"Massiver Handlungsdruck":2040 halbes Gehalt für Sozialversicherungen? Ökonom warnt
Die Wirtschaftsweisen sehen die Koalition mit Blick auf Reformen unter Zugzwang. Gabriel Felbermayr erklärt im Interview, warum der Handlungsdruck heute größer denn je ist.
Das Gespräch mit Gabriel Felbermayr im Video.
27.05.2026 | 5:45 minDie wirtschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen in Deutschland spitzen sich aus Sicht der Wirtschaftsweisen weiter zu. Bei der Vorlage des Frühjahrsgutachtens mahnten die Ökonomen, Deutschland komme bei den Reformen nicht wirklich voran.
Angesichts steigender Belastungen in den Sozialversicherungen und wachsender internationaler Konkurrenz forderte Mitglied Gabriel Felbermayr im Interview mit dem heute journal deshalb ein entschiedenes Handeln der Bundesregierung.
Sehen Sie das Gespräch oben im Video in voller Länge und lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Felbermayr zur Frage, ...
... warum Reformen überfällig sind
Vor allem im Sozialbereich sieht Felbermayr "massiven Handlungsdruck". Er geht davon aus, dass die Beiträge zu den Sozialversicherungssystemen - gesetzliche Rentenversicherung, soziale Pflegeversicherung, gesetzliche Krankenversicherung - in den kommenden Jahren stark ansteigen werden, sofern nichts passiere. Im Jahr 2040 könnten die Beiträge, so Felbermayr, dann bei fast 50 Prozent liegen.
Die sogenannten Wirtschaftsweisen erwarten für dieses Jahr aufgrund des Iran-Kriegs nur noch 0,5 Prozent Wachstum. Zu rechnen ist zudem mit höherer Inflation sowie steigenden Sozialabgaben.
27.05.2026 | 1:36 minWenn "der Herbst der Reformen" nun nicht komme, hätte das allerdings nicht nur Konsequenzen für die Sicherheit der Sozialsysteme, erklärt der Ökonom. "Explodierende" Beitragszahlen hätten auch negative Effekte auf das Wirtschaftswachstum.
... warum es bisher nicht genug Impulse für Reformen gab
Das habe viele Gründe, so Felbermayr. Der Experte sieht "eine gewisse Zukunftsvergessenheit", unter anderem deshalb, weil der "Median-Wähler" um die 60 Jahre alt ist.
Da gibt es große Widerstände.
Gabriel Felbermayr, Wirtschaftsweiser
Die Wirtschaftsweisen haben ihre Wachstumsprognose für das Jahr von 0,9 auf 0,5 Prozent gesenkt und warnen vor steigenden Sozialabgaben. ZDF-Wirtschaftsexperte Florian Neuhann berichtet.
27.05.2026 | 1:11 minVor den demografischen Entwicklungen habe man lange gewarnt, nun seien sie "unleugbar da". Die erwerbstätige Bevölkerung gehe zurück, es stünden - trotz Zuwanderung - weniger Menschen in Deutschland zur Verfügung, um die sozialen Sicherungssysteme mit ihrem Einkommen zu stützen. Felbermayr sagte:
Das sind Realitäten, die jetzt eben deutlich auch für die Menschen spürbar sind.
Gabriel Felbermayr, Wirtschaftsweiser
Der Druck zu handeln sei heute größer als in der Vergangenheit.
Wirtschaftsweise Veronika Grimm kritisierte die Bundesregierung im April, die zwar "eine Krise nach der anderen" adressiere. Strukturelle Reformen schiebe Schwarz-Rot aber immer weiter nach vorne.
22.04.2026 | 1:16 min... welche Rolle der Wettbewerbsdruck aus China spielt
Der Ökonom sieht aber nicht nur im Sozialbereich Handlungsbedarf. Auch auf die wirtschaftliche Entwicklung blickt Felbermayr mit Sorge. Sektoren wie die Autoindustrie, der Maschinenbau, Chemie- und pharmazeutische Industrie seien zentrale Elemente der deutschen Industrie, erklärte er.
Chinas Wettbewerb sei hier in Deutschland immer stärker zu spüren. Das gelte aber auch für Märkte außerhalb Deutschlands und der Europäischen Union.
Einerseits brauchen wir China als Partner. Andererseits muss man mit China in den Dialog kommen, damit marktverzerrende Praktiken, die in China leider stark verwendet werden, eingedämmt werden.
Gabriel Felbermayr, Wirtschaftsweiser
Das sei nicht nur im Interesse der EU, sondern auch der USA. "Zollmauern" hält Felbermayr aber für kontraproduktiv. "Hier die Balance zu finden, ist schwierig, zumal natürlich in Europa 27 Mitgliedstaaten auch 27 unterschiedliche Positionen haben."
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