Mehrwertsteuer: Profitiert der Staat von hohen Kraftstoffpreisen?

Faktencheck

Mehr Steuereinnahmen wegen Iran-Krieg:Bereichert sich der Staat an hohen Kraftstoffpreisen?

Autorenfoto Nils Metzger

von Nils Metzger

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Höhere Spritpreise heißen auch zusätzliche Mehrwertsteuer. Profitiert die Staatskasse auf Kosten der Verbraucher? Tatsächlich dürfte Finanzminister Klingbeil keinen Gewinn machen.

Lars Klingbeil, SPD-Parteichef, Finanzminister und Vize-Kanzler

Finanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil verteidigt im ZDF den Tankrabatt als Maßnahme der Regierung gegen steigende Energiepreise.

19.04.2026 | 5:54 min

Der Iran-Krieg hat die Spritpreise nach oben getrieben. Während das bei Bürgern schmerzhaft ins Portemonnaie geht, könnte die Staatskasse sogar profitieren, denn die Mehrwertsteuer (offiziell Umsatzsteuer genannt) wird prozentual auf den höheren Bruttopreis für jeden Liter aufgeschlagen.

BSW-Politikerin Sahra Wagenknecht etwa sagte ZDFheute:

Der Staat macht kräftig Übergewinne über die Mehrwertsteuer und Lars Klingbeil ist Krisenprofiteur Nummer eins.

Sahra Wagenknecht, BSW

Wagenknecht forderte einen Spritpreisdeckel von 1,50 Euro je Liter. "Der Staat darf sich nicht noch bereichern, wenn Preise explodieren!" Auch in den sozialen Medien sammelt sich seit Wochen Unmut über angebliche "Mehrwertsteuer-Abzocke" des Staates.

Aber ist die Rechnung beim Spritpreis tatsächlich so einfach? ZDFheute hat nachgerechnet.

Wie viel Mehrwertsteuer zahlt man pro Liter Kraftstoff?

Steuern und Abgaben machen in Deutschland einen großen Teil des Kraftstoffpreises für Verbraucher aus.

Laut ADAC lag der Anteil von Steuern und Abgaben Anfang April 2026 bei durchschnittlich 54 Prozent (Super), beziehungsweise 43 Prozent (Diesel). In beiden Fällen liegt die Mehrwertsteuer bei 19 Prozent. Die beiden anderen Bestandteile, CO2-Abgabe und Energiesteuer, sind nicht prozentual, sondern fix, also festgelegte Aufschläge pro Liter.

Die gestiegenen Energiepreise schlagen sich so auch in mehr Mehrwertsteuer je verkauftem Liter nieder. Durchschnittlich machte sie laut ADAC so viel aus:

  • Stand 16.04.2026: 33,2 Cent je Liter (Super), 35,3 Cent je Liter (Diesel)
  • Jahreswert 2025: 26,9 Cent je Liter (Super), beziehungsweise 25,7 Cent je Liter (Diesel)

Mit jedem verkauften Liter macht die Staatskasse also ein theoretisches Mehrwertsteuer-Plus von rund 6,3 Cent, beziehungsweise 9,6 Cent.

Spritpreis

ZDFheute Infografik

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Wie viel mehr kann der Staat jetzt einnehmen?

Basierend auf Angaben des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) gab es 2025 einen monatlichen Verbrauch von rund zwei Milliarden Litern Benzin und 3,3 Milliarden Litern Diesel in Deutschland.

Bei unverändertem Verbraucherverhalten und den Spritpreisen von vergangener Woche wären das über 400 Millionen Euro Mehrwertsteueraufkommen zusätzlich pro Monat für die Staatskasse.

Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Insbesondere bei Diesel sind die Verbraucher häufig gewerbliche Nutzer; sie profitieren vom Vorsteuerabzug und können sich die Mehrwertsteuer vom Finanzamt zurückholen. Allein dadurch dürften bereits über 100 Millionen Euro der staatlichen Mehreinnahmen wegfallen.

Dazu kommt, dass die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aufgeteilt werden. Finanzminister Klingbeil im Bund bleiben nur 47 Prozent davon.

Eine Person tankt ein Auto an einer Tankstelle in Wasserbillig (Luxemburg). (Archiv)

Die Preise an deutschen Tankstellen bleiben hoch – und die Ölkonzerne verdienen kräftig mit. Denn in Deutschland haben wenige Großkonzerne eine große Marktmacht, etwa im Bereich der Raffinerien.

14.04.2026 | 8:38 min

Sind Verbraucher jetzt sparsamer als vor der Krise?

Wie viel sparsamer Verbraucher aktuell sind, kann nicht sicher gesagt werden. Detaillierte Verbrauchswerte gibt es derzeit weder beim Bafa noch bei Branchenverbänden. Auch die großen Tankstellenketten wollten auf Anfrage keine Angabe zu ihrem derzeitigen Treibstoffabsatz machen.

Branchenexperten betonen aber, dass die gestiegenen Preise durchaus Einfluss auf das Kaufverhalten der Kunden hätten. Jürgen Ziegner vom Zentralverband des Tankstellengewerbes sagt ZDFheute:

Die Stimmung in der Branche ist weiterhin schlecht. Der Umsatzrückgang in Reaktion auf die gestiegenen Preise aus den ersten Märzwochen setzt sich weiter fort. Wir erleben einen deutlichen Tanktourismus in die Nachbarländer.

Jürgen Ziegner, Zentralverband des Tankstellengewerbes

Warum ist Tanktourismus so schlecht für die Staatskasse?

Insbesondere in Polen, Tschechien oder Österreich liegen die Kraftstoffpreise deutlich unter denen in Deutschland. Lediglich in Dänemark und den Niederlanden lagen sie Ende vergangener Woche höher.

Für die deutsche Staatskasse bedeutet Tanktourismus einen Totalausfall. Nicht nur die Mehrwertsteuer, sondern alle Steuern und Abgaben werden dann anderswo gezahlt. "Bei all der Diskussion um die Kosten des Tankrabatts sollte das Bundesfinanzministerium auch bedenken, was durch dieses Tanken im Ausland an Einnahmen verlorengehen", merkt Ziegner an.

Auch volkswirtschaftlich ist ein starker Anstieg der Spritpreise keine gute Nachricht für den Staatshaushalt. Wenn der Gewinn von Unternehmen dadurch leidet, zahlen sie auch weniger Steuern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturerwartungen für Deutschland in Folge des Energie-Schocks nach unten korrigiert.

Vom Bundesfinanzministerium (BMF) heißt es auf ZDFheute-Anfrage:

Aktuell geht das Bundesfinanzministerium nicht von Mehreinnahmen aus. Modellrechnungen im BMF deuten derzeit nicht darauf hin, dass es im Saldo beim Bund überhaupt zu Steuermehreinnahmen in Folge der Kraftstoffpreissteigerungen kommt.

Bundesfinanzministerium

"Die konkreten fiskalischen Auswirkungen der stark gestiegenen Spritpreise sind schwer abzuschätzen", so das Ministerium.

Eine leere Tankstelle mit hohen Kraftstoffpreisen in Frankfurt

Um Autofahrer bei den derzeitigen Spritpreisen zu entlasten, sieht die Bundesregierung einen Tankrabatt ab dem 1. Mai vor. Die Opposition kritisiert: Die Entlastung sei zu gering.

16.04.2026 | 1:50 min

Wie viel kostet der geplante Tankrabatt?

Als Maßnahme gegen die gestiegenen Spritpreise hat die Bundesregierung einen Tankrabatt angestoßen. Am Donnerstag soll er im Bundestag beschlossen werden. Geplant ist, die Energiesteuer auf Diesel und Benzin um 14,04 Cent je Liter für die Monate Mai und Juni abzusenken. Dadurch sinkt automatisch auch die anfallende Mehrwertsteuer.

Im Gesetzentwurf rechnet die schwarz-rote Koalition dadurch mit Mindereinnahmen in Höhe von 1,45 Milliarden Euro. Diese Summe übersteigt die geschätzten Mehreinnahmen bei der Mehrwertsteuer erheblich. Und anders als die zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aufgeteilte Mehrwertsteuer muss der Bund die Kosten für eine gesenkte Energiesteuer vollständig allein tragen.

Tankstellenvertreter Ziegner rechnet umgekehrt aber auch damit, dass das derzeitige Ausmaß von Tanktourismus durch den Tankrabatt zurückgehen werde - und so zusätzliche Steuereinnahmen entstünden. Wie groß dieser Effekt ausfallen könnte, scheint jedoch unklar. Aus dem Finanzministerium in Berlin heißt es, man habe dazu "keine belastbaren Informationen".

Fazit

Es ist korrekt, dass steigende Spritpreise prinzipiell auch zu einem höheren Aufkommen bei der Mehrwertsteuer führen. Tatsächlich bedeutet das aber nicht, dass der Bundeshaushalt von der Krise profitiert.

Angepasstes Verbraucherverhalten, etwa sparsameres Fahren oder der Tanktourismus, und die angekündigten politischen Maßnahmen in Form des Tankrabatts kosten den Staat schätzungsweise mehr, als er durch das Mehrwertsteuerplus einnimmt.

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