Hendrik Wüst auf Sommertour:Zwischen Abbruchkante, Mond und Berlin
von Diana Zimmermann
Mondstaub, KI und Quantencomputer: Hendrik Wüst führt auf seiner Sommertour durch ein Nordrhein-Westfalen, das sich als Standort für die Technologien von morgen neu erfinden will.
Ministerpräsident Hendrik Wüst auf Sommertour zu Besuch bei der Chipfabrik von Black Semiconductor (03.09.2026).
Quelle: Henning Kaiser / dpa"Ich bin nicht sicher, ob es nicht welche gibt, die mich gern zum Mond schießen würden, aber ich fühl mich auf der Erde ganz wohl." Vielleicht denkt Hendrik Wüst in diesem Moment an seine Frau oder an einen Nachbarn. Man weiß es nicht. Die mitreisende Presse denkt an Friedrich Merz.
Hendrik Wüst hat zur Sommertour eingeladen. Und macht Station auf dem Mond: Eingerahmt von den Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer schaut Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident in die Luna- Mondsimulationsanlage des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt. Hinter einem großen Fenster blickt er in einen 700 Quadratmeter großen, dunklen Raum, in dem das Arbeiten im Mondstaub getestet wird.
Ministerpräsident Hendrik Wüst befindet sich auf seiner Presse-Sommerreise und besucht dabei zahlreiche Projekte – unter anderem die Mondsimulationsanlage Luna oder das Forschungszentrum Jülich.
04.09.2026 | 0:49 minAus Italien, Norwegen und Deutschland wurde Gestein herangeschafft, das dem dort üblichen Regolith möglichst ähnlich ist. Beschwert von riesigen Raumanzügen bewegen sich die Test- Astronauten langsam durch die Mini- Landschaft, schaufeln Sand und üben, Flüssigkeiten zu finden, die in Köln als Plexiglasplatten versteckt sind.
Alexander Gerst schwärmt von im Universum gezüchtetem Basilikum und sieht voraus, dass Mondstationen künftig so normal sein werden wie Antarktisstationen. Matthias Maurer fordert eine eigene europäische Mondmission.
Botschaft: Die Zukunft liegt in NRW
Und Hendrik Wüst platziert seine Botschaft: Nordrhein-Westfalen ist ein idealer Standort für Zukunftstechnologien. Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland profitiere von seinem industriellen Erbe und wolle sich an die Spitze setzen, sei es für die Raumfahrt, KI, Halbleiter oder Quantentechnologie.
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst fordert einen besseren Schutz kritischer Infrastruktur - und sieht dabei Staat und Betreiber gemeinsam in der Pflicht.
03.09.2026 | 1:17 min"Politik kann einen Unterschied machen" ist einer seiner Lieblingssätze. Und zwar zum Guten. Dass der 51-Jährige das im Rest des Landes, insbesondere in der Bundespolitik, häufig vermisst: keine Überinterpretation.
Und dass er damit klar in Konkurrenz geht zu Markus Söder, auch nicht. Wüsts Amtskollege tritt gern so auf, als sei Deutschland außerhalb von Bayern eine zukunftstechnologische Wüste.
Besuch im Forschungszentrum Jülich
Der Tag nimmt seinen Lauf. Nächster Stopp das Rheinrevier, wo künftig nicht mehr Braunkohle, sondern die wichtigste Ressource der Zukunft, KI, gefördert werden soll. Microsoft investiert hier vier Milliarden Euro in Rechenzenten. Es folgt ein Besuch im Forschungszentrum Jülich, wo Wüst den neuen Quantencomputer Jion mit ins Laufen bringt, und dann spricht Wüst noch mit den leidenschaftlichen Gründern des Black Semiconductor Startups in Aachen.
Am Abend hat man das Gefühl, in einem anderen Land unterwegs zu sein als in dem Deutschland, das oft aus Miesepetern und Miesepetras zu bestehen scheint.
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) haben als Zeugen vor dem Untersuchungsausschuss zum Attentat in Solingen ausgesagt.
23.06.2026 | 0:30 minWo alle immer nur vom Kürzen sprechen, von Einschnitten und engeren Gürteln, von Politikern unter Druck und einer Demokratie, die schon in den nächsten Wochen den Anfang von ihrem Ende erleben könnte. Kein Wunder, dass Hendrik Wüst sich sichtlich wohl fühlt auf diesem Teil der Erde. Und wo ihm an den ausgesuchten Stationen alle danken, für Fördergelder, für Unterstützung, für ein offenes Ohr.
Natürlicher Nachfolger
Wüst sucht den Vergleich zu Merz nicht. Aber es ist in diesen Tagen, in denen die Umfragewerte des Kanzlers ein neues Tief erreicht haben, schwer, ihn nicht unter dem Aspekt der Alternative zu betrachten. Oder eben der Nachfolge. Irgendwann. Zumal der größte innerparteiliche Konkurrent für den Posten des Kanzlers, Jens Spahn, ja nun erstmal weg ist.
Auf der CDU-Klausurtagung im nordrhein-westfälischen Meschede dementierte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst Spekulationen über einen möglichen Kanzlertausch. Er würde den Kanzler unterstützen.
01.06.2026 | 0:21 minAls im Mai das Gerücht, Merz werde bald von Tauschkanzler Wüst abgelöst, durch Berlin waberte, dementierte Wüst, vielleicht etwas zu spät, dann aber immer heftiger. "Einfach Quatsch" sei das, Personalspekulationen das Letzte, was er nun brauchen könne. Viel besser für Wüst wäre es tatsächlich, er würde erstmal seinen Landeswahlkampf im April 2027 gewinnen.
Hier bieten Wüst und NRW ein verblüffendes Gegenmodell zum Bund. In der Jüngsten Umfrage von Infratest dimap aus dem Juni 2026 liegt die CDU dort bei 32 Prozent, die AfD nur bei 17.
Hoffnung aufs Gegenmodell
Stichwort Gegenmodell. Tatsächlich ist Hendrik Wüst zwar ähnlich lang wie Friedrich Merz, ähnlich dünn und ebenfalls aus NRW. Sonst aber unterscheidet ihn so ziemlich alles. Wüst ist ruhig und freundlich, vielleicht zu sehr, so glauben manche auch in seiner Partei, um den toughen Job in Berlin zu machen. Er tritt selbstbewusst auf, aber nicht als "Entschiedenheitsdarsteller" wie Bernd Ulrich von der Zeit Merz und Linnemann mal bezeichnet hat.
Tagelang kursierten Gerüchte über einen "Kanzlertausch" zwischen Friedrich Merz und Hendrik Wüst. "Der Kanzler bleibt Kanzler, auch wenn er momentan kein Pluspunkt für die Koalition ist" - Mathis Feldhoff, ZDF-Hauptstadtkorrespondent.
01.06.2026 | 2:29 minEr koaliert gern und ohne Streit mit den Grünen, vermeidet Polarisierung, scheint aber nicht zwanghaft kontrolliert, sondern natürlich diszipliniert. Vielleicht auch, so Kritiker, hat er einfach zu wenig Ideen und Leidenschaft, um über die Stränge zu schlagen. Aber er hat Regierungserfahrung, die man ihm auf Schritt und Tritt anmerkt.
Und weiß, dass Veränderungen Zeit brauchen. Wüst verteilt lieber Lob als Tadel. An sein Team, sein Land, dessen Bürger und Unternehmer. Er ist sichtlich stolz auf seine Erfolge, aber je platter die Werbesprüche für NRW, desto breiter sein Grinsen: "Der Weg zum Mond führt über Nordrhein- Westfalen".
Bei einer Klausurtagung in Meschede hat Hendrik Wüst Spekulationen über einen möglichen Kanzlertausch erneut zurückgewiesen. Wulf Schmiese ordnet ein.
01.06.2026 | 1:32 minDie Frage, ob Wüst die nötige strategische Weitsicht, die programmatische Tiefe und die Härte hat, um als Kanzler in diesen Zeiten zu bestehen, wird vermutlich zweitrangig sein, sollte die Union Merz wirklich loswerden wollen. Natürlich will Markus Söder weiter Kanzler werden, aber in der CDU gibt es momentan keine Alternative zu Wüst. Und die Frage, ob er bereit ist, NRW für Berlin zu verlassen, scheint er längst für sich beantwortet zu haben. Auch wenn ihm die Erde lieber ist als der Mond.
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