Angriffe auf Stromnetze, Bahn, Flughäfen:Was steckt hinter der Sabotage-Welle in Deutschland?
von Nils Metzger
Deutschland erlebt eine Welle an Sabotage-Angriffen: Anschläge auf Stromnetze, Bahnstrecken oder Flughäfen. Die Urheber sind verschieden - und doch beeinflussen sich die Taten.
Nach einer Serie von Sabotage-Angriffen auf das deutsche Stromnetz hat die Polizei einen 48-jährigen Verdächtigen festgenommen. Die Ermittler hatten mehrere Tage nach ihm gefahndet.
08.09.2026 | 0:28 minNach tagelanger öffentlicher Fahndung haben Ermittler am Dienstag den mutmaßlichen Angreifer auf Umspannwerke in ganz Deutschland aufgegriffen. In der Nähe eines Kraftwerks bei Aachen fiel er der Polizei durch verdächtiges Verhalten auf.
Seit Tagen entdecken Behörden Abschussvorrichtungen in verschiedenen Teilen Deutschlands - in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen. Damit wollte der Verdächtige mutmaßlich Raketen in Richtung Stromleitungen verschießen, um einen Kurzschluss auszulösen und die Stromversorgung lahmzulegen. Nicht in allen Fällen haben die Raketen ausgelöst, die Schäden waren darum begrenzt.
Dieser und weitere Fälle, etwa die Drohnenvorfälle am Flughafen Leipzig-Halle oder wiederholte Brandanschläge auf Bahnstrecken, werfen die Frage auf, warum Deutschland eine Welle der Sabotageaktionen zu erleben scheint. Ist das eine gänzlich neue Bedrohungslage und wie beeinflussen sich die Taten gegenseitig?
Anschlagsserie auf die Energieinfrastruktur: Mehrere Kraftwerke und Leitungen wurden offenbar gezielt sabotiert. Der Tatverdächtige ist weiter auf der Flucht.
05.09.2026 | 1:55 minErleben wir tatsächlich eine Zunahme von Sabotage-Fällen?
Wie viele Sabotagefälle es in Deutschland derzeit gibt, kann schwer beziffert werden. Das Bundeskriminalamt erstellt regelmäßig ein Lagebild der Verdachtsfälle, das aber nicht öffentlich zugänglich ist. NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" hatten jedoch mehrfach darüber berichtet.
Bis Ende August zählte das BKA demzufolge bereits mehr als 165 Sabotageverdachtsfälle; im Gesamtjahr 2025 seien es mehr als 320 Fälle gewesen. Hinzu kommen mehr als 1.000 beobachtete Drohnen-Fälle über kritischer Infrastruktur oder militärischen Einrichtungen.
Frank Umbach, Forschungsleiter am Europäischen Cluster für Klima-, Energie- und Ressourcensicherheit der Universität Bonn, besorgt nicht nur diese Anzahl der Vorfälle, sondern auch die zunehmende Intensität. "Schon seit Anfang des Jahres sehen wir, dass kritische Infrastruktur mehr denn je im Vordergrund steht - wo unser Schutz, auch im fünften Jahr des Ukraine-Krieges, nach wie vor völlig unzureichend ist", sagt Umbach.
Leipzig war natürlich ein weiterer Eskalationsschritt mit dem Einsatz einer Drohne mit Militärsprengstoff.
Frank Umbach, Universität Bonn
Nicht nur Deutschland, sondern auch andere europäische Länder sind betroffen, betont Umbach. "Zahlreiche Anschläge in den letzten Monaten in den baltischen und anderen europäischen Staaten haben wir in Deutschland kaum noch wahrgenommen, weil wir uns offenbar daran schon fast gewöhnt haben."
Nach dem Fund einer mit Sprengstoff und Zünder präparierten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle läuft die Suche nach den Tätern und möglichen Drahtziehern. Offenbar war es nicht die einzige Drohne.
26.08.2026 | 22:37 minMilitante Umweltaktivisten und russische Agenten zielen auf Infrastruktur
Hinter den Sabotagefällen stehen höchst unterschiedliche Milieus: einmal mutmaßlich von russischen Diensten angeleitete sogenannte Wegwerfagenten oder kriminelle Netzwerke - und militante Umweltaktivisten.
Der Angreifer auf die Umspannwerke soll sich etwa in Bekennerschreiben auf Umweltzerstörung durch fossile Stromerzeugung bezogen haben. Die Gruppe "Kommando Angry Birds", die sich seit mehreren Jahren zu Brandanschlägen auf die Bahn bekennt, will nach eigenen Angaben zurück in eine vorindustrielle Gesellschaft.
Bislang gibt es keine öffentlich bekannten Hinweise der Behörden, dass Russland auch diese linksextremistischen Akteure anleitet oder logistisch unterstützt. Manche hybriden Angriffe wie eine Serie an Bauschaum-Beschädigungen an hunderten Autos mit am Tatort hinterlassenen Habeck-Aufklebern Ende 2024 stellten sich nachträglich als mutmaßlich aus Russland beauftragt heraus. Linksextremistisch motivierte Angriffe auf die Bundeswehr oder Rüstungskonzerne sind auch im direkten Interesse Russlands.
Russische Drohnen im Luftraum der EU, Anschläge auf kritische Infrastruktur in europäischen Ländern. Befinden wir uns bereits in einem kriegsähnlichen Zustand mit Russland?
03.09.2026 | 2:27 min"Auf der einen Seite sehen wir, dass Russland mittels seiner Geheimdienste die Sabotageangriffe nicht selbst ausführt, diese aber plant, Informationen über die Verwundbarkeiten sowie Geld und materielle Unterstützung bereitstellt", erklärt Umbach. "Auch militante Umweltaktivisten nutzen die Situation aus. Es kann durchaus sein, dass vordergründig linksterroristische Gruppen Anschläge ausführen, dies aber dennoch in Kooperation und mit Hilfe russischer Geheimdienste tun."
Nachweise und Attribution seien schwierig und oft erst nach monatelangen Untersuchungen möglich.
Sabotage-Gruppen lernen voneinander
Auch wenn keine direkten Verbindungen zwischen verschiedenen Sabotage-Netzwerken bestehen, so lernen sie doch auch indirekt voneinander. Gruppen wie "Kommando Angry Birds" verbreiten im Netz Anleitungen, wie Brandanschläge durchgeführt werden können. Im Netz gibt es Foren, in denen Enthusiasten die Herstellung von improvisierten Waffen oder Sprengstoff diskutieren können - oft ungeachtet ihrer politischen Überzeugungen.
Natürlich lernt man voneinander, genauso von dem, was schiefläuft.
Frank Umbach, Universität Bonn
"Man muss auch davon ausgehen, dass Erfahrungen im Darknet und zwischen unterschiedlichen Gruppen geteilt werden - genauso wie man von den Reaktionen der Sicherheitskräfte lernt, die bei den nächsten Anschlägen berücksichtigt werden", sagt Umbach.
Waffen aus dem 3D-Drucker: Unter seinem Pseudonym "JStark1809" konstruiert Jacob D. aus Hannover den Bauplan für eine Schusswaffe, die jeder nachbauen kann: Die FGC-9.
25.08.2026 | 42:17 minInformationen im Netz erleichtern Sabotageplanung
Sabotage war schon immer eine Bedrohung, auf die sich Sicherheitsbehörden vorbereiten mussten, doch selbst verglichen mit dem Kalten Krieg ist die Lage heute deutlich bedrohlicher: "Im Kalten Krieg gab es keine systematische hybride Kriegführung gegen kritische Infrastruktur im Westen, sondern nur das Ausspähen unserer Verwundbarkeiten, die in einem Kriegsfall dann sabotiert worden wären", erklärt Umbach.
Angreifer profitieren massiv vom technischen Fortschritt. Das ist einerseits Drohnen-Technologie, aber auch die freie Verfügbarkeit von Informationen im Netz, mit denen Anschläge geplant werden können - von Satellitenbildern bis zu Werbevideos, in denen Unternehmen ihre Standorte zeigen. Auch viele der jüngst in Berlin gehackten Behördendaten können nun für weitere Angriffe genutzt werden.
Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass zu viel Information zu kritischer Infrastruktur öffentlich zugänglich ist. Wir haben die Tore zu unserer Infrastruktur selbst weit aufgemacht.
Frank Umbach, Universität Bonn
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