Nicht in Arbeit, nicht in Ausbildung:Großbritanniens verlorene Generation
von Hilke Petersen, London
Sie schaffen es nicht in eine Ausbildung oder finden einfach keinen Job: Die britische Jugend ist in einer Krise. Viele hängen fest in der Sozialhilfe. Das Land sucht Lösungen.
Noch nie waren im Vereinigten Königreich so viele junge Menschen abgehängt: ohne Schule, ohne Ausbildung, ohne Arbeit. Ohne das Handeln der Regierung wären die langfristigen Folgen immens teuer.
16.09.2026 | 6:28 minSie sind mehr als eine Million 16- bis 24-Jährige, die sogenannten NEETs. Bedeutet: Not in education, employment or training. Junge Menschen, die den Start ins erwachsene Leben einfach nicht schaffen.
Oft haben sie gesundheitliche oder psychische Probleme, versagten in der Schule oder kommen aus benachteiligten Familien. Viele aber haben sogar einen Uni-Abschluss zu bieten - und stehen trotzdem auf der Straße, weil sie jahrelang keinen Job finden. Gerade für Akademiker schrumpft das Angebot an Einstiegsjobs erheblich, so rechnen UK-Jobportale wie etwa Adzuna vor: Im vergangenen Jahr waren es nur noch etwa halb so viele Stellen.
Gefangen in der Sozialhilfe
Dass so viele junge Briten in einer wirtschaftlichen und moralischen Krise sind, kostet das Land knapp 146 Milliarden Euro jedes Jahr. Etwa 370 Euro staatliche Unterstützung erhalten unter 25-Jährige im Monat. Das Regelwerk, nach denen zusätzliche Leistungen zugeteilt werden, ist komplex und hält viele lange in seinen Fängen. Manche für immer.
Extra-Summen werden gezahlt, um etwa bei gesundheitlichen Einschränkungen zu helfen: Ein seit dem 2. Weltkrieg gewachsener Dschungel aus Leistungen, der damals sicherstellen sollte, dass die Menschen im Leben wieder vorankamen.
Heute wird den Menschen das Gegenteil geschenkt, nämlich die Möglichkeit, im Leben zu stagnieren.
Alan Milburn, Autor der Studie „Young people and work” in “The Times”
"Mehr als 50 Prozent der Auszubildenden geben an, dass sie psychisch belastet sind", sagt DGB-Bundesjugendsekretärin Nina Krüger. Zugleich finden viele Bewerber trotz offener Lehrstellen keinen Platz.
20.08.2026 | 2:33 minAlan Milburn war mal Gesundheitsminister in der Labour-Regierung von Tony Blair. Er hat eine Studie verfasst zur komplexen Situation junger Briten, die festhängen in der Sozialhilfe. Er nennt sie eine "verlorene Generation", die im perfekten Sturm stehe. Viele gezeichnet von der Covid-Erfahrung, viele mit psychischen Problemen. Doch die Schuld gibt Milburn nicht den jungen Menschen. Das System sei einfach nicht fit, sie zu aktivieren - so seine Erkenntnisse.
Demnächst wird er im Auftrag der Regierung seine Lösungen präsentieren. Politisch setzt er auf den Rückenwind durch die neue Regierung von Premier Burnham. Milburn kritisiert, dass der Staat 25 mal mehr ausgibt für Sozialhilfe als für Maßnahmen, Menschen in Arbeit zu bringen. Er wird wohl vorschlagen, denen die Sozialhilfe zu kürzen, die sich nicht hinreichend engagieren bei der Jobsuche. Es weht ein Hauch von Hartz 4-Reform durchs Königreich.
Chris hatte eine Idee, die mentale Gesundheit mit Trendsport verbindet. Beim Laufen in der britischen Hauptstadt sprechen Gleichgesinnte über ihren alltäglichen Ballast, der sich ansammelt.
29.07.2026 | 1:55 minDie Qual der Jobsuche
Wer sich als Journalist aufmacht, Interviewpartner im Heer der eine Million NEETs zu finden, tut sich schwer. Als NEET gelabelt zu sein, das ist auch ein Stigma. Wenige wollen darüber reden. Wir treffen Theo im Zentrum Londons. Er hat einen First Class-Abschluss in Computerwissenschaften an der Universität von Exeter gemacht.
Nach 500 Bewerbungen hört er auf zu zählen. Zwölf Bewerbungsgespräche macht er, ohne einen Job zu bekommen. Dafür aber Sozialhilfe. Er sei nur noch traurig gewesen, erzählt er uns. Er läuft durch Bars und Restaurants, um dort seinen Lebenslauf abzugeben.
Der Fachkräftemangel droht für Firmen zum immer größeren Problem zu werden. Laut einer IW-Studie könnten bald 723.000 Mitarbeiter fehlen. Welche Berufe das besonders betrifft.
07.09.2026 | 0:30 minJeden Tag dasselbe: Aufstehen, Computer einschalten und Bewerbungen an Stellenanzeigen bei LinkedIn schicken. An Menschen, die ich niemals zu Gesicht bekam.
Theo
Für bessere Chancen lassen inzwischen viele ihre Bewerbungen und Lebensläufe mithilfe künstlicher Intelligenz optimieren. Das aber gleiche alle aneinander an, glaubt Theo. Er habe bald realisiert, wie schwer es sei, einem möglichen Arbeitgeber überhaupt noch aufzufallen. Tatsächlich gelingt ihm das vor ein paar Monaten, als er sich mit einem Journalisten der BBC trifft und sein Interview bei LinkedIn postet. Die Chefin einer IT-Firma wird auf Theo aufmerksam, stellt ihn vor kurzem ein. Nun arbeitet er dort im Bereich Künstlicher Intelligenz.
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