Experte zu Spritpreisen: Tankrabatt "völlig falsche Entscheidung"

Interview

Wie umgehen mit der Energiekrise?:Experte zum Tankrabatt: "Völlig falsche Entscheidung"

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Falsche Anreize seitens der Politik und eine "mutlose" Autoindustrie hätten Deutschland bei der Elektromobilität zurückgeworfen, sagt Mobilitätsforscher Andreas Knie im ZDF.

Prof. Andreas Knie, Mobilitätsforscher

Angesichts der Energiekrise fordert Mobilitätsforscher Andreas Knie mehr Mut und Tempo beim Ausbau der E-Mobilität. Aktuell laufe man in Deutschland der Entwicklung "hinterher", sagt er im ZDF.

19.04.2026 | 2:35 min

ZDFheute: Wie froh waren Sie, als die Bundesregierung verkündet hat, das es jetzt für zwei Monate 17 Cent pro Liter Tankrabatt gibt?

Andreas Knie: Da war ich leider gar nicht froh. Erstens habe ich gar kein eigenes Auto und zweitens war das natürlich die völlig falsche Entscheidung.

Eine leere Tankstelle mit hohen Kraftstoffpreisen in Frankfurt

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ZDFheute: Warum hat das Auto eigentlich in Deutschland so eine große Bedeutung?

Knie: Wir müssen erstmal fragen, ob die Bedeutung wirklich immer noch so groß ist. Denn wenn wir mal genau messen, fahren wir seit 2020 etwa 10 Prozent weniger und auch an den Wegen ist das Auto deutlich weniger beteiligt. Das heißt also, die Dominanz des Autos ist überhaupt nicht mehr so groß.

Berlin direkt mit Diana Zimmermann
Quelle: ZDF

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ZDFheute: Der Abbau von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie wird in Deutschland immer von regelrechter Panik begleitet. Wie wichtig ist dieser Industriezweig?

Knie: Das mit den Arbeitsplätzen ist schon seit es die Autoindustrie gibt immer ein Thema und es wird natürlich immer viel zu hoch gepokert. Wir haben zurzeit etwa knapp 500.000 Arbeitsplätze, insgesamt haben wir über 45 Millionen Sozialversicherungsbeschäftigte.

Das heißt, die Autoindustrie ist eine wichtige Industrie, aber sie ist nicht mehr die entscheidende Industrie. Wenn sie deutlich schrumpft, und das wird sie, dann wird das Abendland auch nicht untergehen.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher

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ZDFheute: Ein Grund für den Niedergang der Autoindustrie ist die Elektromobilität. Warum hinkt Deutschland da so hinterher?

Knie: Die Elektromobilität und die deutsche Industrie, das ist wirklich tragisch, denn 2010, 2011, als das losging, war Deutschland gar nicht so weit hinten. Wir hatten wirklich gute Ansätze, gute Ideen, BMW war weit voraus, die Chinesen boten uns Kooperationen an. Dann hat uns die Courage verlassen und wir haben auf das sichere Pferd gesetzt: Das war der Verbrenner, das waren sichere Gewinne.

Hier zeigt sich, dass die deutsche Autoindustrie, die herstellende Autoindustrie, zu mutlos war. Sie hat ihren Vorsprung nicht verteidigen können.

Jetzt laufen wir hinterher und das gerade zu dieser Zeit, wo ungefähr die Hälfte der Leute, die jetzt noch einen Verbrennermotor haben, intensiv darüber nachdenken, sich ein Elektroauto zu kaufen. Und da sind die deutschen Regale praktisch leer.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher

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ZDFheute: Wie könnte man die Elektromobilität in Deutschland voranbringen?

Knie: Die Elektromobilität müsste natürlich auch weiterhin systematisch gefördert werden. Das haben wir ja zwischendurch völlig abgebrochen.

Wir müssten natürlich auch darüber nachdenken, ob Innenstädte, die jetzt schon sehr stark belastet sind, zukünftig nur noch mit elektrischen Fahrzeugen befahren werden dürfen.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher

Und wir müssten natürlich auch insgesamt mal die Debatte, die Rhetorik, ändern. Das heißt auch, das Aus vom Verbrenner-Aus, also die falscheste industriepolitische Entscheidung, die eine deutsche Regierung wahrscheinlich jemals getroffen hat, muss weg. Wir müssen auf den Fortschritt setzen.

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ZDFheute: Könnte der deutsche Finanzminister darauf einwirken, dass wir in Deutschland mehr Elektrofahrzeuge fahren?

Knie: Ja.

Der deutsche Finanzminister ist maßgeblich dafür zuständig, dass das Verbrennerauto noch seine Privilegien hat.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher

Es kriegt sehr viel Dieselsubventionsgeld, immer noch. Jetzt kommen die 17 Cent noch dazu, die könnte er einfach sparen. Das heißt, er hätte da mehr Geld. Er gibt immer noch das Privileg für die private Nutzung eines Dienstwagens, auch für Verbrennerfahrzeuge, das könnte er auch sparen.

Und er könnte natürlich bei der Entfernungspauschale sparen, denn die bringt natürlich nur den mittleren und höheren Einkommen einen Vorteil. Wenn er das abschaffen würde, also Privilegien abschaffen, wir sprechen nicht über Verbote, dann hätte er 14 Milliarden Euro in der Kasse. Damit könnte man dann schon was machen.

ZDFheute: Inwieweit würde es denn dem Klima nutzen, wenn wir auf Elektrofahrzeuge setzen?

Knie: Beim Vergleich von Verbrennerfahrzeugen und Elektrofahrzeugen gibt es schon seit 30 Jahren immer wieder dieselbe Debatte. Was ist denn jetzt wirklich umweltfreundlicher?

Man muss klar sagen, jedes Auto ist nicht umweltfreundlich, denn jedes Auto verbraucht mehr Ressourcen, als es schafft.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher

Alle Experten sind sich da einig, dass wenn schon ein Auto, dann das batterieelektrische Auto. Das hat einen deutlich kleineren Fußabdruck als das Verbrennerfahrzeug. Es schafft vor allen Dingen auch viel mehr Optionen.

Wir sehen das gerade in der Krise, dass wir auch von heimischen Treibstoffen, das ist die Sonne, das ist der Wind, das ist die Biomasse, das ist die Wasserkraft, davon könnten wir dann auch fahren. Das würde natürlich unsere Abhängigkeiten, egal ob von den USA, Russland oder den arabischen Ländern, deutlich reduzieren.

Es ist also ein Gebot der Vernunft, endlich auf die regenerativen Energien zu setzen, damit wir weiter beweglich und modern bleiben können.

Andreas Knie, Mobilitätsforscher

Das Interview führte Andreas Huppert, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.

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Quelle: dpa

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Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress am 19.04.2026 um 15:00 Uhr.

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