Neues Primärversorgungssystem:Warum Patienten künftig zuerst zum Hausarzt sollen
von Dorthe Ferber
Volle Praxen, lange Wartezeiten auf Facharzttermine - Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will das ändern. Der Hausarzt als Lotse soll Patienten besser steuern.
Eine Strukturreform soll die Wartezeit bei der Terminvergabe bei Fachärzten verkürzen, hofft Gesundheitsministerin Warken. Künftig sollen Kassenpatienten in vielen Fällen zuerst zum Hausarzt.
27.01.2026 | 0:35 minWie schnell kann man zum Orthopäden gehen? Kassenpatienten müssen oft wochenlang auf Termine warten. Bald soll es "Zuerst-zum-Hausarzt" heißen - und seltener, aber dafür schneller zum Facharzt.
Das "Primärarztsystem" ist ein gesundheitspolitisches Großprojekt der schwarz-roten Regierung. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, dass der Hausarzt als primärer Lotse im Gesundheitssystem die Patienten steuern soll.
Und auch das Handy soll zum Lotsen werden, heißt es jetzt: "Ein wesentlicher Bestandteil wird dabei ein verlässliches digitales bzw. telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sowie die Weiterentwicklung der Terminvermittlung sein", sagt Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) heute.
Warken hatte zuvor mit Ärzteschaft, Krankenkassen und Patientenvertretern über das Gesetz zum verbindlichen Primärarztsystem gesprochen. Bis zum Sommer soll ein Referentenentwurf vorliegen. "Nicht trivial" sei das Vorhaben, unterstreicht Warken, "wir können das nicht von heute auf morgen einführen".
Braucht Deutschland ein verbindliches Primärarztsystem? Darüber sprechen Gesundheitsökonomin Simone Borchardt, CDU, und Verena Bentele, Präsidentin Sozialverband VdK.
29.04.2025 | 11:58 minEine Milliarde Patientenkontakte auf 98.500 Praxen
Tatsächlich ist die Dimension beachtlich: Auf fast eine Milliarde Patientenkontakte kommen die 98.500 Praxen in Deutschland laut Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Im internationalen Vergleich gehen Deutsche überdurchschnittlich häufig zum Arzt und oft zum falschen, nämlich direkt zum Facharzt.
Der ist möglicherweise aber gar nicht der richtige für die Beschwerden. Es kommt zu überflüssigen Untersuchungen und Doppeluntersuchungen. Mit dem "Primärarztsystem" soll die Hausarztpraxis erste Anlaufstelle sein. Nur bei Bedarf geht es von dort aus mit Überweisung in die Facharztpraxis.
Die gesetzlichen Krankenkassen unterstützen den rot-schwarzen Vorschlag, Facharzttermine künftig über Hausarztpraxen zu koordinieren. Dadurch sollen Wartezeiten reduziert werden.
03.04.2025 | 0:24 minZukunftsvision: Symptome telefonisch schildern
Wenn es überhaupt direkt zum Arzt geht, denn künftig soll auch eine elektronische Ersteinschätzung bei Beschwerden helfen: Die bekannte Patientenservice-Telefonnummer 116 117 soll dazu ausgebaut werden.
Symptome telefonisch schildern und dann bei Bedarf per App über eine zentrale Plattform einen passenden Arzttermin finden, so die Zukunftsvision. Stefanie Stoff-Ahnis vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung betont:
Es ist höchste Zeit, das Gesundheitssystem in die digitale Gegenwart zu bringen.
Stefanie Stoff-Ahnis, Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung
Wer zwischen den Jahren und über Neujahr ärztliche Hilfe benötigt, kann rund um die Uhr beim Patientenservice 116117 anrufen. Unter der bundesweit kostenfreien Nummer gibt es Auskunft zu Praxen in Ihrer Nähe. Im Notfall gilt: Alarmieren Sie den Rettungsdienst unter der Notrufnummer 112.
2028 könnten erste Reform-Effekte spürbar werden
Erste Effekte der Reform könnten erst 2028 spürbar werden, schätzt die Gesundheitsministerin.
Mein Ziel ist es, dass es stabil läuft.
Nina Warken, Bundesgesundheitsministerin
Es nütze nichts, wenn die Patientenservice-Nummer überlaufe. Zudem sind wichtige Fragen der Großreform noch offen. Was passiert beispielsweise, wenn man sich nicht an die Hausarztvorgabe hält? Man brauche ein zusätzliches Steuerungsinstrument, erklärt die Gesundheitsministerin.
Denkbar sei ein Bonus für den Hausarztbesuch, eine zusätzliche Gebühr oder auch keine Kostenübernahme durch die Kassen beim Facharztbesuch ohne Überweisung.
Fest steht bereits, dass für junge Patientinnen und Patienten die Kinder- und Jugendpraxis primäre Anlaufstelle sein soll. Auch Frauen-, Zahn- oder Augenarztpraxen sollen von der Facharztregelung ausgenommen sein. "Wir wollen nicht an Vorsorge hindern", so Warken.
Laut einer Studie ist das Ausmaß des Hausärztemangels größer als bekannt. Bis 2040 sollen mehrere Tausend Ärzte fehlen. Vor allem auf dem Land fehlen die Mediziner.
02.10.2025 | 1:45 min"Primärarztsystem" in "Primärversorgungssystem" umbenannt
Aber Praxen sollen entlastet, die Zahl der Arztkontakte verringert werden, so das politische Ziel der Reform. Dabei sollen künftig auch andere medizinische Berufe in die Versorgung miteinbezogen werden, um Ärztinnen und Ärzte zu entlasten.
Folglich wurde das "Primärarztsystem" jetzt in "Primärversorgungssystem" umbenannt.
Langfristig soll die Großreform natürlich auch Geld sparen. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, warnt aber vor zu hohen Erwartungen: "Eine bessere Zuordnung der Patienten ist inhaltlich zweifelsohne ein Gewinn, spart aber zumindest kurzfristig kein Geld."
Dorthe Ferber ist Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin.
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