Spitzentreffen in Toulon:Deutsch-französischer Ministerrat gestartet
Trotz politischer Krise in Paris trifft ein großer Teil des Merz-Kabinetts in Toulon sein französisches Pendant. Es geht um einige Konfliktthemen - und eine neue Wirtschaftsagenda.
Überschattet von einer schweren politischen Krise in Paris treffen sich die deutsche und die französische Regierung an diesem Freitag an der Côte d'Azur zu Beratungen über die Wirtschafts- und Sicherheitspolitik.
Der sogenannte Ministerrat in einem Fort aus dem 19. Jahrhundert in der Küstenstadt Toulon wird von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Präsident Emmanuel Macron geleitet. Es ist das erste deutsch-französische Treffen in diesem Format seit dem Regierungswechsel in Berlin.
An dem Ministerrat nimmt Merz' halbes Kabinett teil. Unter anderen haben sich Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) angesagt.
Französisches Kabinett auf Abruf
Sie treffen auf eine französische Regierung, die vielleicht bald nicht mehr im Amt ist. Frankreichs Premierminister François Bayrou wird am 8. September die Vertrauensfrage stellen. Es wird erwartet, dass er sie verliert und die Regierung fällt, Neuwahlen sind nicht ausgeschlossen. Auch wenn es dabei nicht um das Präsidentenamt geht, wird Macron durch die Krise politisch geschwächt.
Der Kanzler und der Präsident beschworen bei einem Treffen am Vorabend in der Sommerresidenz Macrons die deutsch-französische "Achse" in der EU.
Reiche sieht "Neustart" für deutsch-französische Beziehungen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach von einem "Neustart" der bilateralen Beziehungen. "Eine gute deutsch-französische Partnerschaft ist auch ein wesentlicher Motor für den Fortschritt in der EU", teilte Reiche vor den Beratungen der beiden Kabinette mit. Es gebe einen klaren gemeinsamen Fokus, Europa wieder wettbewerbsfähig zu machen.
Unser Ziel ist es, zeitnah eine deutsch-französische Wirtschaftsagenda umzusetzen.
Katherina Reiche, Wirtschaftsministerin
Streit um wichtiges Rüstungsprojekt
Eigentlich wollten beide Seiten bis zum Ministerrat eine Einigung bei einem sicherheitspolitischen Prestigeprojekt erzielen: dem Luftkampfsystem FCAS, das mehr ist als ein Kampfflugzeug, weil es im Verbund mit Drohnen fliegen soll.
Kurz vor der Reise nach Frankreich musste Merz aber einräumen, dass dieser Zeithorizont nicht zu schaffen ist. Nun ist das Jahresende die neue Zielmarke. In Paris ist von "vorübergehenden Schwierigkeiten" die Rede, die überwunden werden müssten. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will die beteiligten Länder nun im Oktober zur Klärung nach Berlin einladen.
Obwohl Merz und Macron Einigkeit demonstrieren, etwa bei einer gemeinsamen Reise nach Kiew oder gerade erst nach Moldau, gibt es auch bei anderen deutsch-französischen Streitthemen in der Sache keinen Fortschritt.
Paris wirbt für europäische Gemeinschaftsschulden zur Stärkung der Rüstungsindustrie, Berlin lehnt das ab. Frankreich will weiter Kernenergie nutzen und fördern, Deutschland ist ausgestiegen. Und auch beim Handelsabkommen zwischen der EU und den lateinamerikanischen Mercosur-Staaten hakt es. Paris lehnt das Abkommen weiter ab, Berlin setzt auf einen schnellen Abschluss.
Gemeinsame Wirtschaftsprojekte geplant
Worauf wird man sich also in Toulon einigen können? Geplant ist auf jeden Fall eine Wirtschaftserklärung mit acht strategischen Konzepten und etwa 20 Leuchtturmprojekten, die beide Länder zügig gemeinsam angehen wollen. Und auch zur Sicherheitspolitik ist eine Erklärung vorgesehen.
Im Anschluss an den Ministerrat tagt am Nachmittag der deutsch-französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat, bei dem in kleinerem Kreis über die Herstellung von Waffensystemen in Europa sowie deutsch-französische Rüstungsvorhaben gesprochen wird.
Aktuelle Nachrichten
Mehr als 260 Menschen waren an Bord:Fähre vor Nordzypern gekentert - Behörden melden acht Tote
mit Video1:24Eine Tote und fünf Verletzte in Aarau:Rave in der Schweiz: Todesschüsse aus mindestens zwei Waffen
mit Video1:20Kanzler im ARD-Sommerinterview:Merz: Reaktion auf Drohnenvorfall "in den nächsten Tagen"
Niederlage gegen Augsburg:Schalke verpatzt Bundesliga-Auftakt