Vor Nato-Gipfel:Wadephul: "Ich setze auf das transatlantische Bündnis"
Vor seinem Washington-Besuch und dem Nato-Gipfel bekräftigt Außenminister Wadephul: Europa müsse militärisch stärker werden – aber weiterhin fest an der Seite der USA bleiben.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU)
Quelle: dpaZDFheute: Herr Minister, die Nato steht vor einem tiefgreifenden Wandel, die USA wollen Europa künftig deutlich mehr Verantwortung übertragen. Erleben wir eine Nato am Scheideweg?
Johann Wadephul:
Ich glaube, es ist eine natürliche Entwicklung einer Verlagerung, die die USA vornehmen, mehr in den pazifischen Raum.
Johann Wadephul (CDU), Bundesaußenminister
Das hat schon seit einigen Jahren begonnen. Das setzt sich jetzt fort und es kann sich auch fortsetzen, weil wir ja im letzten Jahr miteinander vereinbart haben, insgesamt fünf Prozent für Verteidigung auszugeben, vom Bruttoinlandsprodukt.
Das bedeutet, Europa wird stärker, militärisch stärker, kann mehr Verantwortung übernehmen. Also eine Entwicklung, die nicht überraschend ist, aber die jetzt stattfindet und die natürlich von uns eine Reaktion erfordert.
In Berlin haben sich die Staats- und Regierungschefs der E5-Staaten getroffen. Im Mittelpunkt: die Vorbereitung des NATO-Gipfels sowie die Lage in der Ukraine und internationale Krisen.
24.06.2026 | 1:32 minZDFheute: Aber wir sind ja eigentlich tatsächlich bereits einen Schritt weiter? Geht es nicht längst um die Frage, wie organisiert Europa seine Sicherheit, wenn Amerika als Sicherheitsgarant ausfällt, ohne die USA?
Wadephul:
Nein, die USA bleiben in Europa aktiv, sie bleiben militärisch hier, sie bleiben sicherheitspolitisch hier.
In allen Nato-Strukturen arbeiten wir sehr gut zusammen. Und auch was das militärische Dispositiv angeht, sehen wir eine aktive USA. Es gibt keine nukleare Abschreckung in Europa ohne die USA. Das bleibt bestehen, darauf können wir uns verlassen. Das können wir, ehrlich gesagt, auch nicht ersetzen.
Mehr zum Thema gibt es heute ab 19:10 Uhr bei Berlin direkt. Live-Gesprächsgast zu den schwarz-roten Reformen ist Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Moderiert wird die Sendung von Diana Zimmermann.
Wo wir mehr machen, ist der konventionelle Teil. Da machen wir mehr, da können wir mehr machen, da sollten wir auch mehr machen. Landes- und Bündnisverteidigung ist ja ein neuer Schwerpunkt der Bundeswehr und den nehmen wir jetzt wahr.
Beim Besuch von Nato-Generalsekretär Rutte hat US-Präsident Trump erneut Kritik an Deutschland geäußert: Er sei enttäuscht über die Haltung der Bundesregierung im Iran-Krieg.
25.06.2026 | 0:24 minZDFheute: Müsste sich Europa nicht darauf vorbereiten, sich mit deutlich weniger USA, eventuell ganz ohne amerikanische Unterstützung verteidigen zu können? Ihr strategischer Fokus bleibt das transatlantische Bündnis mit den USA?
Wadephul:
Ich setze darauf, dass wir das transatlantische Bündnis erhalten.
Ich sehe auch gar keinen Grund, das von uns aus aufzukündigen. Das will auch niemand in Washington. Man will stärker in Washington verlagern. Man will uns mehr Verantwortung übergeben. Die sollten wir jetzt nehmen. Das trifft uns doch nicht unvorbereitet.
Ich finde, das passt gut zusammen, das ergänzt sich und ich finde, Trennendes sollte man nicht erfinden, denn es ist in den Köpfen im Westen nicht da.
Das ist ein Wunsch, den man vielleicht in Moskau hegt und wir sollten nicht den Fehler machen, den zu erfüllen.
ZDFheute: Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat nun gefordert, ein möglicher Abbau amerikanischer Fähigkeiten müsse eng mit den europäischen Verbündeten abgestimmt werden, sonst drohten "gefährliche Fähigkeitslücken". Koordiniert Washington das mit den Partnern ausreichend?
Wadephul: Ich glaube schon. Es wird gut koordiniert, es wird hart gearbeitet, in allen Stäben der Nato, und auch wir führen politische Gespräche dahingehend. Ich bin jetzt in Washington, werde mit meinem Außenministerkollegen Marco Rubio genau auch über diese Fragen sprechen.
Vor dem Nato-Gipfel in Ankara
Außenminister Johann Wadephul reist Anfang der Woche nach Washington und trifft dort US-Außenminister Marco Rubio. Im Mittelpunkt stehen auch die künftige Rolle der USA in Europa und die Zusammenarbeit innerhalb der Nato.
In rund anderthalb Wochen treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Nato zum Gipfel in Ankara. Erwartet werden wichtige Weichenstellungen für die künftige Lastenteilung zwischen den USA und den europäischen Bündnispartnern.
Die USA haben angekündigt, ihren Beitrag zum sogenannten Nato Force Model schrittweise zu reduzieren. Betroffen sind unter anderem Kampfjets, Luftbetankung, Seeaufklärung sowie weitere militärische Fähigkeiten, die bislang für die Verteidigung Europas vorgesehen waren.
Die europäischen Partner stehen damit vor der Aufgabe, mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen. Zugleich wird diskutiert, wie eng Europa auch künftig sicherheitspolitisch an die USA gebunden bleiben soll.
Aber klar, wir können durchaus mit einem gewissen europäischen Selbstbewusstsein auch in die Gespräche hineingehen, weil wir militärisch stärker werden. Und deswegen können wir auch einfordern, dass manches mit uns koordiniert wird, was abgezogen wird. Insgesamt gesehen ist, glaube ich, in Washington und in Brüssel klar, gemeinsam sind wir stark in der Nato und darüber hinaus.
Wenn wir uns auf getrennte Wege begeben würden, dann wären wir beide nur schwächer.
ZDFheute: Einige sehen beim Nato-Gipfel in Ankara in anderthalb Wochen einen Bruch als möglich an. Wann ist der Gipfel in Ihren Augen ein Erfolg, so dass Moskau nicht den Eindruck einer geschwächten Nato bekommt?
Wadephul: Ich glaube, wir müssen politisch zusammenstehen und uns klar werden, dass wir gemeinsam einen Sicherheitsraum verteidigen. Wir müssen zweitens definieren, was haben wir erreicht auf dem Zielweg zu den fünf Prozent.
Zerstörte Häuser, kaputte Straßen – in der Ukraine ein täglicher Anblick. ZDF-Reporter Carsten Thurau zeigt, wie inmitten des Krieges aber auch Neues entsteht.
25.06.2026 | 1:59 minUnd was ganz entscheidend ist: Wir müssen klar machen, dass wir weiter an der Seite der Ukraine stehen. Da haben wir bei dem G7-Gipfel schon eine gute Erklärung. Und jetzt geht es darum, auf dem Nato-Gipfel auch nochmal zu schauen, dass wir die hinreichenden finanziellen Möglichkeiten als Nato-Partner haben, die Ukraine zu unterstützen. Sie darf diesen Krieg nicht verlieren. Und wenn das das Signal von Ankara ist, dass wir geschlossen hinter der Ukraine stehen, dann ist das, glaube ich, ein guter Kitt für unser Bündnis.
ZDFheute: Hat die Trump-Administration den Willen, den Wandel der Nato gemeinsam mit uns koordiniert anzugehen?
Wadephul: Es ist in Washington wie in Europa: Es gibt unterschiedliche Stimmen, es gibt unterschiedliche Kräfte. Deutschland gehört zu denjenigen, die sich immer sehr transatlantisch benommen haben und gefühlt haben. Wir haben starke Partner in der US-Administration. Marco Rubio ist mein Counterpart, zählt mit Sicherheit dazu, aber viele andere auch. Und so ist es in einer Partnerschaft. Es gibt unterschiedliche Kräfte, aber diejenigen, die wissen, worum es jetzt in dieser Stunde geht, die stehen zusammen.
Deswegen bin ich ganz sicher, diese Nato ist stärker als je zuvor und sie wird zusammenhalten.
Das Interview führte Ines Trams, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio.
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