Experte zur Wahl in Sachsen-Anhalt:Was der AfD-Erfolg für die nächsten Wahlen bedeutet
Wie geht es weiter in Sachsen-Anhalt? Politologe Marcel Lewandowsky beantwortet bei ZDFheute live die drängendsten Fragen nach dem haushohen Sieg der AfD bei der Landtagswahl.
Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt klar gewonnen. Das liege auch an einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Demokratie und der Politik, sagt Marcel Lewandowsky bei ZDFheute live.
07.09.2026 | 15:16 minDie Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist vorbei. Während die einen sich noch im Siegestaumel befinden, lecken die anderen ihre Wunden. Doch wie geht es jetzt weiter? Die AfD hat die absolute Mehrheit verpasst. Das BSW hat die Fünf-Prozent-Hürde genommen; eine Regierung mit CDU, SPD, Linke und Grünen erscheint aber unwahrscheinlich.
Mögliche Szenarien, ob CDU-Mann Sven Schulze der falsche Kandidat war, und welche Signalwirkung dieses Ergebnis für die nächsten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben könnte, erklärt Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Universität Halle-Wittenberg bei ZDFheute live.
Sehen Sie das ganze Interview oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen:
Das sagt Marcel Lewandowsky ...
... zu Ulrich Siegmunds Aussage, er schließe Neuwahlen aus
Neuwahlen könne es geben, wenn die Wahl zum Ministerpräsidenten nach dem zweiten Wahlgang gescheitert sei, meint Lewandowsky. Dann könne sich der Landtag auflösen.
AfD-Spitzenkandidat Siegmund sagte am Wahlabend gesagt, er gehe im Fall von Neuwahlen in Sachsen-Anhalt von mehr als 50 Prozent der Stimmen aus. Ob die AfD dann 50 Prozent plus X bekäme, sei aber nicht unbedingt gesagt, schätzt Experte Lewandwosky die Aussage ein.
Es ist aber auch wichtig jetzt für ihn, das so in den Raum zu stellen, um den Druck auf die anderen zu erhöhen, damit es zu diesen Neuwahlen eben nicht kommt.
Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler
Es ist schlimmer gekommen, als die Union es wohl befürchtet hatte, sagt ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Andrea Maurer. Viele gäben Kanzler Merz die Schuld am AfD-Erfolg.
07.09.2026 | 6:31 min... zur Frage, ob Sven Schulze der falsche CDU-Spitzenkandidat war
"Das ist eine gemeine Frage, aber sie ist berechtigt und steht im Raum", sagt Politologe Lewandowsky. "Sven Schulze ist auf jeden Fall mit einem Hinkefuß angetreten." Er sei sehr spät Ministerpräsident geworden, erst Anfang des Jahres. Er habe diesen Amtsbonus, dieses Landesvater-Image, nicht gehabt. Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er nicht versucht hätte, das aufzubauen. Er sei in allen Medien präsent gewesen und habe es zuletzt auch geschafft, sich in TV-Duellen stark gegen AfD-Kandidat Ulrich Sigmund zu positionieren. Aber es habe nicht gereicht, so Lewandowsky.
Der Spitzenkandidat spielte bei dieser Wahl eine viel geringere Rolle. Das sieht man auch daran, dass in Umfragen bei der Direktwahl des Ministerpräsidenten Sven Schulze vor Ulrich Sigmund lag. Aber seiner Partei hat das bei der Wahl nicht genützt.
Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler
ZDF-Reporterin Luisa Houben geht davon aus, dass das BSW seine Machtposition für sich nutzen wird, um mit der AfD, aber auch mit der CDU zu sprechen.
07.09.2026 | 6:48 min... zur Wahrscheinlichkeit, dass CDU-Politiker zur AfD überlaufen
Dies sei ganz schwer in Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, meint der Experte. Es habe schon vorher Konflikte innerhalb der Union in Sachsen-Anhalt gegeben.
Es ist gerade sehr viel Dynamik in der Union. Und die wird, ich denke, dadurch befeuert, dass Sven Schulze eben auch ungefähr 20 Prozentpunkte verloren hat.
Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler
Das könne man ihm als Person gar nicht unbedingt anlasten, sagt Lewandowsky. Aber das bedeute, er habe momentan in der Partei wahrscheinlich kein besonders gutes Standing, um diese Konflikte einzuebnen.
... zur Wirkung des Wahlsiegs einer gesichert rechtsextremistischen Partei in einem deutschen Bundesland
Die anderen Parteien hätten seit vielen, vielen Jahren keine effektive Strategie im Umgang mit der AfD gefunden, meint der Experte. Alle Strategien, die sie ausprobiert hätten, hätten nicht zu einer Schwächung der Partei geführt. Der Reflex, jetzt auf die Themen der AfD zu setzen, also mehr in Richtung Migrationspolitik zu gehen, würden nicht funktionieren.
Die AfD erreicht in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent, verpasst aber die absolute Mehrheit. Die CDU stürzt auf 17,2 Prozent ab. Die Bildung einer neuen Regierung dürfte schwierig werden.
07.09.2026 | 0:37 minVergleichende Studien aus anderen europäischen Ländern hätten gezeigt, dass das nicht der Weg sei, erläutert Lewandowsky. "Aber ich sehe momentan auch nicht, dass diese Strategie-Debatten in der Tiefe an den Spitzen der politischen Parteien geführt werden. Eher scheint es mir so, als würde man sich bis 2029 retten wollen. Aber das, so sieht es zumindest aus, wird das Momentum, das die AfD gerade hat, nicht stoppen."
... zur Signalwirkung für die nächsten Landtagswahlen und den Bund
Die anderen Landtagswahlen fänden unter unterschiedlichen Bedingungen statt, sagt Lewandowsky. "Wir haben in Berlin viel stärkere Parteien links der Mitte, insbesondere die Linke selbst." Hier werde die AfD stark, aber sicherlich nicht so stark wie etwa in Sachsen-Anhalt sein. "Und dann haben wir in Mecklenburg-Vorpommern eine sehr populäre Ministerpräsidentin von der SPD, Manuela Schwesig." Die SPD sei zumindest in den letzten Umfragen wieder nah an die AfD herangerückt, sagt der Politologe.
Insofern würde ich sagen, die AfD hat schon Momentum, aber wir werden das Ergebnis jetzt nicht eins zu eins auch in anderen Bundesländern sehen.
Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler
Sachsen-Anhalt hat gewählt – doch trotz des Wahlsieges der AfD steht noch nicht fest, wer das Land regieren wird. Denn nun beginnt das Ringen um Mehrheiten und eine neue Regierung.
07.09.2026 | 1:58 minAuf der Bundesebene stünden die Parteien "unter wahnsinnigem Druck", vor allem die Regierungsparteien und Friedrich Merz. Der Kanzler und die Regierung seien ohnehin sehr unbeliebt, so der Politikwissenschaftler.
Es kann hier aus meiner Sicht nicht zu vorgezogenen Neuwahlen kommen, etwa dadurch, dass Friedrich Merz die Vertrauensfrage stellt und verliert, weil das womöglich bedeuten würde, dass die AfD noch stärker daraus hervorgehen würde.
Marcel Lewandowsky, Politikwissenschaftler
"Dann müsste die CDU entweder mit der SPD und den Grünen eine Bundesregierung bilden - das wollen die Konservativen in der CDU nicht - oder aber die CDU müsste eine Minderheitsregierung mit der AfD bilden, mit der AfD als stärkerer Partei. Das will die CDU auch nicht."
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