Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview:Die Aussagen der AfD-Chefin unter der Lupe
von Elias Altmann, Fabian Köhler, Nils Metzger
Im ZDF-Sommerinterview sprach AfD-Parteichefin Alice Weidel über den Klimawandel, die Autoindustrie, Migration und einen deutschen Euro-Ausstieg. Ihre Aussagen im Faktencheck.
Im ZDF-Sommerinterview verteidigt AfD-Vorsitzende Alice Weidel die Positionen ihrer Partei zu Verbrenner-Motoren und einem Euro-Austritt. Scharfe Töne und Kritik gingen in Richtung CDU.
23.08.2026 | 20:05 minWelche Antworten hat die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel auf Deutschlands drängende Probleme? Im ZDF-Sommerinterview mit dem stellvertretenden Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Wulf Schmiese, ging es um die Migrationspolitik, die chinesische Herausforderung für deutsche Autobauer, den Umgang mit dem Klimawandel und die europäische Währungspolitik.
Waren Weidels Aussagen dabei immer inhaltlich korrekt? Der Faktencheck.
Migrationspolitik: Irreführende Zahl zu Einbürgerungen
In der Migrationspolitik sprach sich Alice Weidel für Grenzschließungen und einen Ausstieg aus dem Schengen-System aus - "damit solche Leute wie aus Ceuta gar nicht mehr zu uns kommen", sagte Weidel. Dabei ließ sie außer Acht, dass Ceuta zwar zu Spanien, aber wegen seiner Lage auf dem afrikanischen Kontinent nicht zum regulären Schengen-Raum gehört.
Sonderregeln für Ceuta verhindern heute schon, dass Migranten von dort über das Meer nach Europa gelangen. Bis auf wenige Ausnahmen für unbegleitete Minderjährige dürften nach dem jüngsten Ansturm auf Ceuta keine Menschen aufs spanische Festland gelangen; für Deutschland sind gar keine Fälle bekannt.
Mehr als 70.000 Flüchtlinge hatten versucht, die spanische Exklave zu erreichen. Während viele bereits zurückgeschickt wurden, blieben viele Kinder und Jugendliche allein zurück.
07.08.2026 | 2:37 minVor allem kritisierte Weidel eine Einbürgerung von Menschen, die aus Syrien nach Deutschland gekommen sind. In diesem Zusammenhang sagte sie:
Wissen Sie eigentlich, wie viel Arbeitslose letztes Jahr eingebürgert wurden? Es sind 306.000.
Alice Weidel
Damit bezog sich Weidel womöglich auf eine "Nius"-Meldung von Mitte Juli, wonach 307.000 Arbeitslose eingebürgert worden seien. Das gehe laut "Nius" aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor, die ein AfD-Bundestagsabgeordneter erfragt habe.
Jedoch beschreibt diese Zahl nicht Menschen, die 2025 eingebürgert wurden, wie Weidel es darstellt, sondern erfasst alle Menschen, die im Dezember 2025 arbeitslos gemeldet waren und zu irgendeinem Zeitpunkt eingebürgert wurden. Die Einbürgerung kann also womöglich bereits Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen.
Die Zahl der Einbürgerungen ist 2025 auf rund 332.500 gestiegen. Am häufigsten ließen sich Syrer einbürgern, gefolgt von Menschen aus der Türkei und Russland.
03.06.2026 | 0:25 minInsgesamt gab es laut Statistischem Bundesamt im letzten Jahr 332.500 Einbürgerungen. Eine der Bedingungen für eine Einbürgerung ist, dass man den Lebensunterhalt für sich und unterhaltsberechtigte Angehörige finanzieren kann. Eine Arbeitslosigkeit und keine sonstigen Einkommen dürften eine Einbürgerung demzufolge also in den meisten Fällen erschweren oder gar verhindern.
Insgesamt ist die Erwerbslosenquote bei Menschen ohne deutschen Pass oder mit Migrationshintergrund laut dem Mikrozensus 2025 deutlich höher als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Laut Mediendienst Integration ist das nicht nur in Deutschland so, sondern auch in anderen OECD-Ländern.
In den "Berlin direkt - Sommerinterviews" kommen neben dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler die Vorsitzenden der im Bundestag in Fraktionsstärke vertretenen Parteien zu Wort. Die Aussagen der Befragten werden von einem ZDF-Team überprüft und Zusammenhänge nachrecherchiert. Zu jedem Sommerinterview veröffentlichen wir im Anschluss auch einen Faktencheck-Artikel, unabhängig davon, ob in dem Gespräch Falschaussagen oder unzutreffende Tatsachenbehauptungen geäußert wurden.
Hat es den Klimawandel schon immer gegeben?
Zu den drastischen Folgen des Klimawandels sagte Weidel, dass es Wärme- und Kälteperioden schon immer gegeben habe.
Wir sagen ganz klar: Klimawandel hat es immer schon gegeben.
Alice Weidel
Von Maßnahmen für den "angeblichen Klimaschutz" halte ihre Partei deshalb nichts. Nur in Deutschland würden Innenstädte "geschliffen" und autounfreundlich gestaltet.
Zutreffend ist, dass es in der Erdgeschichte diverse Wärme- und Kälteperioden gab. Wissenschaftler konnten rekonstruieren, dass die Klimaveränderungen der Vergangenheit auf geologische Prozesse, wie Vulkanausbrüche, zurückzuführen sind.
Im Gegensatz zu damaligen Veränderungen ist heute menschliche Aktivität, wie das Verbrennen von fossilen Energieträgern, Hauptursache für den Klimawandel. Untersuchungen des Weltklimarats (IPCC) ergaben, dass die Menschheit zweifelsfrei für die aktuelle globale Erwärmung verantwortlich ist.
Laut aktuellem Politbarometer bewertet eine deutliche Mehrheit der Befragten die Regierungsarbeit als schlecht. Ein Großteil glaubt auch, dass die Folgen des Klimawandels der Wirtschaft schaden.
20.08.2026 | 1:57 minAußerdem übersteigt die Geschwindigkeit der aktuellen Erwärmung alle bisherigen natürlichen Klimaveränderungen deutlich. Klimatische Veränderungen in der Vergangenheit hatten teils deutliche Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt zur Folge - der aktuelle Klimawandel bedroht schon jetzt die Lebensgrundlagen für viele Menschen weltweit.
Zahlreiche Staaten haben ihre Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen darum intensiviert, auch große CO2-Emittenten wie China beschließen Klimaschutzmaßnahmen. Das Fachportal "Carbon Brief" meldete im Februar 2026 "seit 21 Monaten stagnierende oder fallende" CO2-Emissionen für China.
Auch dass lediglich Deutschland restriktive Maßnahmen im Städtebau anwenden würde, um Klimawandel-Folgen zu begrenzen, ist nicht korrekt. Großstädte wie Paris verfolgen etwa seit mehreren Jahren eine auf Nachhaltigkeit ausgelegte Verkehrsstrategie, bei der Hunderte Straßen für Autos gesperrt oder Parkplätze abgeschafft werden. Auch die Stadt Wien, in der das ZDF-Sommerinterview aufgezeichnet wurde, hat umfangreiche Hitzeaktionspläne und Maßnahmen zur Klimaanpassung verabschiedet.
Die derzeitige Hitzewelle setzt besonders "versiegelten" Städten wie Mannheim sehr zu. Der deutsche Städtetag fordert daher mehr Mittel für Hitzeschutz und Klimaanpassung.
30.07.2026 | 2:28 minWer hat das "Verbrenner-Verbot" eingeführt?
Nach der Zukunft der deutschen Automobilindustrie gefragt, betonte Weidel, Industrie und Verbrauchern keine Verbote machen zu wollen. Die CDU kritisierte sie für die Einführung des sogenannten "Verbrenner-Verbots":
Die CDU hat genau das eingeführt, dass Verbrenner-Verbot. [Ursula] von der Leyen aus Brüssel, vorher mit Angela Merkel.
Alice Weidel
Das sogenannte "Verbrenner-Verbot" wurde von der EU zunächst im April 2023 beschlossen und sah in seiner damaligen Form vor, dass ab 2035 nur noch Fahrzeuge, die mit CO2-neutralen Kraftstoffen betrieben werden, fahren dürfen.
Zum Zeitpunkt des Beschlusses regierte in Deutschland die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Kanzler war damals Olaf Scholz (SPD). Innerhalb der Ampel-Koalition gab es heftigen Streit über die Ausgestaltung des "Verbrenner-Verbotes" - vor allem die FDP blockierte zunächst, forderte die Einbindung alternativer Kraftstoffe.
Die Bundesregierung plant, die bisherigen Regeln für Verbrennungsmotoren aufzuweichen. So könnten auch nach 2035 Autos mit kombiniertem Verbrenner- und Elektroantriebe weiter zugelassen werden.
02.06.2026 | 9:03 minAllerdings wurde das ursprünglich geplante Emissionsverbot im Dezember 2025 gekippt. Es gilt seitdem eine 90-Prozent-Regel: Die Neuwagenflotten der Hersteller müssen ab 2035 ihren CO2-Ausstoß im Vergleich zu 2021 nur um 90 Prozent statt um 100 Prozent senken. Hybridfahrzeuge und auch Verbrenner bleiben durch diesen 10-Prozent-Puffer auch 2035 erlaubt, sofern sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.
Diese Aufweichung des "Verbrenner-Verbots" ging auch auf Druck aus CDU und CSU zurück. Nach der Vorstellung des Automobilpaketes im Dezember 2025 erklärte Jens Gieseke, verkehrspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament: "Als CDU/CSU-Gruppe haben wir uns immer klar gegen dieses Verbot ausgesprochen. Nun bekommen wir endlich eine realistischere, technologieoffene Politik, die Klimaschutz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen berücksichtigt."
Auch für Bestandsfahrzeuge gelten diese Neuregelungen ab 2035 nicht - Autos mit herkömmlichem Verbrennungsmotor verlieren demnach nicht ihre Zulassung und können weiter betrieben werden.
Dass Weidel ein "Verbrenner-Verbot" der CDU anlastet, ohne den weiteren Verlauf des Gesetzespakets zu erwähnen, lässt zentralen Kontext weg.
Die EU-Kommission will auch nach 2035 neue Verbrennerfahrzeuge erlauben. Statt eines Komplettverbots soll der CO2-Ausstoß nun nur noch um 90 Prozent sinken.
16.12.2025 | 2:45 minWie beliebt sind Verbrenner-Autos bei den Kunden?
Zudem argumentierte Weidel, dass die meisten Verbraucher eher Verbrenner als E-Auto fahren wollten:
Die Menschen wollen einen guten Verbrenner-Motor fahren, sie fragen ihn nach.
Alice Weidel
Nach Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) überschritt die Zahl der in Deutschland zugelassenen Personenkraftwagen mit reinem Elektroantrieb bereits zum Jahresanfang 2026 erstmals die Marke von zwei Millionen Fahrzeugen. Für Elektrofahrzeuge ist das ein neuer Höchststand, wie die Behörde mitteilt.
Auch die gesellschaftliche Akzeptanz von Elektroautos wächst laut einer Umfrage der HuK-Coburg Versicherungsgruppe zunehmend. Von 4.000 Befragten mit Führerschein gaben 24 Prozent an, wegen der Entwicklung der Diesel- und Benzinpreise erstmals über die Anschaffung eines E-Autos nachzudenken.
Von den im Juli 2026 neu zugelassenen Pkw-Fahrzeugen waren laut KBA-Zahlen 29,3 Prozent E-Autos (78.609 Fahrzeuge). Das war ein Zuwachs von 61,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 39,3 Prozent waren Hybrid-Fahrzeuge; mit 18,9 Prozent ging der Anteil reiner Benziner wie auch der Diesel mit 11,8 Prozent deutlich zurück. Weidel hat also Recht, dass bislang die Mehrheit der Autokäufer in Deutschland ein Fahrzeug mit Verbrenner-Technologie wählt - der Trend zeigt aktuell aber klar in Richtung E-Auto.
Autobesitzer in Deutschland sind zuletzt sehr viel häufiger vom Verbrenner auf Elektroautos umgestiegen. Ein Grund dürfte die neue E-Auto-Kaufprämie sein.
29.05.2026 | 1:38 minWährungspolitik: Ist der Euro-Raum wirklich instabil?
Seit Jahren fordert die AfD in ihren Programmen einen deutschen Ausstieg aus dem Euro. Im Sommerinterview verwies Weidel auf die Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften im Euro-Raum - und kritisierte:
Was wir sehen, ist, dass der Euro eine instabile Währung geworden ist.
Alice Weidel
Das Bundesfinanzministerium schrieb 2024 in einem Sonderbericht zum 25. Jubiläum des Euro, dass er sich auch mit Blick auf seine Stabilität bewährt habe: "Die Inflation lag in Deutschland seit Einführung des Euro-Bargelds im Durchschnitt bei rund 1,9 Prozent jährlich. Die mit der Einführung des Euro von einigen befürchtete starke Verteuerung von Waren und Dienstleistungen blieb aus."
In den meisten Jahren lag die Inflation im Euro-Raum unter der Zielmarke von zwei Prozent. Ausreißer nach oben begründete das Ministerium mit der besonderen Lage während der Corona-Pandemie, etwa Lieferkettenproblemen. Auch der Wechselkurs zum Dollar schwankte seit 1999 nur moderat, trotz Herausforderungen wie der Euro-Schuldenkrise ab 2010.
Die EZB plant neue Banknoten und sucht passende Designs für die nächste Generation. Zur Auswahl stehen Motive aus zwei Themenfeldern: "Europäische Kultur" und "Vögel und Flüsse".
06.08.2026 | 2:09 minEin Euro-Ausstieg dürfte handfeste Wohlstandseinbußen für die exportorientierte deutsche Wirtschaft zur Folge haben: Durch eine dann stärkere D-Mark würden Preise für Käufer im Ausland deutlich steigen, wodurch Deutschland weniger wettbewerbsfähig wäre. Womöglich würden deshalb sogar Unternehmen ins Ausland abwandern.
Belastbare aktuelle Schätzungen, was ein Euro-Ausstieg volkswirtschaftlich für Deutschland bedeuten würde, sind rar. Das hinge stark von den genauen Konditionen des Ausstiegs ab. 2019 hatte die Denkfabrik Centre for European Policy Network berechnet, dass Deutschland zwischen 1999 und 2017 mit Abstand am meisten von der Gemeinschaftswährung profitiert habe.
Pro Einwohner seien 23.116 Euro zusätzlich an Bruttoinlandsprodukt erzielt worden. Italien und Frankreich hingegen hätten deutliche Einbußen von bis zu 73.605 Euro pro Einwohner verzeichnet. Die Autoren verweisen darauf, dass Italien etwa seine Währung nicht mehr gezielt abwerten könne, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Ein deutscher Ausstieg aus dem Euro wäre volkswirtschaftlich also eher mit Nachteilen verbunden.
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