Anschläge auf Infrastruktur:Darum sind die "Vulkangruppen" so schwer zu finden
von Katja Belousova
Eine Million Euro verspricht Innenminister Dobrindt für Hinweise: Denn noch immer gibt es keine Spur von den Tätern, die für den Berliner Blackout verantwortlich sind. Warum?
Innenminister Dobrindt setzt eine Million Euro für Informationen zum Anschlag auf das Stromnetz aus.
27.01.2026 | 1:25 minFast ein Monat ist vergangen, seit ein Anschlag auf das Berliner Stromnetz den Südwesten der Hauptstadt tagelang lahmlegte. Doch während die betroffenen Haushalte wieder Strom und Licht haben, tappen die Ermittler bei der Suche nach den Verantwortlichen weiterhin im Dunkeln. Auch deshalb hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) eine Belohnung bis zu einer Million Euro für Hinweise ausgesetzt, die zur Aufklärung beitragen.
Zum Anschlag bekannt hatte sich eine "Vulkangruppe" - vom Verfassungsschutz wird die Bewegung als "linksextremistisch" eingestuft. Ein entsprechendes Bekennerschreiben wurde von Sicherheitsbehörden als authentisch eingestuft. Doch weder die Übernahme der Ermittlungen durch die Generalbundesanwaltschaft noch Dobrindts aufgerufene Belohnung führten bislang zum Ermittlungserfolg. Woran liegt das?
Wenig V-Leute in linksextremer Szene
ZDF frontal hat die Frage Sicherheitsbehörden, Forschenden und Politikern gestellt - viele wollten sich nur im Hintergrund äußern. Eine Antwort gaben aber alle: Die Täter kommen aus einer sehr verschlossenen, eingeschworenen Szene, an die Ermittlerinnen und Ermittler nur schwer herankommen. Sicherheitskreise bestätigen zudem, dass der Verfassungsschutz in der linksextremen Szene über weniger V-Leute verfügt als in rechtsextremistischen oder islamistischen Gruppierungen.
frontal-Recherchen zeigen Schwachstellen im deutschen Stromnetz, die leicht angreifbar sind. Diese können die Versorgung von ganzen Stadtteilen und sogar von Dax-Konzernen gefährden.
27.01.2026 | 9:17 minUnd selbst wenn es gelingt, jemanden einzuschleusen, kommt es danach immer wieder zu spektakulären Enttarnungen wie im Jahr 2014 bei der Roten Flora in Hamburg oder im Januar dieses Jahres innerhalb der interventionistischen Linken in Bremen. "Die Szene ist sehr konspirativ, misstraut staatlichen Organen und legt da eine gewisse Paranoia und permanente Angst, unter Beobachtung zu stehen, an den Tag - daher ist es auch für uns Forschende so schwer, in die Szene vorzudringen", erklärt Dirk Baier, Kriminologe und Extremismusexperte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Gleiches gilt für Journalistinnen und Journalisten - ZDF-frontal-Anfragen etwa an szenebekannte Anwälte blieben unbeantwortet. Dabei seien Anschläge wie der im Berliner Südwesten sehr genau geplant, sagt Baier: "Die Verantwortlichen handeln in der Dunkelheit der Nacht, stets bedacht, keine Spuren zu hinterlassen und keine Zeugen zu haben."
Das macht es den ermittelnden Behörden besonders schwer.
Prof. Dr. Dirk Baier, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Nach dem Anschlag auf die zentrale Stromversorgung versank der Berliner Südwesten Anfang Januar im Blackout. Was lief schief im Krisenmanagement der Hauptstadt?
20.01.2026 | 7:53 minBundesanwaltschaft ermittelt - bislang erfolglos
Ohne konkreten Ansatz ist es schwer, Täterinnen und Tätern auf die Spur zu kommen. Schon bei vergangenen Anschlägen, für die sich "Vulkangruppen" verantwortlich erklärt hatten, ermittelte die Bundesanwaltschaft. Bislang erfolglos.
"Die in Betracht kommenden Straftatbestände variieren je nach Einzelfall, mit Blick auf das Tesla-Werk besteht etwa der Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der verfassungsfeindlichen Sabotage sowie Brandstiftung", erklärt eine Sprecherin des Generalbundesanwalts.
Beginnend mit der Inbrandsetzung einer Kabelbrücke am Berliner Bahnhof Ostkreuz bereits im Mai 2011 bis hin zum Brandanschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide am 5. März 2024.
Sprecherin des Generalbundesanwalts
Die linksextreme Vulkangruppe hat sich zum Brandanschlag in Berlin bekannt. Seit 2011 gibt es Anschläge unter dem Namen, gefasst wurde bisher niemand. ZDFheute live analysiert.
07.01.2026 | 26:47 minÜberwachung der linksextremen Szene?
Der Erfolg blieb auch deshalb aus, weil die linksextreme und anarchistische Szene bekannt dafür sind, kaum über digitale Kanäle zu kommunizieren und möglichst wenig digitale Spuren zu hinterlassen. Kommuniziert werde eher persönlich oder über analoge Funkgeräte, heißt es aus Expertenkreisen.
Deshalb könnte auch die Forderung Dobrindts nach einer besseren digitalen Überwachung der linksextremen Szene ins Leere laufen - nicht nur, weil Mitglieder versuchen, möglichst wenig digitale Spuren zu hinterlassen. Sondern auch, weil überhaupt Anhaltspunkte dafür fehlen, ob und inwieweit antifaschistisch-linksextreme Gruppierungen mit den "Vulkangruppen" verzahnt sind. Auch wenn sie in Teilen eine ähnliche Ideologie teilen. "Da gibt es viele Gruppen und Untergruppen, die unabhängig voneinander agieren. Das sind keine homogenen Terrorzellen im klassischen Sinn", meint Dirk Baier.
Sabotageanleitungen im Internet
Im Internet offen zugänglich sind dabei neben unzähligen - nicht immer verifizierten - Bekennerschreiben, auch Handreichungen für Sabotageaktionen, in denen es unter anderen heißt: "Wir wollen uns aber nicht mit der Polizei messen, sondern da zuschlagen, wo sie nicht sind und dann, wenn sie es nicht erwarten. Die gleichzeitige Durchführung vieler Aktionen von kleiner bis mittlerer Intensität vervielfältigt nicht nur unsere Schlagkraft, sondern erhöht auch unsere Sicherheit."
Zumindest an den Grundsatz der überschaubaren Intensität haben sich die Verantwortlichen diesmal nicht gehalten: Die Auswirkungen des Anschlags im Südwesten Berlins sind so enorm, dass auch der Ermittlungsdruck größer sein dürfte als bei bisherigen Aktionen. "Dieser gestiegene Ermittlungsdruck könnte diesmal tatsächlich dazu führen, dass jemand gefasst wird", sagt der Züricher Experte Dirk Baier: "Da dürfen sich die Strafverfolgungsbehörden keine Blöße geben."
Nach einem Medienbericht soll der Bundesnachrichtendienst künftig Sabotage- und Cyberangriffe durchführen dürfen. Auch Überwachung und Datenerhebung sollen ausgeweitet werden.
19.12.2025 | 0:35 minBelohnung könnte Mitwissende motivieren
Und auch die von Innenminister Dobrindt ins Spiel gebrachte finanzielle Belohnung für Hinweise auf die Täter könnte einen Ermittlungserfolg fördern. Denn sie könnte zusätzliche Motivation für mögliche Mitwissende sein, Hinweise zu liefern, auch weil der Anschlag im Januar in der Szene durchaus kritisch diskutiert worden sein soll, wie es aus Sicherheitskreisen heißt.
Denn die Auswirkungen etwa auf pflegebedürftige Menschen im tiefsten Winter waren immens. Tagelang waren sie auf Hilfe angewiesen, mussten teilweise in Gemeinschaftsunterkünften ausharren. Und auch sie wollen wissen, wer für den Angriff auf ihr Stromnetz verantwortlich war.
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