Berlinale und Buchhandel: Kulturbetrieb unter Weimer in Aufruhr

Berlinale-Debatte und Buchhandlungspreis:Kulturbetrieb unter Weimer in Aufruhr

Henriette de Maizière

von Henriette de Maizière

|

Der Kulturbetrieb findet unter Staatsminister Weimer keine Ruhe: Auf Antisemitismus-Vorwürfe bei der Berlinale folgen Buchhandlungen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Eine Frau (Tricia Tuttle) mit blonden lockigen Haaren, die eine Bluse und einen Mantel trägt. Sie steht auf einem roten Teppich und hinter ihr sind Fotografen.

Der Berlinale-Aufsichtsrat hat beschlossen, dass Intendantin Tricia Tuttle weitermacht, aber mit einem "beratenden Forum" und einem Verhaltenskodex. Im Interview nimmt sie dazu Stellung.

05.03.2026 | 2:55 min

Bei der Preisverleihung der Berlinale am 21. Februar sprach ein palästinensischer Regisseur vom Genozid in Gaza und der seiner Meinung nach deutschen Beteiligung daran. Es folgte der Vorwurf: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle sei nicht entschieden genug gegen propalästinensische Propaganda während des Filmfestivals vorgegangen.

Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit?

Während einige daraufhin ein entschiedenes Eingreifen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gegen Antisemitismus im Kulturbetrieb forderten, sehen andere die Freiheit der Künste und die Autonomie der Kulturinstitutionen bedroht. Aus der Kulturszene kamen Unterstützerbriefe, der Deutsche Kulturrat warnte vor einer Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit.

Archiv: Tricia Tuttle, aufgenommen am 21.02.2026, Berlin

Hunderte Filmschaffende hatten sich in einem offenen Brief hinter Berlinale-Intendantin Tuttle gestellt. Sie warnten vor Eingriffen in Freiheit und Unabhängigkeit des Filmfestivals.

26.02.2026 | 0:41 min

Im Raum stand auch die Frage, ob die Berlinale-Chefin abgesetzt werden soll oder ob sie selbst zurücktritt. Seit dieser Woche ist jedoch klar: Tuttle bleibt.

Der antisemitische Diskurs überdecke den künstlerischen Diskurs, sagte Weimer am Mittwoch dieser Woche im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien. Er bedauere, dass die Arbeit der Berlinale durch politischen Aktivismus überlagert werde.

Die "aspekte"-Moderatoren Katty Salié und Jo Schück stehen vor dem Berlinale Palast auf dem roten Teppich. Hinter ihnen ist die Absperrung und das Blitzgewitter der Fotografen sowie das leuchtende Berlinale-Logo zu sehen. Jo Schück hält einen goldenen Bären in der ausgestreckten Hand.

Die Berlinale hat Glamour und große Filmkunst – wie genau bringt ein Festival das alles zusammen? "aspekte" mit internationalen Stars und einem Blick hinter die Kulissen.

21.02.2026 | 47:00 min

Verschärft sich der Diskurs?

Doch eine weitere kulturpolitische Debatte kam diese Woche dazu - die über den Buchhandlungspreis.

Drei Buchhandlungen wurden durch die Entscheidung des Kulturstaatsministers wegen "verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse" vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen. Der Grund: Der Verfassungsschutz ordnete sie in seinem Bericht einem linken politischen Spektrum zu.

Weimer: Extremismus "entschlossen und konsequent begegnen"

Weimer griff mittels des sogenannten "Haber-Verfahrens" in die Entscheidung ein. Vor der Kamera wollte sich der Kulturstaatsminister dazu nicht äußern. Auch eine Interviewanfrage zur Berlinale-Aufsichtsratssitzung sagte er Mitte der Woche ab.

Das Haber-Verfahren wird seit 2004 vom Bundesinnenministerium angewendet. Es ermöglicht dem Bundeskanzleramt, den Bundesministerien und den Bundesbehörden, beim Bundesamt für Verfassungsschutz zu erfragen, ob "verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse" über Personen oder Organisationen, die staatliche Fördergelder beantragt haben, vorliegen. Über Details erteilt der Verfassungsschutz keine Auskunft, er informiert die betreffenden Personen oder Organisationen auch nicht über die Abfrage.

Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts stellte 2022 klar: Mit Ausnahme von Polizei und Strafverfolgungsbehörden dürfen Geheimdienstinformationen nur dann übermittelt werden, wenn dies dem "Schutz eines besonders gewichtigen Rechtsguts dient".


In einer Pressemitteilung seines Hauses hieß es:

Die Entscheidung entspricht der politischen Linie der Bundesregierung, Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen.

Pressemitteilung des Kulturstaatsministers

Empfänger von Steuergeldern müssten auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen.

Unterwegs mit Wolfram Weimer

Regelmäßig ist Cherno Jobatey mit Politikern im Gespräch, um sie in ihrem privaten Umfeld zu zeigen. Dieses Mal ist der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, zu Gast.

17.02.2026 | 4:32 min

Buchhandlungen kündigen Klagen an

Auf der Webseite der "Buchhandlung zur schwankenden Weltkugel" kündigten Anwälte eine gemeinsame Klage mit den anderen beiden betroffenen Buchhandlungen an. Sie werde in der kommenden Woche eingereicht.

Die drei Buchläden seien von einer Fach-Jury für den Preis bestimmt worden, weil sie "ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren". Weiter heißt es in der Pressemitteilung:

Daneben besteht ein grundrechtlich geschütztes Interesse zu erfahren, wer genau, wann und warum auf die Preisvergabe diesen bislang beispiellosen Einfluss genommen hat.

Pressemitteilung der "Buchhandlung zur schwankenden Weltkugel"

Empörung bei Linken und Grünen

Auch die politische Empörung ist groß. Der kultur- und medienpolitische Sprecher der Linken, David Schlesinger, schrieb auf Instagram, die Debatten um die Berlinale und den Deutschen Buchhandlungspreis zeigten ein Muster, welches zunehmend irritiere.

Staatliche Kulturförderung zum Instrument politischer Kontrolle zu machen, verbietet sich.

David Schlesinger, kultur- und medienpolitischer Sprecher der Linken

"Wenn die Einschätzung des Inlandsgeheimdienstes kulturpolitische Entscheidungen der Bundesregierung leitet, sind Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit ernsthaft in Gefahr", so Schlesinger weiter.

Wolfram Weimer

Im November reagierte Kulturstaatsminister Weimer auf wachsenden Druck: Nach Vorwürfen um mutmaßliche Interessenkonflikte überließ er seine Anteile an der Weimer Media Group einem Treuhänder.

21.11.2025 | 2:39 min

Die Deutsche Presse-Agentur zitierte den Vorsitzenden des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag, Sven Lehmann (Grüne). Das Vorgehen atme "den Geist der politischen Willkür" und schüre ein "Klima der Vorzensur", sagte er.

Börsenverein lehnt politische Einmischung ab

Auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels meldete Zweifel am Verfahren an, wie ihr Vorsteher, Sebastian Guggolz, sagte:

Wir als Börsenverein setzen uns ausdrücklich ein für die Freiheit des Wortes, die Vielfalt des literarischen Angebots und die Unabhängigkeit der Buchhandlungen als Orte des offenen, kritischen Austauschs.

Sebastian Guggolz, Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments abhängig zu machen, lehne der Börsenverein grundsätzlich ab.

Henriette de Maizière ist Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.

Icon von whatsapp
Quelle: dpa

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.


Über dieses Thema berichtete unter anderem das heute journal update am 04.03.2026 ab 00:30 Uhr.

Mehr zu Berlinale und Weimer

  1. Tricia Tuttle während der Eröffnung der 76. Berlinale am 20.02.2026 in Berlin.

    Umgang mit Nahost-Konflikt auf Festival:Tricia Tuttle bleibt Berlinale-Chefin

    mit Video0:41

  2. Abdallah Alkhatib hält bei der Berlinale-Abschlussgala eine palästinensische Flagge hoch.

    Minister Schneider verlässt Gala:"Israel-Hass": Empörung über Gaza-Rede auf Berlinale

    mit Video2:31

  3. Tricia Tuttle

    Nach drohender Abberufung:Kanzler ruft zu rascher Klärung der Berlinale-Debatte auf

    mit Video0:41

  4. Staatsminister für Kultur und Medien, steht vor dem Bayreuther Festspielhaus. (Archiv)

    100 Tage Kulturstaatsminister:Warum Wolfram Weimer polarisiert

    von Henriette de Maizière
    mit Video65:23