"An der Grenze zur Vollauslastung":Wie Hitze Rettungskräfte an ihre Belastungsgrenze bringt
Durch die teils extreme Hitze der letzten Wochen steigt auch die Zahl der Rettungseinsätze stark. Notarzt Kalle Heitkötter berichtet über Herausforderungen aus dem Arbeitsalltag.
Notarzt Kalle Heitkötter erklärt die gesundheitlichen Risiken bei Hitze, wer besonders betroffen ist und wie man sich schützen kann.
14.08.2026 | 7:15 minZDFheute: Wie haben Sie ihren Arbeitsalltag während der Hitzewellen erlebt?
Kalle Heitkötter: Die Hitzewelle Ende Juni hat uns am meisten herausgefordert. Eine ganze Woche lang waren die Einsatzzahlen im Rettungsdienst hoch, was für den Sommer eher ungewöhnlich ist. Am heißesten Tag gab es viele schwere hitzebezogene Notfälle und über das folgende Wochenende waren wir im Krisenmodus. Wir hatten zwar alle vorgeplanten Unterstützungskräfte im Einsatz und waren immer handlungsfähig, aber wir waren nah an der Grenze zur Vollauslastung.
ZDFheute: Vor welchen Herausforderungen stehen Rettungskräfte bei Hitze?
Heitkötter: Es geht in erster Linie darum, die eigene Einsatzfähigkeit aufrechterhalten zu können. Wir sind den gleichen klimatischen Gegebenheiten ausgesetzt, wie die Allgemeinbevölkerung auch, aber wir tragen Schutzkleidung, tragen schwere Patienten und Dinge und haben hochbelastende Einsätze. Es ist herausfordernd, darauf zu achten, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen und bei langen Schichten trotz allem noch einsatzbereit zu bleiben. Viele Kollegen sind an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gegangen.
… ist seit 2022 ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Düsseldorf. Sein Studium der Medizin absolvierte er 2007 und arbeitete zunächst als Anästhesist und Intensivmediziner, bevor er leitender Notarzt und Dozent an der Rettungsdienstschule wurde.
ZDFheute: Bei welchen Personengruppen kommt es zu den meisten Notfällen?
Heitkötter: Das haben wir für die Stadt Düsseldorf ausgewertet. Der Durchschnittspatient ist Mitte 70 Jahre alt, deutlich vorerkrankt, aber nicht pflegebedürftig. Es sind etwas mehr Männer betroffen als Frauen und es trifft meist Menschen, die sich eigentlich noch selbst helfen können. Die also trotz Vorerkrankung noch mobil wären und auch kühle Orte aufsuchen können. Weniger betroffen sind Kinder und junge Erwachsene.
Die andauernde Hitze birgt in vielen Ländern Europas Gefahren. Tausende Hitzetote werden bereits beklagt, über 80 europäische Gesundheitsorganisationen fordern mehr EU-Maßnahmen zum Hitzeschutz.
06.08.2026 | 1:59 minZDFheute: Welche konkreten Probleme treten in den Fällen auf?
Heitkötter: Das Hauptproblem ist das häusliche Umfeld. Es gab auch Einzelfälle im öffentlichen Raum, aber ein Großteil unserer Einsätze fand in massiv überhitzten Wohnungen von alleinstehenden Menschen statt. Absolut lebensbedrohlich wird es ab einer Körpertemperatur von 40 Grad.
Menschen, die allein und speziell in Dachgeschosswohnungen leben, nehmen die langsame Erhitzung der Wohnung und des Körpers irgendwann gar mehr richtig wahr.
Kalle Heitkötter, Notarzt
ZDFheute: Wann sollte man einen Rettungswagen rufen?
Heitkötter: Es ist wichtig, auf seine Nächsten aufzupassen. Das können neben der Familie auch Freunde oder Nachbarn sein, von denen man weiß, dass sie alleinstehend sind. Bei Hitze gibt es außerdem viele Maßnahmen zur Selbsthilfe: etwa eine kalte Dusche, ein kühler Ort, viel Flüssigkeit und Verdunstungskälte. Wann die Selbsthilfefähigkeit ein Limit erreicht, ist unterschiedlich. In dem Fall sollte man die 112 rufen. Nicht immer muss gleich ein Rettungswagen oder der Notarzt geschickt werden, wir haben auch andere Möglichkeiten.
Laut einer Krankenkassenumfrage leidet fast jeder Dritte unter gesundheitlichen Folgen von Hitze, etwa durch Kreislaufprobleme oder Kopfschmerzen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.
13.07.2026 | 1:44 minZDFheute: Welche sind das konkret?
Heitkötter: Wir können an die kassenärztliche Vereinigung, also an niedergelassene Ärzte, vermitteln und wenn es kein hochprioritärer Notfall ist, können wir einen Krankenwagen schicken. Wann die Selbsthilfe an ein Limit kommt, muss aber jeder für sich selbst entscheiden.
ZDFheute: Was kann man tun, wenn es in der Wohnung zu heiß wird?
Heitkötter: Es hängt extrem von der Wohnsituation ab. Man kann versuchen morgens und abends zu lüften und die Fenster abzudunkeln. Wenn es zu Hause aber wärmer ist als draußen, sollte man die Wohnung verlassen. Öffentliche Orte sind zum Teil klimatisiert, man kann in den Supermarkt gehen oder sich im Park unter einen Baum setzen. Für manche Menschen kann aber auch die Wohnung der kühlste Ort sein.
Das Interview führte ZDF-Moderatorin Nadine Krüger. Zusammengefasst wurde es von Sophie Petersen.
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