehr am Wohlergehen dieser Menschen interessiert. Und er verfolgt die innenpolitische Lage in Deutschland auch in Nordrhein-Westfalen sehr, sehr genau. Er war auch sehr interessiert an der Einschätzung zu den jüngsten Wahlergebnissen.
Hendrik Wüst, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens
Wer ist der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdoğan?
12.05.2023 | 14:00 minWüst: Erdogan interessiert an deutscher Innenpolitik
Hat Erdogan Angst um die CDU, die ja einst als seine Partner-Partei gesehen wurde?
"Dass er Angst hätte, war jetzt nicht Thema", weicht Wüst aus. "Er ist sehr interessiert an der innenpolitischen Lage und auch an der Frage, welche Wahlergebnisse es in jüngster Zeit in Deutschland gegeben hat. Wir haben uns sehr intensiv ausgetauscht - bis hin zu jüngsten Ereignissen im Fußball. Auch dort ist er tief interessiert und informiert, was die Deutschen bewegt."
Wüst verrät also weder seine eigene Einschätzung noch, was Erdogan vom AfD-Wahlerfolg hält. Aber das Nachfragen des türkischen Präsidenten scheint nicht nur landeskundliches Interesse zu sein.
Denn bei türkischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen spielen die Stimmen der Auslandstürken eine entscheidende Rolle. Besonders in den traditionell konservativ-geprägten Communitys im Ruhrgebiet kommt Erdogan überdurchschnittlich gut an.
Rund drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben in Deutschland.
11.10.2025 | 29:46 minWüsts Heimatbundesland ist für Erdogan eine Wähler-Hochburg, die ihm seine Macht in der Türkei sichern hilft. Schon Auftritte wie vor Jahren in der Kölner Arena sollten diese Wähler mobilisieren.
Wüst betont immer wieder Nordrhein-Westfalen
Wüst wiederum könnte es daheim nützen, nun "vertrauensvoll", wie er betont, mit Erdogan gesprochen zu haben.
Auch über Demokratie und Menschenrechte? Ja, sagt Wüst, aber vertrauensvoll heiße eben auch, diese Inhalte nicht öffentlich zu machen.
Es ging dann auch noch etwas um Handel, die Modernisierung der Zollunion, sogar die Nato. Doch Wüst vergisst nie, stets Nordrhein-Westfalen bei all dem einzubeziehen. Denn er sieht sich hier als Reisender ohne Auftrag der EU oder der Bundesregierung. Sondern als eigenständiger Ministerpräsident, der die Türkei besucht. Einer, der im Frühjahr wieder gewählt werden muss, sollte er noch höhere Ambitionen haben.
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