Atomabkommen mit Iran: Was ist dran an Steinmeiers Kritik?

Faktencheck

Krieg laut Bundespräsident "vermeidbar":Atomabkommen mit Iran: Was ist dran an Steinmeiers Kritik?

Autorenfoto Nils Metzger

von Nils Metzger

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Bundespräsident Steinmeier hat den Krieg gegen Iran als "unnötig" kritisiert. Das Atomabkommen aus seiner Zeit als Außenminister hätte eine Eskalation verhindert. Stimmt das?

Feierstunde: 75 Jahre Wiedergründung des Auswärtigen Amtes

Jubiläumsveranstaltung "75 Jahre Wiedergründung des Auswärtigen Amtes", unter anderem mit einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

24.03.2026 | 46:05 min

Bei seiner Rede zum 75. Jubiläum des Auswärtigen Amtes ging Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Konfrontationskurs zur zögerlichen Haltung der Bundesregierung und bezeichnete den Iran-Krieg Israels und der USA als "völkerrechtswidrig". Er verteidigte auch seine Bilanz als deutscher Außenminister bis 2017. Das von ihm mit ausgehandelte und von Donald Trump 2018 aufgekündigte Atomabkommen mit Iran hätte den Krieg jetzt verhindern können, so Steinmeier.

Dieser Krieg ist (…) ein wirklich vermeidbarer, unnötiger Krieg, wenn sein Ziel denn war, den Iran auf dem Weg zur Atombombe zu stoppen. Das Nuklearabkommen hatte uns schon so viel weitergebracht. Wir waren nie so weit entfernt von einer atomaren Bewaffnung des Iran wie nach Abschluss des Abkommens am 14. Juli 2015.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

  • Sehen Sie oben die vollständige Rede des Bundespräsidenten im Video; die zitierte Stelle ab Minute 35.

Trump

Iran dringt nach Darstellung von US-Präsident Trump auf ein Abkommen. Trump hatte zuvor angedrohte Angriffe verschoben und dies mit "sehr guten" Gesprächen begründet.

24.03.2026 | 1:53 min

Volker Beck: Steinmeier lasse Selbstkritik vermissen

Heftige Kritik an Steinmeiers Aussagen kam im Anschluss unter anderem von Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Er sagte bei "Bild.de":

Davor, dass der Nukleardeal ein Fehlschlag und eine Fehlkonstruktion war, verschließt der Bundespräsident die Augen. Israel und die USA sowie die Nachbarn des Iran löffeln gerade die Suppe aus, die Steinmeier half mit einzubrocken.

Volker Beck, Deutsch-Israelische Gesellschaft

Beck warf Steinmeier fehlende Selbstkritik vor. Außenminister Johann Wadephul (CDU) wollte sich am Mittwoch auf Nachfrage nicht zu Steinmeiers Aussagen äußern. Lob für den Bundespräsidenten kam unter anderem von der AfD.

Was sagen Iran-Experten zu diesen unterschiedlichen Sichtweisen auf das Atomabkommen und Steinmeiers Verantwortung für die aktuelle Lage in Iran?

elmar-thevessen

Die USA haben Iran offenbar ein Kriegsende vorgeschlagen und einen 15-Punkte-Plan unterbreitet. "In diesem Plan sind Details, die wir schon kennen", so ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen.

25.03.2026 | 3:01 min

Wie scheiterte das Atomabkommen mit Iran?

Das offiziell JCPOA genannte internationale Atomabkommen hatte zum Ziel, die iranischen Aktivitäten zur Urananreicherung zu beschränken und im Gegenzug wirtschaftliche Sanktionen aufzuheben. Vertragsparteien waren neben Iran und der Europäischen Union alle ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats plus Deutschland.

Als Kontrollmechanismus waren Untersuchungen der Atomanlagen durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) vorgesehen. "Stand heute kann ich festhalten, dass Iran seine atomaren Verpflichtungen umsetzt", sagte der damalige IAEA-Direktor Yukiya Amano Anfang März 2018.

Israel und US-Politiker äußerten dennoch wiederholt den Vorwurf, Iran würde Teile seines Atomprogramms verbergen und insgeheim auf eine Atombombe hinarbeiten. Im Mai 2018 stiegen die USA unter Donald Trump einseitig aus dem Abkommen aus und setzten Sanktionen wieder in Kraft.

Iran erklärte daraufhin, sich nicht mehr an das Abkommen gebunden zu fühlen und fuhr seine Urananreicherung wieder hoch. Zuletzt stellte die IAEA verschiedene iranische Verstöße gegen die Auflagen fest. Der aktuelle IAEA-Direktor Rafael Grossi sagte dem Sender CBS am Sonntag:

Wir haben kein systematisches [Atomwaffenprogramm] festgestellt. (…) Als [das Abkommen] in Kraft trat, hat sich Iran an eine Reihe von Dingen gehalten, aber dann fingen wir an, neue Dinge zu beobachten.

Rafael Grossi, IAEA-Generaldirektor

Dann sei der Punkt gekommen, wo er nicht mehr länger hätte sagen können, dass "alles in Ordnung" sei, so Grossi im Interview. Diese von der IAEA festgestellten Probleme stammen jedoch weitgehend aus der Zeit, nachdem sich die USA aus dem Abkommen bereits zurückgezogen hatten.

Nahost-Experte Andreas Reinicke

Iran sehe sich derzeit auf der "Siegerseite" dieses Kriegs, erklärt Nahost-Experte Reinicke. Dennoch würden Iraner irgendwann verhandeln wollen, dafür brauche es aber gegenseitiges Vertrauen.

23.03.2026 | 16:08 min

Israel und Teile der USA damals schon für Konfrontation statt Abkommen

Cornelius Adebahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik war bei der Steinmeier-Rede im Auswärtigen Amt live dabei. "Die Charakterisierung des Atomabkommens von 2015 als 'Fehlschlag' oder 'Fehlkonstruktion' durch Herrn Beck ist unzutreffend und zeugt von mangelnder Sachkenntnis", schreibt Adebahr ZDFheute.

Schon damals gab es starke Stimmen in Israel und den USA, die lieber einen Militäreinsatz als eine diplomatische Lösung sahen. Das Ergebnis sehen wir jetzt: Nach einem Jahrzehnt des Drucks (…) und nach zwei mit massiver Zerstörung einhergehenden Kriegen ist die Welt keinen Schritt weiter.

Cornelius Adebahr, DGAP

Als Bundespräsident sei Steinmeier nicht mehr für die erfolglosen Versuche der Europäer verantwortlich, das Iran-Abkommen nach dem Ausstieg der Amerikaner aufrechtzuerhalten, so Adebahr. Er teile aber eine Verantwortung mit allen beteiligten Politikern, die iranische Zivilgesellschaft nicht genug unterstützt zu haben, sagt Adebahr. "Gerade angesichts der anhaltenden Repression des Regimes."

75 Jahre Wiedergründung des Auswärtigen Amtes

Bei der Jubiläumsfeier zu 75 Jahre Auswärtiges Amt bezeichnet der Bundespräsident den Iran-Krieg als schweren politischen Fehler und Verstoß gegen das Völkerrecht.

24.03.2026 | 1:39 min

Iran-Abkommen schränkte das Raketenprogramm nicht ein

Der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad vom Center for Middle East and Global Order in Berlin merkt gegenüber ZDFheute an: "Steinmeiers durchaus berechtigte Kritik an der Legalität des US-Angriffs auf Iran hätte an Glaubwürdigkeit gewonnen, wenn auch eine Selbstkritik hinsichtlich der deutschen Iran-Politik der Vergangenheit formuliert worden wäre."

Der hierzulande stets hochgelobte Atomdeal hatte zwei entscheidende blinde Flecken, die uns später sicherheitspolitisch heimgesucht haben: Teherans Raketenprogramm und die Unterstützung regionaler Milizen.

Ali Fathollah-Nejad, Politikwissenschaftler

Dass Iran auch unter dem Atom-Deal weiter Geld, Waffen und Ausbildung für Terrorgruppen in der gesamten Region bereitstellte, von denen wiederholt Angriffe auf andere Staaten wie Israel ausgingen, hat das Abkommen nicht unterbunden.

SGS-Theveßen-Slomka

"Es sieht alles danach aus, als suche Trump unbedingt nach einem Ausweg. Es wäre auch die letzte Ausfaht vor einer ganz großen Eskalation", so ZDF-Korrespondent, Elmar Thevessen.

24.03.2026 | 2:23 min

Sanktionserleichterungen halfen Iran bei Finanzierung von Milizen

Der Sicherheitsexperte Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project betont, dass Deutschland eine entscheidende Rolle bei den Verhandlungen mit Iran ab 2003 gespielt habe. Bis zum offiziellen Ende von JCPOA 2025 waren sechs verschiedene deutsche Außenminister im Amt. "Man hätte sicherlich auf deutscher Seite an verschiedenen Stellen anders reagieren können", aber dann hätte man immer noch Zustimmungen der anderen Verhandlungspartner gebraucht, sagt Schindler. "Dies auf Frank-Walter Steinmeier zu konzentrieren, wird der Komplexität der Situation nicht gerecht."

Die JCPOA kann weder vollumfänglich als erfolgreich oder als Misserfolg charakterisiert werden.

Hans-Jakob Schindler, Counter Extremism Project

"Erfolgreich waren eine messbare temporäre Begrenzung der deklarierten iranischen Nuklearaktivitäten", sagt Schindler ZDFheute. Nachrichtendienste hätten sich deshalb auf das konzentrieren können, was Iran möglicherweise verheimlichte. Ein besseres diplomatisches Verhältnis zum iranischen Regime hätte JCPOA aber nicht bewirkt. Die schwierigen Fragen des Raketen- und Drohnenprogramms hätten deshalb nie verhandelt werden können.

Nahost- und Terrorexperte Hans-Jacob Schindler

Auch in Deutschland seien iranische Spionagenetzwerke in der Lage, Anschläge vorzubereiten, erklärt Experte Schindler. Im Visier seien besonders israelische, jüdische und US-Einrichtungen.

10.03.2026 | 12:17 min

Schindler betont, dass sich das Regime zwar zunächst strikt an die vereinbarten technischen Begrenzungen des Nuklearprogramms gehalten habe. "Die zusätzlichen Gelder, welche durch die vereinbarten Sanktionserleichterungen in den Iran flossen, wurden vom Regime hauptsächlich zur Ausweitung des Raketen- und Drohnenprogramms sowie zur Unterstützung von Hamas, Hisbollah oder Huthis genutzt."

Beide Seiten unterschlagen relevante Punkte zum Atom-Deal

Die befragten Experten kommen also zu einem abwägenden Fazit. Das Atomabkommen war nicht perfekt und hat weder Irans Miliznetzwerk geschwächt noch Repression gegen die eigene Bevölkerung unterbunden. Diese Probleme blendet der Bundespräsident in seiner Rede aus.

Viele der Politiker in den USA und Israel, die den aktuellen Krieg begonnen haben, waren aber auch schon damals gegen den Deal. Seine von internationalen Beobachtern bestätigten positiven Effekte auf eine Begrenzung des iranischen Atomprogramms, die Steinmeier hervorhebt, leugneten sie damals wie heute.

Fallschirmjäger in Nahen Osten verlegt?
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Widersprüchliche Angaben: Die USA legen einen Plan für ein Kriegsende in Iran vor. Zugleich verlegt das Pentagon offenbar Fallschirmjäger in die Region. Iran lehnt den US-Plan ab.
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