Queeres Leben in Sachsen-Anhalt:Nach AfD-Sieg: "Wir müssen jetzt alle zusammenhalten!"
von Lana Ulman
Die queere Community in Magdeburg will sich von einer möglichen AfD-Landesregierung nicht vertreiben lassen. Welche Sorgen sie haben - und warum sie trotzdem kämpferisch bleiben.
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist eine Regierungsbildung schwierig. Viele Menschen haben nach dem Wahlausgang positive Erwartungen - andere blicken mit Unsicherheit in die Zukunft.
09.09.2026 | 1:52 minDas Schaufenster des Regenbogen-Cafés in der Magdeburger Altstadt zierte früher ein riesiger Regenbogen. Ende Juli wurde von Unbekannten bildlich darauf eingeschlagen, bis das Glas Risse bekam.
Als Zeichen der Solidarität mit dem Verband LSVD+ - Queere Vielfalt Sachsen-Anhalt beklebten viele Bürger*innen die kaputte Scheibe mit Sprüchen. Zwischen Anti-AfD-Sprüchen und Anti-Nazi-Slogans, liest man "Liebe für Alle", "Loud and Proud" und die Mahnung: "Fenster gehen kaputt. Demokratie auch. …Wenn man nicht hinschaut."
Über den schwierigen Weg zur Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt, den Wandel der Parteiendemokratie sowie die immer noch bestehenden Unterschiede und Probleme zwischen Deutschland Ost und West.
10.09.2026 | 46:28 minAfD-Wahlprogramm: Keine Förderung für queere Community
Sollte der AfD eine Regierungskoalition in Sachsen-Anhalt gelingen, wird die Lage "für Transmenschen am prekärsten werden", sagt Vera Baryshnikov von der lsbti* Landeskoordinierungsstelle Sachsen-Anhalt Nord. Ihre Stelle ist im LSVD+ angesiedelt. "Viele Transmenschen fürchten vor allem um die medizinische Versorgung, die ihnen verwehrt bleiben könnte, wie zum Beispiel Hormontherapien oder geschlechtsangleichende Operationen", so die Referentin.
Die AfD hat in ihrem Wahlprogramm bereits angekündigt, Förderungen für sogenannte Regenbogenprojekte zu streichen. Der LSVD+ - Verband für queere Vielfalt erhielt bislang 60 Prozent seines Etats von der Landeskoordinierungsstelle Sachsen-Anhalt. Damit konnten sie sich bislang Gemeinschaftsräume wie das Regenbogencafé anmieten.
Justin Dziobek ist im Vorstand des LSVD+.
Quelle: ZDFJustin Dziobek (SPD), Vorstandsmitglied beim LSVD+ hofft deshalb, "dass sich die Altparteien, also CDU, SPD, Grüne und die Linke zusammenraufen, sich sagen, 'Okay, wir müssen demokratisch zusammenarbeiten`."
CSD-Veranstalter: Erschüttert über Sympathie für Rechtsextremismus
Auch beim Veranstalter von Christopher Street Days (CSD) in Sachsen-Anhalt herrscht Frustration nach dem Wahlergebnis. Die Community ist "erschüttert" über den Wahlsieg der AfD. "Viele sagen, sie könnten nicht mehr hier bleiben", fasst Falko Jentsch vom CSD Magdeburg die Einschätzung zusammen.
Wenn immer mehr wegziehen, "gefährdet uns das als Gruppe insgesamt, weil einfach weniger Menschen miteinander agieren können und was auf die Beine stellen können," sagt der 38-jährige weiter.
Der AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt löst im Ausland unterschiedliche Reaktionen aus. Es gibt zum einen Glückwünsche, aber auch Sorgen und Warnungen.
07.09.2026 | 1:51 minAuf die Frage, ob er von den Sachsen-Anhaltern jetzt "menschlich enttäuscht" sei, antwortet er:
Wir wussten, dass sicherlich viele mit den Rechtsextremen sympathisieren, aber dass es in diesen Höhen ist: Das ist einfach Wahnsinn.
Falko Jentsch, Vorstand CSD Magdeburg
Falko Jentsch ist im Vorstand des CSD Magdeburg.
Quelle: ZDFCSD-Veranstalter: Hass wird zunehmen
Die Konsequenzen für die queere Community in Sachsen-Anhalt, in der die politisch motivierten - vor allem von Rechtsextremen ausgehenden - Gewalttaten jährlich zunehmen, liegen auf der Hand, meint CSD-Vorstandsmitglied Julian Miethig: "Ich gehe davon aus, dass dieser Hass jetzt deutlich auf die Straße kommt: Mit der Begründung ´die Mehrheit will euch nicht und jetzt können wir euch das Leben noch schwerer machen.´"
Das könnte besonders CSD-Veranstaltungen in ländlichen Regionen betreffen, in denen die Teilnehmenden in den vergangenen Jahren wiederholt beschimpft, beleidigt und körperlich angegriffen wurden. Oliver Klonek, der als Sänger Oliver Weist mit den CSDs durchs Land tourt, sieht zwar seine Existenzgrundlage bedroht, will aber nicht aufgeben:
Wir müssen schauen, was die Zukunft bringt. Und wir dürfen halt jetzt einfach nicht aufhören, müssen aktivistischer werden und weiterkämpfen.
Oliver Klonek
LSVD+ will neues Sicherheitskonzept für Mitglieder
Nach der eingeschlagenen Scheibe beim LSVD+ muss ein neues Sicherheitskonzept zum Schutz der Mitglieder her, sagt Justin Dziobek. Außerdem müssten sie sich massiv darum bemühen, mit anderen Organisationen und queeren Vereinen zu kooperieren. "Wir müssen jetzt alle zusammenhalten und an einem Strang ziehen", appelliert Justin.
Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt klar gewonnen. Das liege auch an einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Demokratie und der Politik, sagt Marcel Lewandowsky bei ZDFheute live.
07.09.2026 | 15:16 minÜbrigens wurde das zerbrochene Schaufenster mit den Aufklebern bis jetzt vor dem Einsturz bewahrt. "Das ist ein bisschen wie ein Symbol für unseren Zusammenhalt in Magdeburg geworden", sagt Vera Baryshnikov.
Lana Ulman berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Sachsen-Anhalt.
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