Palmer vs. Frohnmaier in Tübingen: So lief das Streitgespräch

Veranstaltung in Tübingen:Palmer vs. Frohnmaier: So lief das Streitgespräch

von Anna-Maria Schuck, Tübingen

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Wochenlang wurde über das Streitgespräch gestritten: Tübingens Oberbürgermeister Palmer hatte sich auf einen Kuhhandel mit der AfD eingelassen. Was war passiert? Und wie war's?

Der AfD-Landesvorsitzende Markus Frohnmaier (l) und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) während der Diskussionsrunde in der Hermann-Hepper-Halle in Tübingen.

Der AfD-Landesvorsitzende Markus Frohnmaier (l) und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) während der Diskussionsrunde in Tübingen.

Quelle: dpa

Dieser Streit bewegte eine ganze Stadt: Die AfD wollte ursprünglich für Mitte Juli eine Kundgebung in Tübingen anmelden. Nun ist Tübingen nicht gerade eine AfD-Hochburg in Baden-Württemberg, erzielte bei der letzten Landtagswahl gerade mal 6,5 Prozent, während die Grünen 39 Prozent holten. Die Stadt rechnete also nicht etwa mit einem Ansturm von AfD-Anhängern, sondern mit einer riesigen Gruppe von Gegendemonstranten. Und das an einem verkaufsstarken Samstag - geschäftsschädigend für den Einzelhandel.

Das Angebot der AfD: Absage der Kundgebung, wenn Boris Palmer (parteilos) im Gegenzug an einem öffentlichen Rededuell mit einem AfD-Vertreter teilnimmt. Und so ließ sich der streitbare Oberbürgermeister auf ein Streitgespräch ein.

Politikwissenschafter Benjamin Höhne ordnet ein.

Die AfD lasse sich nicht einfach "wegregieren", meint Politikwissenschaftler Höhne bei ZDFheute live. Ihre Versprechen habe die Bundesregierung bisher nur bedingt eingelöst.

05.09.2025 | 16:33 min

Tübingen: Parteiloser Oberbürgermeister gegen AfD-Spitzenkandidat

Am Freitagabend - nach Ladenschluss - war es dann soweit: In einer Turnhalle im Zentrum Tübingens traf Palmer auf den AfD-Landeschef und -Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im kommenden Jahr, Markus Frohnmaier, parteiintern auch "Frontmaier" genannt - wegen seiner scharfen Rhetorik.

Sie sitzen vor einer abgehängten Wand mit weitem Abstand auf einer großen Bühne. Im Hintergrund erahnt man noch die Sportmatten, an der Decke hängt der hochgeklappte Basketballkorb.



"Es handelt sich hier um eine Informationsveranstaltung der Stadt Tübingen für ihre Bürger", begrüßt der Moderator, der emeritierte Rhetorik-Professor Joachim Knape, das Publikum.

Was klingt wie die Ankündigung einer Veranstaltung der örtlichen Volkshochschule, ist in Wahrheit ein seit Wochen heiß diskutiertes Rededuell. Denn in seinem Zentrum steht die Gretchen-Frage: Wie hältst du's mit der AfD? Ignorieren, gar verbieten - oder in die inhaltliche Auseinandersetzung gehen?

Tino Chrupalla und Alice Weidel vor einer Grafik der aktuellen Umfragewerte.

Die AfD hat im ZDF-Politbarometer ihren bisher höchsten Wert erreicht – und die nächsten Wahlen stehen bevor. Was das aktuelle Stimmungsbild aussagt, analysiert ZDFheute live.

05.09.2025 | 30:51 min

Streitgespräch: Hunderte Demonstranten in Tübingen

Tübingens OB hat sich heute Abend für letzteres entschieden - und wird dafür von Hunderten Demonstranten vor der Halle und einigen Dutzenden in der Halle ausgebuht. Palmer hatte in einem offenen Brief seine Entscheidung begründet, man müsse "die laut Umfragen stärkste Partei im Land inhaltlich stellen und entlarven".

Auch wollte er die Demos gar selbst mit einer Rede unterstützen, "denn unser gemeinsames Ziel ist klar - wir wollen Rechtsextreme und Verfassungsfeinde aus Tübingen fernhalten". Die Demo-Veranstalter lehnten seine Teilnahme ab.

Am 5. September 2025 kommt es in Tübingen vor der Hermann-Hepper-Halle bei einer Diskussionsrunde mit OB Palmer und AfD-Chef Frohnmaier zu Protesten und Polizeieinsatz.

Proteste rund um das Streitgespräch in Tübingen

Quelle: dpa

Für die Teilnahme in der Halle wurden 900 Plätze vergeben, darunter auch ein 100 Plätze umfassendes Kontingent für die AfD. Entgegen der Erwartung blieben so einige Stühle leer. Während draußen zwar lautstark, aber weitestgehend friedlich demonstriert wurde, sorgten drinnen einige Teilnehmende für Chaos. Als Markus Frohnmaier den Saal betritt, lässt er sich von seinen Anhängern frenetisch begrüßen. Die Reaktion aus dem Publikum folgt prompt: "Nazis raus! Nazis raus!" Die Stimmung ist aufgeheizt. "Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda."

Boris Palmer sitz im hellgrauen Anzug gestikulierend bei Markus Lanz im Studio.

Boris Palmer bei Markus Lanz im Juli 2025 zum Thema "Klimaschutz ohne Wohlstandsverlust"

11.07.2025 | 1:28 min

Palmer gegen Frohnmaier - Chaos zum Gesprächsbeginn

Minutenlang kommt in diesem Rededuell niemand zu Wort - und auch das mäßigende Glöckchen des Moderators wirkt eher hilflos als hilfreich. Erst nachdem einige Demonstrierende von der Polizei aus dem Saal geführt werden, kann die Veranstaltung so richtig beginnen.

Es folgt ein Streitgespräch zu Themen wie Klimaschutz, Innere Sicherheit, Wohnungsbau, zum Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg. Palmer wirkt gut vorbereitet, versucht im Gespräch mit Fakten zu punkten und Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen. Mehrfach zitiert er aus dem Parteiprogramm der AfD und versucht aufzuzeigen, an welchen Stellen ihre Positionen seiner Stadt schaden würden.

Auch hält er Frohnmaier immer wieder Zitate seiner Parteikollegen vor: "'Das Pack erschießen oder zurück nach Afrika prügeln' - ist das Meinungsfreiheit oder glasklarer Rassismus?" Frohnmaier kontert, dass derartige Äußerungen in seinem Landesverband nicht geduldet würden - und behauptet seinerseits, Deutschland sei wegen der vielen Migranten nicht mehr sicher.

Streitgespräch in Tübingen: Was bleibt?

Palmer zitiert aus der polizeilichen Kriminalstatistik, wonach es vor 25 Jahren mehr schwere Straftaten gegeben habe als heute. Wirklich neue Argumente oder Erkenntnisse fördert das Gespräch nicht zutage.

3 Personen

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Was bleibt also von diesem Abend in der Tübinger Turnhalle? Der Rhetorik-Professor und Moderator Knape resümiert: Mit der Debatte sei der "Rationalität in der Politik" eine Bresche geschlagen worden. Ob dem wirklich so ist, lässt sich nach diesen knapp 2,5 chaotischen Stunden zumindest bezweifeln.

Anna-Maria Schuck ist Leiterin des ZDF-Landesstudios Baden-Württemberg.

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