Ex-Bildungssenator zu Pisa: "Einfach mal das Lesen besser üben"

Interview

Er brachte Hamburg an die Spitze:Ex-Bildungssenator: "Einfach mal das Lesen besser üben"

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Nach dem Pisa-Schock fordern viele eine radikale Kehrtwende in der Bildungspolitik. Dabei braucht es gar nicht viel, sagt der ehemalige Bildungssenator Hamburgs, Ties Rabe.

Tafel mit dem schriftzug PISA, Hand mit Kreide, Flagge Deutschland mit Doktorhut

Die deutschen Schülerinnen und Schüler erreichen bei der internationalen Bildungsstudie Pisa 2025 nur Durchschnittswerte. Wie fallen die Ergebnisse konkret aus? Ein Überblick.

08.09.2026 | 0:34 min

In Berlin wurde heute die neue Pisa-Studie vorgestellt - mit schockierenden Ergebnissen. Noch nie haben die deutschen Schüler so schlecht abgeschnitten. Einer, der weiß, wie es besser geht, ist der ehemalige Bildungssenator von Hamburg, Ties Rabe (SPD). Auch dank ihm stieg die Hansestadt von einem der Schlusslichter bis auf Platz drei im innerdeutschen Bildungsmonitor auf - und gilt heute als besonders fortschrittlich.

Ties Rabe - 2023
Quelle: dpa

... war von 2011 bis 2024 Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung. Im August erschien sein Buch: "Endlich mal anfangen. Was Kinder und Schule wirklich brauchen, um Bildung zu sichern".


ZDFheute: Heute wurde die neue Pisa-Studie vorgestellt. Die Ergebnisse sind so schlecht wie nie. Haben Sie das erwartet?

Ties Rabe: Es zeichnete sich schon beim letzten Mal ab. Deutschland ist verglichen mit der Zeit vor 15 Jahren jetzt so weit zurück, dass Kinder von Klassenstufe neun eigentlich auf dem Niveau von Klassenstufe sieben sind. Aber ganz Europa ist abgesackt. Wir sind immer noch im Durchschnitt.

Schülerinnen und Schüler schreiben mit bunter Kreide "PISA" an eine Tafel

25 Jahre nach dem ersten PISA-Schock geht es für Deutschlands Schüler weiter bergab. Bildungsökonom Prof. Ludger Wößmann vom Ifo-Institut ordnet die neuen PISA-Ergebnisse im Interview ein.

08.09.2026 | 27:22 min

ZDFheute: Oft hört man, die Zuwanderung sei schuld, dass unser Bildungsniveau immer schlechter wird. Welche Rolle spielt das Ihrer Einschätzung nach?

Rabe: Die Bildungsstudien nennen drei Hauptursachen für den Leistungsrückgang. Das ist zum einen die lange Schulschließungszeit während der Corona-Krise. Die jetzt getesteten Schülerinnen und Schüler waren in der ohnehin schwierigen Übergangsphase von der Grundschule auf die weiterführende Schule neun Monate lang nicht in der Schule.

Das hat erhebliche Lernrückstände verursacht.

Zweitens wird in allen Familien, egal ob Zuwanderungshintergrund oder nicht, deutlich weniger gelesen. Auch das trägt zum Leistungsrückgang bei. Drittens und letztens führt die wachsende Nutzung digitaler Medien in der Freizeit zu erheblichen Lern- und Konzentrationsproblemen.

Die Migration spielt zwar auch eine Rolle, in Deutschland ist der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund deutlich höher als im EU-Durchschnitt, aber die anderen Ursachen haben erheblich größere Bedeutung.

Schüler meldet sich im Unterricht

Bisher schnitt Deutschland bei den Pisa-Studien eher schlecht ab. Bildungsförderungsprogramme sollen Abhilfe schaffen und Schülern mehr Chancengleichheit ermöglichen.

07.09.2026 | 2:19 min

ZDFheute: Sie haben es geschafft, in Ihrer Amtszeit Hamburg von einem Schlusslicht zu einem der Spitzenreiter in den Bildungs-Rankings zu machen. Wie haben Sie das geschafft?

Rabe: Wir haben die Zahl der Schulstunden in Deutsch- und Mathematik erhöht und dafür gesorgt, dass in diesen Schulstunden die wichtigen Schlüsselkompetenzen wie Lesen und Rechnen mehr gelernt und geübt werden.

In der Schule muss deutlich mehr geübt werden, zu Hause passiert viel zu wenig.

Wir haben weiterhin dafür gesorgt, dass Kinder mit Lernrückständen erhebliche zusätzliche Förderung bekommen. Das beginnt schon im letzten Jahr vor der Einschulung und geht bis Klasse 10: Alle Kinder, die in Deutsch, Mathe oder Englisch Probleme haben, bekommen kostenlosen Nachhilfeunterricht an allen Schulen.

Und vor allem haben wir den Unterricht verbessert. Zum Beispiel haben wir sogenannte kollegiale Hospitationen ermöglicht, das heißt Lehrkräfte besuchen sich gegenseitig im Unterricht. Wir haben Schulinspektionen eingeführt, die die Schulqualität überprüfen.

Und wir führen jedes Jahr eine Art Pisa-Test für alle Schülerinnen und Schüler durch und zeigen damit den Lehrkräften genau, wo die eigene Klasse steht und vor allem, welche Schule gut funktioniert und wo es noch etwas zu tun gibt.

ZDFheute: Haben Sie nicht die Sorge, dass mehr Unterricht und mehr Tests die Schüler noch zusätzlich belastet?

Rabe: Im Gegenteil. Alle Studien haben nachgewiesen, dass Kinder sich in der Schule wohlfühlen und gern zur Schule gehen, wenn sie gut lernen. Schulzeit wird vor allem dann als belastend empfunden, wenn Kinder in der Schule schlecht mithalten können, wenn sie abgehängt werden und große Lernrückstände haben.

Eine junge lehrerin schreibt an eine schultafel im mathematikunterricht.

Die Personalplanung an Schulen wird immer schwieriger. Noch nie haben so viele Lehrkräfte in Teilzeit gearbeitet. Im Schuljahr 24/25 waren es 43,9 Prozent.

08.07.2026 | 1:32 min

ZDFheute: Mehr Unterricht, mehr Tests: Kosten Ihre Ideen nicht noch zusätzlich viel Geld, das in der Bildung aktuell schon fehlt?

Rabe: Die von mir vorgeschlagenen Reformen sind relativ preiswert. Mehr Unterrichtsstunden kosten in der Tat etwas Geld, das will ich nicht bestreiten. Aber im Unterricht mehr zu üben, mehr Zeit fürs Lesen und Rechnen aufzuwenden oder Pisa-Tests für alle Schülerinnen und Schüler jedes Jahr durchzuführen, das ist im Verhältnis zu den gewaltigen Kosten des Schulsystems wirklich sehr preiswert.

Das bundesdeutsche Schulsystem kostet im Jahr rund 100 Milliarden Euro im Jahr, mit ein bis zwei Prozent mehr kann man gewaltig viel bewegen.

ZDFheute: Es gibt die Forderung, Bildung zentral zu regeln und nicht mehr den Ländern zu überlassen. Wie stehen Sie dazu?

Rabe: Das halte ich für Blödsinn. Das zentralistische Schulsystem Europas ist das in Frankreich, und die liegen in allen Studien hinter Deutschland. Zudem würde ein kompletter Umbau der Zuständigkeiten sicher 20 Jahre dauern und in dieser Zeit alle anderen Reformen blockieren.

In diesen 20 Jahren werden jedes Jahr eine Dreiviertelmillion Schüler die Schulen verlassen, ohne dass ihnen konkret geholfen wird. Ein so gewaltiger Umbau dauert viel zu lange. Viel einfacher und erfolgreicher wäre es doch, jetzt einfach mal das Lesen besser zu üben.

Das Interview führte Johannes Lieber, Redakteur im ZDF-Hauptstadtstudio.

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Über dieses Thema berichtete unter anderem ZDFheute in dem Beitrag "Pisa-Studie 2025: Wie Schüler in Deutschland abschneiden" am 08.09.2025 um 09:30 Uhr.

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