WM-Fußballzwerg Curaçao:"Wird schwer, aber Deutschland schlagen wir!"
von Andreas Stamm, Willemstad/Curaçao
Schon vor dem WM-Auftakt gegen Deutschland sind die Spieler Nationalhelden. Ein Sturm der Begeisterung fegt über Curaçao und pusht den kleinsten WM-Teilnehmer aller Zeiten.
Am Sonntag bestreitet Curaçao sein erstes WM-Spiel überhaupt: Gegen die Deutsche Elf. Wie ist die Stimmung, wie groß die Vorfreude in der ehemaligen niederländischen Kolonie in der Karibik?
12.06.2026 | 2:10 minDie blaue Welle, der Kosename des Nationalteams, hat Curaçao erfasst. Wer in diesen Tagen unterwegs ist auf der kleinen Insel mit gerade mal 150.000 bis 180.000 Einwohnern - so genau weiß das keiner - der sieht nur noch Blau, die Nationalfarbe.
Fahnen, Trikots, übergroße Mannschaftsfotos - und viele Häuser geschmückt wie das von Caspar Zimmermann. Fußball sei gerade das Größte, erklärt er und zeigt freudenstrahlend sein völlig in blau und mit Fußball-Devotionalien geschmücktes Haus.
Zum ersten Mal bei der Weltmeisterschaft, das macht alle auf Curaçao glücklich. Wir sind so stolz.
Caspar Zimmermann, Fußball-Fan
Das kleinste Teilnehmerland der WM aller Zeiten, es feiert sich und eine kleine Sensation. Ein Land, noch immer Teil des niederländischen Königreichs, das viele Kolonialherren gesehen und viele Gesichter hat. Mehr als 50 Ethnien versammelt auf engstem Raum. Das tropische Paradies mit seinen Traumstränden war lange einer der Hauptumschlagplätze des Sklavenhandels in der Karibik. Die Spuren der Kolonialzeit sind noch immer allgegenwärtig.
Curaçao ist mit einem Team bei der Fußball-WM dabei. Dank Talenten aus den Niederlanden hat die Karibikinsel eine Auswahl aufgebaut, die am Sonntag mit großer Euphorie gegen Deutschland antritt.
12.06.2026 | 2:10 minFast 20.000 undokumentierte Flüchtlinge, vor allem aus dem nahen Venezuela und Kolumbien. Eine Insel, die immer auf der Suche ist nach sich selbst. Und nun kommt die blaue Welle.
Der Traum von der WM beginnt in Europa
Er habe nicht gewusst, was er da auslöse, aber er hatte einen Plan. Etienne Siliee hat seinen Anteil am Aufstieg des Fußballs in Curaçao. Als Vereins- und Nationaltrainer, als langjähriger technischer Direktor des Verbandes. "Unser Traum war es, Curaçao zur WM zu bringen", erklärt er. Aber allen sei klar gewesen, das könne man nur schaffen mit einem Team aus Profis.
Die gab es weit und breit nicht, aber 9.000 Kilometer entfernt, in den Niederlanden. Dort leben rund 150.000 ausgewanderte Curaçaoënaars, darunter auch viele Fußballtalente. Die überzeugen, dann klappt es mit der WM, so einfach der Plan. Enge Bindungen zwischen den Familien hier und dort habe es gegeben, so Siliee, aber alle Telefonate und Briefe führten anfangs ins Nichts.
Die Reaktionen auf uns: Diese Typen aus der Karibik, die träumen nur, das ist ein Witz, das ist unmöglich.
Etienne Siliee, Fußballfunktionär
Manchmal gab es gar keine Antwort, aber dann haben sie sich gedacht: dann müssen wir eben nach Holland.
Im November 2025 qualifizierte sich Curaçao für die WM. Zwar fiel kein einziges Tor gegen Jamaika, doch das hat gereicht.
19.11.2025 | 1:49 minEiner für alle, und alle für ein Ziel
20 Jahre später ist der Plan aufgegangen. Das Team besteht aus in den Niederlanden ausgebildeten Profis, die sich für die Heimat ihrer Eltern entschieden haben. Stürmer Tahith Chong ist der einzige auf Curaçao geborene Nationalspieler. Doch auch er hat das Fußballspielen in den Niederlanden und England gelernt. In der Jugend für die Niederlande gekickt, sich später für Curaçao entschieden. Und dort etwas gefunden, was nicht nur er für das wahre Geheimnis des Erfolgs hält.
Wir sind eine Familie. Ich betrachte alle Jungs als Brüder, die bereit sind, füreinander in die Schlacht zu ziehen, das ist fantastisch.
Tahith Chong, Nationalspieler Curacao
Und deshalb, ergänzt der Präsident des Fußballverbands von Curaçao, müsse sich auch Deutschland, der vierfache Weltmeister, warm anziehen.
In Deutschland macht sich mit dem bevorstehenden Spiel gegen Curaçao langsam WM-Stimmung breit. ZDF-Reporter Dominik Müller-Russell hat sich umgehört.
11.06.2026 | 1:37 min"Dann werden Wunder möglich"
Getragen von der Euphorie der ersten WM-Teilnahme sei alles möglich, so Gilbert Martina. Sie hätten zwar keine Starspieler wie Messi, Neymar, Mbappé oder wen auch immer, aber eine Mannschaft, die absolut bereit sei, füreinander zu kämpfen und alles zu geben.
Das kann den großen Unterschied machen. Wenn sich alle gegenseitig unterstützen, entsteht Magie.
Gilbert Martina, Präsident Fußballverband Curacao
Wenn alle sich auf das gemeinsame Ziel ausrichteten, wie in der WM-Qualifikation: "Dann werden Wunder möglich."
Euphorie pur
Und wer dabei sein konnte in der Nacht nach dem letzten WM-Test, beim 4:0 gegen die Nachbarinsel Aruba, der will es glauben. "Wird schwer, aber Deutschland schlagen wir!", erklärt eine strahlende Veani Shakara, wie so viele der rund 10.000 Menschen vor der Bühne erst seit kurzem Fan der blauen Welle. Die ganze Insel ist euphorisch. Mit einer karibischen Karnevalsparade würdig einer Weltmeisterfeier, wird das Team Richtung USA verabschiedet. So schön kann Fußball sein, oder wie es der Radiomoderator Richeron Balentien auf den Punkt bringt: "Wir als Curaçao zählen was, die Welt wird wissen, wer wir sind. Damit haben wir eigentlich schon gewonnen."
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