Extremwetterkongress in Hamburg:Sommer der Rekorde, die bald normal sein könnten
von Sven Rieken
Rekordhitze, warme Nordsee, höhere Sturmfluten: Forscher ziehen auf dem Extremwetterkongress in Hamburg Bilanz eines extremen Sommers.
Heute kommen in Hamburg Experten zu einem Extremwetter-Kongress zusammen. Ihre Kernaussage ist klar: Der Klimawandel in Deutschland beschleunigt sich.
23.09.2026 | 1:55 min41,8 Grad in Möckern-Drewitz bei Magdeburg, gemessen am 27. Juni. Es war der heißeste Tag, den Deutschland je erlebt hat. An einem einzigen Wochenende kletterte das Thermometer an 54 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes über die 40-Grad-Marke, insgesamt 75 Mal. Wie bemerkenswert das ist, zeigt der Vergleich: Zwischen 1983 und 2020 kam das in ganz Deutschland zusammengerechnet nur 40 Mal vor.
In Hamburg startet der Extremwetterkongress. Expertinnen und Experten aus Wetter- und Klimaforschung beraten dort über die Folgen der Erderwärmung und Anpassungen an extreme Wetterereignisse.
23.09.2026 | 1:31 minDWD-Experte: Sommer 2026 wird in 30 Jahren wohl als "normal" gelten
Das ist die Bilanz, die der Deutsche Wetterdienst beim Extremwetterkongress in Hamburg vorlegt. Der Sommer 2026 war demnach der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, nur 0,1 Grad hinter dem Jahrhundertsommer 2003. Bei den Extremen aber liegt dieses Jahr vorn:
Wenn wir in 30 Jahren auf diesen Sommer zurückblicken, werden wir vermutlich feststellen, dass das ein normaler Sommer war.
Tobias Fuchs, Vorstand Klima und Umwelt beim DWD
Deutschland erwärmt sich doppelt so schnell wie der Weltdurchschnitt: um 2,5 Grad seit 1881. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass etwa 16.000 Todesfälle in diesem Sommer auf die Hitze zurückzuführen sind, 9.600 davon allein in der Hitzewoche Ende Juni. Selbst Hamburg, das eher einen Ruf für regnerisches, kühles Wetter hat, ist längst betroffen: Zweiwöchige Hitzeperioden mit im Schnitt mindestens 30 Grad gab es hier vor 1994 nie. Seitdem sechs Mal.
Hitze und Trockenheit prägen den Sommer 2026 in Europa und sorgen für bedenkliche Rekorde. Hitzewellen, Niedrigwasser, Waldbrände - ein Überblick.
25.08.2026 | 1:25 minAuswirkungen bis vor Helgoland spürbar
Auch die Nordsee reagiert auf die Erwärmung. 2025 war sie so warm wie nie seit Messbeginn 1969, und vor Helgoland gab es in diesem Jahr bereits 66 Tage marine Hitzewelle. Für die Küste ist aber vor allem der Meeresspiegel entscheidend. In Cuxhaven liegt der Pegelstand der Nordsee bereits heute 28 Zentimeter höher als im Jahr 1900.
Selbst wenn ich keine Änderung in der Sturmintensität habe, fängt eine Sturmflut schon auf einem ganz anderen Niveau an.
Tim Kruschke, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie
Rekordhitze, Hitzetote, Klimakrise: Die Folgen der Erderwärmung werden extremer. Trotzdem reden wir weniger darüber. Warum? Reichen die Maßnahmen noch und können wir das Klima retten?
23.07.2026 | 41:06 minBis Ende des Jahrhunderts erwartet er mindestens einen halben Meter mehr, selbst wenn das Pariser Klimaziel gehalten wird. Im schlechteren Fall einen Meter.
Modellrechnungen zeigen, was das für die Elbe hieße: Ein Meter mehr Meeresspiegel kommt bei einer Sturmflut wie 1962 fast eins zu eins bis nach Hamburg-St. Pauli obendrauf. Der deutsche Küstenschutz kalkuliert diesen Meter bereits ein. Nicht alles wird schlimmer: Bei Wind und Stürmen sehen die Forscher keinen eindeutigen Trend, auch bei Tornados nicht.
Die globale Erwärmung hat sich laut einer aktuellen Studie deutlich beschleunigt. Hält der Trend an, könnte das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens schon vor 2030 überschritten werden.
06.03.2026 | 0:35 minKlimakrise: "Das Interesse nimmt ab"
Klimaforscher Mojib Latif beobachtet unterdessen ein Paradox: "In dem Maße, wie die Auswirkungen des Klimawandels immer offener zutage treten, nimmt das Interesse am Klimawandel immer weiter ab. Das gilt für die Politik, die Wirtschaft und auch die Bevölkerung." Das Ziel, die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, hält er für kaum noch erreichbar, weil die weltweiten Emissionen weiter steigen.
Wir nennen es Sommerwetter. Doch wenn Temperaturen Tag für Tag Allzeitrekorde brechen, wird Hitze zur Gefahr. Der Sommer 2026 zeigt, warum Anpassung und Schutz immer wichtiger werden.
21.09.2026 | 27:20 minTobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst setzt dagegen auf positive Botschaften. Die Hälfte des Stroms in Deutschland komme aus erneuerbaren Energien, vom extremsten Klimaszenario habe sich die Welt verabschiedet. "Deutschland muss sich da nicht verstecken." Die Herausforderung sei die Umsetzung, und zwar "über Wahlperioden hinaus".
Sven Rieken ist Korrespondent im ZDF-Studio in Hamburg.
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