Wird Merz tatsächlich abgelöst?:Wüste Gerüchte um "Ersatzkanzler"
von Diana Zimmermann
Friedrich Merz, so brodelt die Gerüchteküche, soll angeblich von Hendrik Wüst als Bundeskanzler abgelöst werden. Der wird sich bedanken.
Die Zustimmung zur Arbeit der Merz-Regierung erreicht einen neuen Tiefstand, wie das jüngste ZDF-Politbarometer zeigt.
22.05.2026 | 5:26 minSchwache Umfragewerte und das Gefühl, alles gehe zu langsam voran, wecken in der Union das Bedürfnis nach einem Erlöser. Gehandelt wird Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst. Der ist durchaus ein Kandidat - irgendwann mal.
Was ist passiert?
Wüst war vergangene Woche in Polen und hat dorthin, wie er es bei internationalen Reisen immer mal wieder tut, einige Hauptstadtjournalisten mitgenommen. Diesmal rief die Begleitung Aufmerksamkeit hervor. Hat Wüst etwa Ambitionen? Die Spekulationen schossen ins Kraut.
Zuerst berichtete der Focus, dann titelte der Stern mit "Ersatzkanzler", die Bild und ihr Podcaster setzten sich drauf. Dass der 50-jährige Wüst sich durchaus für kanzlertauglich hält, ist kein Geheimnis. Nun aber klingt es, als sei das Szenario: "Friedrich Merz geht, Wüst kommt und rettet die Union" nur noch eine Frage von Wochen. Warum das höchst unwahrscheinlich ist:
Wie könnte ein Kanzlertausch stattfinden?
Sollte in der Legislatur ein neuer Kanzler gewählt werden, gibt es dafür nur drei Optionen:
1. Merz zieht freiwillig zurück: Dafür gibt es keinerlei Anzeichen. Der 70-Jährige hat sein halbes Leben auf den Job hingearbeitet und wird ihn nicht freiwillig nach einem Jahr aufgeben. Doch selbst wenn man den Kanzler "mürbe schösse", so heißt es aus dessen Umfeld, müsste ja ein neuer gewählt werden. Diesen müsste der Bundespräsident vorschlagen.
Aber würde die schwarz-rote Mehrheit von genau 12 Stimmen den "Ersatzkanzler" Hendrik Wüst bestätigen? Mit einer Union, die sich im Wahlkampf vor einem Jahr für "CDU pur" und sehr laut gegen die Grünen stark gemacht hat und in der zumindest einige unter dem Verdacht stehen, ohnehin lieber mit der AfD koalieren zu wollen? Dieselben Leute sollen nun einen Merkelianer und den prominentesten Vertreter einer schwarz-grünen Landesregierung zum neuen Kanzler machen?
Die schwarz-rote Koalition agierte zuletzt im Krisenmodus. Bundeskanzler Merz will bei einem Besuch in der SPD-Fraktion für mehr Gemeinsamkeit und weniger öffentliche Konflikte sorgen.
19.05.2026 | 1:37 minWarum sollte sich die SPD mit einem Kanzler abfinden wollen, der ihnen im liberalen Milieu noch mehr Wähler abspenstig machen könnte? Oder soll es gar mithilfe der Grünen geschehen? Das wäre dann eine Minderheitsregierung ohne eigene Mehrheit, die früher oder später auf die Gnade der AfD angewiesen wäre.
2. Ein konstruktives Misstrauensvotum: Dazu müsste eine Fraktion oder eine Gruppe von Abgeordneten Merz das Misstrauen aussprechen und gleichzeitig einen neuen Kandidaten aufstellen. Der müsste dann eine absolute Mehrheit erhalten - mit den bereits beschriebenen Problemen.
3. Neuwahlen: Union und SPD stehen so schlecht da wie nie. Die Gefahr für beide, dass der "Ersatzkanzler" dann nicht Hendrik Wüst hieße sondern Alice Weidel, ist real - und wirkt längst disziplinierend.
Was steckt hinter der Idee von Wüst als Kanzler?
1. Die Debatte zeigt einerseits, dass es mehr Kräfte gibt, die an der Demontage von Friedrich Merz arbeiten. Aus dem Umfeld des Kanzlers ist zu hören, die Debatte sei unsinnig und realitätsfern, habe jedoch eine "zersetzende Wirkung". Permanente Spekulationen darüber, dass Merz gehen könnte, sollten seine Autorität untergraben.
2. Diese Debatte ist ein Indiz für die extreme Unruhe in der Union. Die Popularität des Kanzlers ist historisch niedrig. Im ZDF-Politbarometer geben nur 26 Prozent der Befragten an, Merz mache seine Arbeit gut. 71 Prozent finden, er mache sie schlecht. Die AfD liegt im ZDF-Politbarometer nun schon den zweiten Monat vor der Union.
Pfuschiges Handwerk, große Ankündigungen ohne Umsetzung, verbale Patzer, schlechte Kommunikation - viele in der Union glauben nicht mehr, dass Friedrich Merz die Lage und die Stimmung noch herumreißen kann. Der Wunsch ist der Vater des Gedankens: Ein Beliebterer soll es richten.
3. Immer wieder wird einigen in der Unionsfraktion unterstellt, sie liebäugelten mit dem Gedanken, die AfD der SPD als Koalitionspartner vorziehen zu wollen. Auf wie viele Abgeordnete das tatsächlich zutrifft, ist unklar.
Die Debatte um Wüst zeigt aber, dass es auch die Gegenbewegung gibt. Diejenigen, die glauben, mit einer Politik mehr zur Mitte hin wäre die Union erfolgreicher.
"Dieses Wahlergebnis gibt jedem Demokraten der Mitte zu denken, auch mir", sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst über das Abschneiden der AfD bei den Kommunalwahlen in NRW.
14.09.2025 | 4:56 minUnd je schwächer die SPD wird, desto attraktiver scheint da eine Hauptgegnerin der letzten Jahre: die Grünen. Ohne ihre einstigen Stars, Annalena Baerbock und Robert Habeck, die in Teilen der Union regelrechte Hassfiguren waren, bieten sie weniger Reibungsfläche. Und: Sie liegen im ZDF-Politbarometer aktuell bei aufstrebenden 15 Prozent, die SPD bei absinkenden 12 Prozent.
Was bleibt?
Eine überdrehte Personaldebatte in Zeiten, in denen es um die wirklich richtig großen Sachthemen geht. Glaubt in dieser Welt- und Wirtschaftslage wirklich jemand, es müsse nur der eine Richtige kommen und alles werde wieder gut?
In den nächsten 45 Tagen, so hat die Koalition angekündigt, werde sie etwas vorlegen. Immer noch kein Gesetz, aber wenigstens eine "Einigung" soll es geben zu den Themen Steuer- und Rentenreform. Und dann werden harte Debatten folgen.
Hendrik Wüst wird froh sein können, wenn er sie nicht führen muss.
Diana Zimmermann ist Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin.
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