Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Welche Bedeutung ihr Ausgang hat

Interview

Sozialwissenschaftler David Begrich:Wahl in Sachsen-Anhalt: "Bedeutung nicht zu unterschätzen"

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In Sachsen-Anhalt steht die Landtagswahl bevor. Welche Bedeutung sie hat, welche Rolle die AfD spielt und warum Menschen sie wählen, erklärt Sozialwissenschaftler David Begrich.

Wahlplakate Ulrich Siegmund (Alternative für Deutschland, AfD) und Ministerpräsident Sven Schulze (CDU)

Am 06. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Die Spitzenkandidaten der Parteien stellen sich in der MDR-Wahlarena den Fragen der Zuschauer.

13.08.2026 | 1:53 min

ZDFheute: Wie wichtig ist die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt?

David Begrich: Die unmittelbare Bedeutung mag überschaubar erscheinen, aber die mittel- und langfristige politische Bedeutung ist nicht zu unterschätzen.

Die Wahl in Sachsen-Anhalt und ihr Ausgang ist natürlich auch so ein bisschen ein Indikator für die Frage: Wie groß sind denn die Fliehkräfte im demokratischen System?

David Begrich, Sozialwissenschaftler

Wenn wir uns jetzt eine Situation vorstellen, in der die AfD in die Nähe der Macht käme, zeigt das glaube ich auch was für die Fliehkräfte. Jetzt mal jenseits der Frage, welcher Dominoeffekt einsetzen würde, beispielsweise bei der Bundesregierung, wenn ein Ergebnis rauskäme, mit dem die demokratischen Parteien große Schwierigkeiten hätten umzugehen.

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Steigende Kosten, weniger Förderung, große Unsicherheit: Bürger und Bürgerinnen schildern ihre Lage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

05.08.2026 | 2:40 min

ZDFheute: Wer sind die Wählenden der AfD?

Begrich: Es gibt eine dreigeteilte Wählerschaft der AfD. Die erste Gruppe wählt die AfD aus Gründen der inhaltlichen Übereinstimmung mit dem Programm und Politikangebot der Partei. Ein Großteil dieser Wählerschaft stimmt rechtsextremen Weltbildern zu. Dann gibt es eine zweite Wählergruppe. Das sind diejenigen, die sagen: Da hat die AfD doch aber einen Punkt.

Dann gibt es eine dritte Wählergruppe. Das sind die Menschen, für die Politik ein weit entferntes Hintergrundrauschen ihres Alltags ist. Deren Meinungsbildungsprozess beruht darauf, dass sie sich in ihrem persönlichen oder in ihrem Freizeit- oder Arbeitsumfeld mal umhören: Wie ist denn da so die Stimmung und die Meinung?

Die Wählerschaft der AfD ist kein monolithischer Block.

David Begrich, Sozialwissenschaftler

David Begrich schaut in die Kamera
Quelle: ZDF

... wurde 1972 geboren. Der Theologe und Sozialwissenschaftler ist Referent der Arbeitsstelle Rechtsextremismus bei Miteinander e.V. in Magdeburg. Seit Jahrzehnten analysiert er die Bereiche Rechtsextremismus und Ostdeutschland.


ZDFheute: Welche Rolle spielt die wirtschaftliche und soziale Lage der Wählenden?

Begrich: Wenn wir die Menschen fragen, wie geht es ihnen persönlich, dann sagt eine überwiegende Mehrheit: Mir geht es gut. Auch diejenigen, die bereit sind, die AfD zu wählen. Und dann ist der nächste Schritt zu fragen: Welche Auffassung haben sie von der gegenwärtigen Bundespolitik? Da gibt es so etwas wie einen völligen Meinungsabfall.

Wir haben eine Diskrepanz zwischen der persönlichen Lebenssituation und der allgemeinen, übergreifenden Einschätzung der politischen Situation in Deutschland. Aus dieser Diskrepanz bezieht die AfD sicher auch einen Teil ihrer politischen Energie.

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Wahlkampf

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ZDFheute: Das heißt, die AfD hat nicht mehr die Rolle einer Protestpartei?

Begrich: Die AfD ist deshalb keine Protestpartei mehr, weil die Entscheidung, die Partei zu wählen, für einen Großteil eine bewusste Entscheidung ist, entweder aus Gründen der Zustimmung oder aus Gründen der politischen Inkaufnahme.

ZDFheute: Worin sehen Sie Gründe für den hohen Anteil an Wechselwählern und die größere Distanz zu Parteien in den ostdeutschen Bundesländern?

Begrich: Es gibt in Ostdeutschland eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Parteien und der Parteiendemokratie. Wenn Sie in sozialwissenschaftlichen Umfragen nach der Zustimmungsbereitschaft zur Demokratie fragen, ist die hoch. Dann stellen Sie eine zweite Frage nach der Zustimmungsbereitschaft zur Parteiendemokratie, und da fällt die in Ostdeutschland ab.

Sven Schulze

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Das hat eine zeitgeschichtliche Ursache darin, dass natürlich vor dem Hintergrund der DDR-Geschichte und der Dominanz der SED als einer parteiförmigen Art der Organisation von politischer Diktatur viele Menschen das Bedürfnis hatten, zu parteiförmigen Organisationsformen von Politik Distanz zu halten. Und diese Distanz besteht eigentlich bis heute fort.

Viele Menschen haben den Eindruck, die Sphäre des Politischen ist etwas, was oberhalb von mir stattfindet. Darauf habe ich gar keinen Einfluss.

David Begrich

Sven Schulze (CDU, r), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und der Schauspieler Dieter Hallervorden unterhalten sich auf einer Veranstaltung in Dessau.

CDU-Ministerpräsident Schulze holt sich im Wahlkampf Unterstützung von Schauspieler Dieter Hallervorden.

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ZDFheute: Wie spiegelt sich das in den Wahlentscheidungen?

Begrich: In großen Teilen der ostdeutschen Bevölkerung nehmen Parteien seit langer Zeit die Funktion von Wünsche-Erfüllern ein. Man wählt eine politische Partei und sagt: Die sollen mal machen und einlösen, was sie versprochen haben. Dann stellt sich raus, dass das mit dem Einlösen von Wahlversprechen schwierig ist. Dann wendet man sich sehr enttäuscht von dieser Partei ab und probiert die nächste aus.

Menschen sagen zu mir: Die AfD war jetzt zehn Jahre in der Opposition, dann sollen sie doch mal zeigen, was sie können. Und wenn das nicht klappt, dann wählen wir sie wieder ab.

David Begrich

Die AfD ist ihrem Charakter in Ostdeutschland nach zumindest eine rechtsextremistische Partei. Hier geht es um eine grundsätzliche Axialverschiebung der politischen Kultur.

Das Interview führte Hagen Mikulas aus dem ZDF-Landesstudio in Sachsen-Anhalt.

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Über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt berichteten verschiedene Sendungen, darunter die heute-Nachrichten am 13.08.2026 ab 19 Uhr und das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 05.08.2026 ab 5:30 Uhr.

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