Streit über CDU und konservative Politik:Merz' Regierung: Zu viel SPD, zu wenig CDU?
Friedrich Merz versprach den Politikwechsel. Jan Fleischhauer sieht davon wenig. CDU-Politiker Christoph Ploß hält dagegen: Wer regieren will, muss Kompromisse machen.
Jan Fleischhauer meint: Unter Kanzler Merz gibt es mehr SPD als CDU. Christoph Ploß (CDU) entgegnet: Eine Koalition verlangt Kompromisse.
21.05.2026 | 28:01 minJan Fleischhauer kommt nicht als enttäuschter Gegner der CDU, sondern als enttäuschter Sympathisant. Gerade deshalb fällt seine Kritik so scharf aus. Friedrich Merz habe "Links ist vorbei" versprochen - regiert werde nun aber, als habe die SPD die Wahl gewonnen.
Christoph Ploß widerspricht. Er gehört zum konservativen Flügel der CDU, verteidigt die Regierung aber gegen den Vorwurf des Verrats: Die schwarz-rote Koalition sei kein Wunschkonzert, sondern das, was dieses Wahlergebnis möglich mache.
Schon zu Beginn wird klar: Hier streiten nicht zwei politische Lager, sondern zwei unterschiedliche Erwartungen an dieselbe Partei. Fleischhauer fragt, was vom angekündigten Politikwechsel übrig geblieben sei. Ploß hält ihm entgegen, die Regierung habe bereits "auch aus konservativer Sicht sehr viel erreicht" - etwa in der Migration, beim Bürgergeld und beim Leistungsprinzip. Fleischhauer glaubt nicht daran. Für ihn klingt das nach dem Versuch, "irgendwelche großen Erfolge unterzujubeln", während "das Land den Bach runter" gehe.
Der Bundestag hat eine neue Grundsicherung beschlossen. Sie ersetzt das Bürgergeld und bringt strengere Pflichten sowie schärfere Sanktionen für Betroffene.
05.03.2026 | 2:03 minSchwarz-rote Koalition: Schulden statt Politikwechsel?
Der erste große Konflikt entzündet sich am Geld. Fleischhauer erinnert an Merz’ Versprechen, die Aufgaben des Staates ließen sich "auch ohne neue Steuern und Schulden" lösen. Nun sieht er neue Schulden in historischer Größenordnung - und eine CDU, die sich an sozialdemokratische Haushaltspolitik gewöhnt habe. Besonders das Wort "Sondervermögen" empört ihn. Das sei ein "Verdummungswort" für Schulden.
Als "Sondervermögen" getarnt hat sich der Staat im vergangenen Jahr 500 zusätzliche Milliarden Schulden genehmigt. Wie wurde das Geld bislang eingesetzt?
17.03.2026 | 2:52 minPloß weicht dem Punkt nicht aus. Das sei "in der Tat das heikelste Thema", räumt er ein. Zugleich verteidigt er die Entscheidung: Ohne eigene Mehrheit habe die CDU Kompromisse machen müssen. Außerdem werde nun gespart, Stellen in der Verwaltung würden abgebaut, Ausgaben überprüft, Subventionen gestrichen. Für Ploß bleibt die Grundlinie richtig:
Der Staat hat kein Einnahmeproblem, der hat eher seit vielen Jahren ein Ausgabenproblem.
Christoph Ploß (CDU), Bundestagsabgeordneter
Fleischhauer lässt das nicht gelten. Aus seiner Sicht hat die CDU für die Zustimmung zu neuen Schulden zu wenig Gegenleistung bekommen. Bei der Rente werde weiter ausgeweitet, beim Sozialstaat nicht ernsthaft gekürzt. Die Regierung klinge nach Reform - handle aber wie zuvor.
"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer" ist eine Ergänzung etablierter Diskussionsformate. Ein schlichter Raum - fest installierte Kameras, kein Entkommen und zwei Diskutanten, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das Thema ist vorgegeben. Was sie daraus machen, bestimmen sie selbst. Eine rund 30-minütige Sendung, kontrovers, emotional und doch immer darum bemüht, den anderen zu überzeugen.
Bürgergeld: Reform oder Etikettenschwindel?
Besonders deutlich wird der Streit beim Bürgergeld. Ploß nennt dessen Abschaffung einen zentralen Erfolg der Regierung. Ab Juli solle eine neue Grundsicherung gelten; damit werde ein wichtiges Wahlversprechen eingelöst.
Fleischhauer reagiert sofort: "Ihr habt das Ding umbenannt." Für ihn bleibt der Kern unangetastet. Die Regelsätze änderten sich nicht, echte Einsparungen gebe es auch nicht. Ploß verweist auf schärfere Sanktionen und darauf, dass künftig stärker auf den Abstand zwischen Löhnen und Sozialleistungen geachtet werde.
Seit einem Jahr ist die Bundesregierung im Amt. Was hat die Koalition aus CDU, CSU und SPD erreicht, wo ringt sie noch um ihren Kurs?
12.05.2026 | 44:04 minFleischhauer hält dagegen: An den Sätzen werde nicht gerührt, weil die SPD genau das verhindere. Er verweist auf Arbeitsministerin Bärbel Bas und ihren Satz: "Ich stehe auf der Bremse." Für ihn ist das der Beleg, dass die SPD in dieser Koalition oft den Takt vorgibt.
Was spüren Wirtschaft und Mittelstand?
Von dort führt der Streit direkt zur Lage der Wirtschaft. Fleischhauer zeichnet ein düsteres Bild: Unternehmer seien verzweifelt, Insolvenzen real, Teile der Industrie bedroht. "Es wird ganz viele Unternehmen in zwei Jahren gar nicht mehr geben", warnt er.
Ploß bestreitet die Sorgen nicht, verweist aber auf konkrete Vorhaben: mehr Infrastrukturinvestitionen, Bürokratieabbau, flexiblere Arbeitszeiten und eine geplante Senkung der Körperschaftsteuer ab 2028.
Fleischhauer reicht das nicht. Die Entlastung komme zu spät und zu langsam. Unternehmen bräuchten Hilfe jetzt, nicht in einigen Jahren. Ploß hält dagegen, es sei bereits etwas passiert, etwa bei Abschreibungsregeln. Fleischhauer bleibt bei seinem Eindruck: Die Regierung verspreche eine rosige Zukunft, während in der Gegenwart Betriebe wegbrechen.
Führende Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren der deutschen Wirtschaft ein Wachstum von nur noch 0,6 statt 1,3 Prozent.
01.04.2026 | 1:45 minCDU: Kompromiss oder Selbstverleugnung?
Aus der Kritik an einzelnen Entscheidungen wird schließlich eine Grundsatzfrage über die CDU selbst. Fleischhauer sagt: Die Menschen hätten Merz gewählt, weil sie eine andere Politik wollten. Stattdessen gehe "alles so weiter wie gehabt, nur in doppelter Geschwindigkeit". Die CDU gebe beim Sozialstaat nach, werde von der SPD ausgebremst und verliere dabei ihr eigenes Profil.
Ploß erinnert an das Wahlergebnis: Wer regieren wolle, müsse Mehrheiten organisieren und Kompromisse schließen. Eine Koalition funktioniere nicht, wenn jeder "immer nur 100 Prozent der eigenen Linie" durchsetzen wolle. Zugleich räumt er ein, dass die CDU-Handschrift erkennbar bleiben müsse.
Bei der Bundestagswahl 2025 reichte es für eine Mehrheit von Union und SPD: CDU/CSU kamen zusammen auf 208 Sitze, die SPD auf 120 - gemeinsam also auf 328 von 630 Mandaten. Für die absolute Mehrheit waren 316 Sitze nötig.
Aktuell weist der Bundestag für CDU/CSU 207 Sitze aus; zusammen mit der SPD wären das derzeit 327 von 629 Mandaten. Rechnerisch möglich gewesen wäre 2025 auch ein Bündnis aus Union und AfD mit 360 Sitzen.
Abgesehen von Union und AfD hätte ohne SPD nur ein ungewöhnliches Dreierbündnis aus Union, Grünen und Linken eine Mehrheit gehabt.
In den aktuellen Umfragen sieht das derzeit knapper aus: CDU/CSU lägen in der Übersicht bei 22 bis 26 Prozent, die SPD bei 12 bis 16 Prozent. Zusammen kämen beide damit auf 34 bis 42 Prozent - und so deutlich unter einer Stimmenmehrheit.
Rein rechnerisch kämen derzeit vor allem größere Bündnisse infrage: Union, SPD und Grüne lägen laut mehreren Umfragen bei oder über 50 Prozent. Andere Dreierkonstellationen könnten je nach tatsächlicher Sitzverteilung ebenfalls eine Rolle spielen.
Je nach Umfrage wäre auch ein Bündnis aus Union und AfD rechnerisch mehrheitsfähig - politisch wird eine solche Koalition von der CDU bislang ausgeschlossen. Dabei gilt: Umfragen sind keine Sitzverteilungen. Ob FDP oder BSW unter oder über fünf Prozent liegen, kann die tatsächliche Mehrheitsrechnung deutlich verändern.
Kanzler Merz: zu weich für den Kurswechsel?
Fleischhauer spitzt die Kritik schließlich auf den Kanzler selbst zu. Merz werde oft als harter Konservativer beschrieben, dabei sei er aus seiner Sicht "zu harmoniesüchtig". Er gehe Konflikten aus dem Weg und lasse sich von der SPD zu weit treiben. Ploß hält dagegen: Ein Kanzler müsse auch eine Koalition zusammenhalten. Härte allein ersetze keine Mehrheit.
Am Ende bleibt der Streit offen. Fleischhauer sieht eine CDU, die mit großen Versprechen gestartet ist und sich nun in sozialdemokratischen Kompromissen verliert. Ploß sieht eine Regierung, die unter schwierigen Bedingungen Schritt für Schritt liefert - und die nicht an einem Idealbild, sondern am Wahlergebnis gemessen werden müsse. Genau darin liegt der Kern der Debatte: Ist Kompromissfähigkeit politische Vernunft - oder der Moment, in dem eine Partei ihre Identität verliert?
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