Hitzetote in Deutschland 2026: Warum die RKI-Zahl zu niedrig ist

Interview

Ärztin warnt vor "stiller Katastrophe":Tausende Hitzetote: "Das ist nur die Spitze des Eisbergs"

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Hitze steht meist nicht auf dem Totenschein. Ein Grund, weshalb die Zahl der Hitzetoten laut Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann eine "völlige Unterschätzung" ist.

Hinter einem Thermometer geht am Morgen die Sonne auf.

Wir nennen es Sommerwetter. Doch wenn Temperaturen Tag für Tag Allzeitrekorde brechen, wird Hitze zur Gefahr. Der Sommer 2026 zeigt, warum Anpassung und Schutz immer wichtiger werden.

21.09.2026 | 27:20 min

ZDFheute: Frau Prof. Traidl-Hoffmann, das Robert-Koch-Institut schätzt inzwischen, dass 16.000 Todesfälle in Deutschland in Zusammenhang mit der extremen Hitze 2026 stehen. Was macht Hitze so gefährlich für den menschlichen Körper?

Claudia Traidl-Hoffmann: Extreme Hitze, wie wir sie diesen Sommer mehrfach erlebt haben, ist ein erhebliches Risiko für den Körper. Besonders gefährdet sind Menschen mit chronischen Erkrankungen, etwa Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen. Diese sogenannten "Volkskrankheiten" können sich während Hitzeperioden deutlich verschlechtern.

Unser Körper versucht zunächst, die überschüssige Wärme abzugeben: Die Gefäße weiten sich, der Puls steigt, wir schwitzen. Das belastet den Herzkreislauf und wir atmen schwerer, ebenfalls ein Versuch, Wärme abzugeben. Und irgendwann kann es dazu kommen, dass der Kreislauf kollabiert.

Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann im Porträt
Quelle: Samuel Tschaffon

… ist Ärztin und Professorin für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg. Als Direktorin des Instituts für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit verbindet sie die Behandlung von Patientinnen und Patienten mit der Forschung zu den Auswirkungen von Umweltveränderungen auf die Gesundheit. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die wissenschaftliche Politikberatung, unter anderem als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).


ZDFheute: Belastet die Hitze also vor allem Menschen mit Vorerkrankungen?

Traidl-Hoffmann: Hitze kann eine Reihe von Erkrankungen verschärfen. Dazu zählen nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch Krebs, Diabetes, Asthma und sogar mentale Krankheiten. Vor allem ältere Personen sind in Gefahr. Aber auch Schwangere, Säuglinge und Kleinkinder gehören zu den Risikogruppen.

Hinzu kommen Menschen, die bei hohen Temperaturen Sport treiben, oder solche, die viel im Freien arbeiten, wie zum Beispiel Menschen in handwerklichen Berufen. Am Ende spielen dabei auch die soziale Lage und der Wohnort eine große Rolle.

Das zum Teil ausgetrocknete Flussbett des Rheins bei Köln.

Der diesjährige Sommer hat die Folgen der Klimakrise vor allem durch hohe Temperaturen gezeigt. Es war der zweitwärmste Sommer, der in Deutschland jemals gemessen wurde.

31.08.2026 | 1:23 min

ZDFheute: Auf dem Totenschein wird die Hitze nie als eindeutige Todesursache festgestellt. Wie kommt das RKI zu seinen Schätzungen?

Traidl-Hoffmann: Solche statistischen Schätzungen beruhen auf der sogenannten "Übersterblichkeit". Dabei werden die Sterbezahlen in den Sommermonaten früherer Jahre verglichen und der Zusammenhang zwischen Mitteltemperatur und Sterbefällen analysiert. So kann statistisch eingeschätzt werden, wie viele Todesfälle normalerweise zu erwarten gewesen wären und wie hoch die tatsächlichen Zahlen waren. Die Differenz hieraus zeigt die Übersterblichkeit.

Ein Rollator steht in einem Gang in einem Altersheim.

Die aktuellen Hitzewellen lassen die Rufe nach Hitzeschutz immer lauter werden. Kommunen fordern vor allem für Krankenhäuser und Altenheime eine bessere Anpassung an die Temperaturen.

14.08.2026 | 1:45 min

ZDFheute: Wie repräsentativ sind diese geschätzten Zahlen also?

Traidl-Hoffmann: Die aktuelle Zahl von 16.000 Hitzetoten ist wahrscheinlich eine völlige Unterschätzung. Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Während Hitzeperioden erkranken Tausende Menschen, bei anderen verschärfen sich ihre Vorerkrankungen, ohne dass sie in der Statistik der Hitzetoten auftauchen.

Traidl-Hoffmann, Ärztin und Professorin für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg

Es gibt da den sogenannten "Lag Effect", den verzögerten Effekt: Menschen, die also durch die Hitze schwer erkranken und erst später an den Folgen versterben.

Sehen Sie "Jahrhunderthitze - Die stille Gefahr" von Terra X Harald Lesch am 22. September um 22:45 Uhr im ZDF oder jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.


ZDFheute: Die Wissenschaft prognostiziert infolge der Klimakrise einen Anstieg an Extremwettern, so auch mehr Hitzesommer in der Zukunft. Ist unser Gesundheitssystem darauf vorbereitet?

Traidl-Hoffmann: Auf allen Ebenen: nein. Das hat auch dieser Sommer nochmal ganz klar gezeigt. In vielen Kliniken, auch in unserer Uniklinik in Augsburg, kam es zu einem extrem hohen Patientenaufkommen. Die meisten sind gar nicht auf die Behandlung eines Hitzeschocks eingerichtet. Möglichkeiten zur schnellen Kühlung sind begrenzt, und viele Klinikbereiche sind nicht oder nur unzureichend klimatisiert.

Im Extremfall werden also Menschen mit schweren hitzebedingten Erkrankungen in Räumen behandelt, in denen selbst sehr hohe Temperaturen herrschen. Das erschwert die Versorgung zusätzlich.

Traidl-Hoffmann, Ärztin und Professorin für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg

Professor Heoffmann im Gespräch mit Professor Harald Lesch

Hitze ist mehr als nur Sommerwetter: Professorin Claudia Traidl-Hoffmann erklärt, wie Hitze Krankheiten verschärft, warum Menschen daran sterben und welche Schutzmaßnahmen jetzt nötig sind.

21.09.2026 | 13:26 min

Besonders betroffen sind auch die Rettungsdienste: Der Rettungshubschrauber kann sich schnell aufheizen, die Hitze-erschöpften Helfer kommen dann am Unfallort an und müssen funktionieren. Ich habe mit Hubschrauberpiloten gesprochen, die mir berichtet haben, dass sie nach drei aufeinanderfolgenden Diensttagen bei großer Hitze an der Grenze ihrer Belastbarkeit waren. Das zeigt, dass wir beim Hitzeschutz nicht nur an die Patientinnen und Patienten denken dürfen, sondern auch an diejenigen, die sie versorgen.

Grundsätzlich ist unser Gesundheitssystem noch sehr stark darauf ausgerichtet, Erkrankungen zu behandeln, wenn sie bereits entstanden sind. Prävention und die Anpassung an neue gesundheitliche Risiken spielen bislang eine deutlich geringere Rolle. Genau das müssen wir ändern, wenn wir auf häufigere und intensivere Hitzeperioden vorbereitet sein wollen.

Wasser

Laut einer Krankenkassenumfrage leidet fast jeder Dritte unter gesundheitlichen Folgen von Hitze, etwa durch Kreislaufprobleme oder Kopfschmerzen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.

13.07.2026 | 1:44 min

Der Sommer 2026 war eine stille Katastrophe. Und diese war noch absehbar. Je weiter der Klimawandel fortschreitet, desto mehr nähern wir uns jedoch Bereichen, in denen Entwicklungen schwerer vorhersehbar werden. Wir müssen Abstand halten von den Grenzen der Unberechenbarkeit.

Das Interview führte Liyang Zhao aus der ZDF-Redaktion Naturwissenschaft und Technik.

Über dieses Thema berichtet die Sendung "Terra X Harald Lesch: Jahrhunderthitze - Die stille Gefahr", online verfügbar am 21.09.2026 um 6 Uhr, im ZDF am 22.09.2026 ab 22:45 Uhr.

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