"Mehrarbeit nicht zum Nulltarif":Gesundheitsreform: Hausärzte warnen vor Folgen für Patienten
von Claudia Oberst
Die deutschen Hausärztinnen und Hausärzte fühlen sich durch die Reformen der Regierung unter Druck gesetzt. Auch Patienten könnten die Einsparungen treffen - was Ärzte befürchten.
Angesichts der Gesundheitsreformen der Bundesregierung warnen Hausärzte vor einer schlechteren gesundheitlichen Versorgung. Beschlossen sind etwa Sparmaßnahmen bei den Gesetzlichen Krankenkassen.
10.09.2026 | 1:32 minEin letzter Ultraschall, ein Patientengespräch, dann ist die Sprechstunde für Dr. Laila El-Masri beendet. Gemeinsam mit einem Kollegen betreibt sie eine Hausarztpraxis in Primstal im Nordsaarland. 1.800 Patienten betreut die Praxis im Quartal. Sie haben noch Kapazitäten frei, sagt El-Masri. Aber wenn es nach der Bundesregierung geht, sollen sie für neue Patienten bald nicht mehr voll vergütet werden. Das ist eine Maßnahme der Gesundheitsreform, die der Bundestag und der Bundesrat im Sommer verabschiedet haben.
Hausärztin: "Mehrarbeit nicht zum Nulltarif"
"Es wird so formuliert, dass die ärztlichen Leistungen nur so lange bezahlt werden, wie auch Geld da ist", sagt El-Masri. "Wenn wir mehr beziehungsweise auch neue Patientinnen und Patienten behandeln, werden die Mehrkosten dann entweder nur noch teilweise oder gar nicht mehr übernommen werden können." Es mache ihr Sorgen, was auf ihre Praxis zukommt, so die Hausärztin.
Es muss ganz klar sein, dass Mehrarbeit nicht zum Nulltarif geleistet werden kann. Wir haben ja auch Ausgaben, wir haben Angestellte.
Dr. Laila El-Masri, Hausärztin
Hausärzte warnen im Rahmen der aktuellen Gesundheitsreform vor Versorgungslücken.
10.09.2026 | 1:49 minGesundheitsreform: Weniger Termine, längere Wartezeiten?
Sie befürchtet, dass sie irgendwann entscheiden muss, ob sie einen Aufnahmestopp verhängt. Dass Patienten länger auf einen Termin warten müssen, weniger Zeit in der Sprechstunde bekommen. Viele Patienten kommen seit Jahren in die Praxis, waren schon bei El-Masris Vater in Behandlung.
Einer von ihnen ist Erwin Rex. Er kommt alle drei Monate, auch seine Lebensgefährtin ist Patientin. "Die haben schon ihr Geld verdient, die Hausärzte, wenn es die nicht mehr gibt, armes Deutschland", sagt Rex. Ähnlich sieht es Daniel Werny. "Sparpläne sind in der Gesundheitsfrage für mich ein absolutes No-Go. Gerade da sollte die Politik auch so weit gehen, dass die Patienten die Behandlungen bekommen, die sie auch brauchen", sagt er.
Die Mehrheit der Deutschen sieht die Reformen der Regierung kritisch, nur 30 Prozent sind zufrieden. 63 Prozent sind der Meinung, sie gehen in die falsche Richtung.
17.07.2026 | 1:46 min2027 droht eine Finanzierungslücke von 18 Milliarden Euro
Eine Reform des Gesundheitssystems ist nötig, weil die Ausgaben explodieren. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die beitragspflichtigen Einnahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) um 4,1 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 an. Gleichzeitig stiegen die Leistungsausgaben aber um 7,4 Prozent.
Die GKV drängt darauf, die Gesundheitsreform wie geplant umzusetzen. "Nur wenn alle bereits beschlossenen Sparmaßnahmen voll durchgezogen werden, kann die im nächsten Jahr bei der gesetzlichen Krankenversicherung klaffende 18-Milliarden-Finanzlücke geschlossen werden", sagt Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes.
Es ist kein Millimeter Spielraum.
Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes
Ministerin Warken hat ihre Pläne für eine Gesundheitsreform verteidigt - diese stoßen nicht nur im Bundesrat auf heftigen Widerstand, sondern auch bei der Opposition im Bundestag.
12.06.2026 | 2:46 minVorschläge für Strukturreformen voraussichtlich im Dezember
Voraussichtlich im Dezember will die FinanzKommission Gesundheit (FKG) ihren zweiten Bericht an die Bundesregierung übergeben, dieses Mal mit Vorschlägen für Strukturreformen. Darin soll laut Medienberichten das Primärversorgungssystem enthalten sein, das stark auf digitale Unterstützung setzen soll.
"Ein digitales Navigationstool schätzt die Behandlungsnotwendigkeit ein und leitet die Versicherten zielgerichtet in und durch das Gesundheitssystem", heißt es dazu auf der Webseite der GKV. Kurz gesagt: erst App, dann Arzt.
"Wir haben ganz oft das Problem, dass die Menschen nicht wissen 'Wo soll ich eigentlich hin?', 'Was ist mein Problem?' Diese Ersteinschätzung kann viele unnötige Arztbesuche vermeiden", sagt Florian Lanz, Pressesprecher des GKV-Spitzenverbandes.
Mit der Gesundheitsreform will die Regierung sparen - auch im Bereich der Psychotherapie. Welche Folgen das haben könnte, analysiert ZDFheute live.
12.07.2026 | 18:31 minHausärzte warnen vor digitalen Hürden
Dr. Markus Blumenthal-Beier, Bundesvorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, lehnt eine digitale Ersteinschätzung ab. "Die Menschen, die in unsere Praxis kommen, haben im Durchschnitt dreieinhalb Anliegen. Wenn sie diese dreieinhalb Anliegen alle digital vorsortieren müssen, werden sie wahnsinnig, weil sie dann drei oder viermal die Algorithmen durchlaufen müssen. Dann sind wieder zig unterschiedliche Ärzte zuständig", sagt Blumenthal-Beier.
El-Masri glaubt, dass es für den Patienten am besten ist, wenn der Hausarzt der erste Ansprechpartner ist. "Wenn die Fäden irgendwo zusammenlaufen und einer, der wirklich den Menschen auch kennt, sich darum kümmert", sagt sie. Aber dafür, sagt Laila El-Masri, bräuchten die Praxen die entsprechende Unterstützung.
Claudia Oberst ist Reporterin im ZDF-Studio in Saarbrücken.
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