Pressefreiheit: Ungarns Staatsmedien vor Bewährungsprobe

Pressefreiheit nach der Ära Orban:Gelingt der Wandel? Ungarns Staatsmedien vor Bewährungsprobe

|

Nach Jahren im Einflussbereich Orbans stehen Ungarns Staatsmedien vor einer Bewährungsprobe. Unter dem neuen Ministerpräsidenten soll die Unabhängigkeit wieder hergestellt werden.

Ungarns neuer Regierungschef Magyar gibt Pressestatement in Budapest

Im Wahlkampf hatte Peter Magyar die staatlichen Medien als "Lügenfabrik" bezeichnet. (Symbolbild)

Quelle: Robert Hegedus/MTI via AP

2011 wurde Aranka Szavuly von einem ungarischen Staatssender entlassen, weil sie gegen die Einmischung der Regierung in Nachrichtensendungen protestiert hatte. Nun ist die Journalistin wieder auf Jobsuche - hält jedoch nach der 16-jährigen Herrschaft von Viktor Orban zunächst eine grundlegende Reform der Medienlandschaft Ungarns für nötig. Bis zu seiner Niederlage gegen seinen Nachfolger Peter Magyar bei der Wahl im April hatte Orban als Regierungschef die Medien streng kontrolliert.

Nach all den Jahren reicht ein Wechsel des Managements vielleicht nicht aus. Wir müssen den gesamten Betrieb neu überdenken.

Aranka Szavuly, Journalistin in Ungarn

Die 46-Jährige hatte mehr als zehn Jahre für den staatlichen TV-Sender gearbeitet. Als sie aus Protest gegen die Zensur durch die Regierung in den Hungerstreik trat, erhielt sie die Kündigung.

Der ungarische Primierminister Peter Magyar

Nach der Ära Orban und der Vereidigung der neuen Regierung Ungarns hat die EU angekündigt, mehr als 16 Milliarden Euro eingefrorener Finanzmittel für das Land freizugeben.

29.05.2026 | 2:45 min

Ungarns Medien: Magyar verspricht Unabhängigkeit

Ungarns neuer Regierungschef Magyar hatte die staatlichen Medien unter Orban als "Lügenfabrik" bezeichnet. Während des Wahlkampfs versprach er, die Unabhängigkeit der staatlichen Medien wiederherzustellen und betonte mehrfach, dass er die Pressefreiheit respektiere. Nach seiner Vereidigung Anfang Mai ordnete Magyar eine umfassende Überprüfung der Arbeitsweise und Finanzierung der staatlichen Medien an.

Durchgesickerte Dokumente, Aufzeichnungen und Aussagen ehemaliger Mitarbeiter hatten enthüllt, dass Redakteure auf einer sehr einseitigen Berichterstattung bestanden: Die Politik Orbans und seiner Regierung wurde in Medienberichten gelobt. Seine Rivalen sowie ausländische Kritiker, darunter die EU, hingegen wurden verteufelt.

Denkfabrik: Sender verändern Ton der Berichterstattung

Seit dem Machtwechsel hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk bereits seinen Ton geändert. Beim führenden Privatsender TV2 - der sich im Besitz von mit Orban verbündeten Geschäftsleuten befindet - wurden der Nachrichtenchef und die wichtigsten Nachrichtensprecher ausgewechselt.

sgs lang ungarn

"Ungarn braucht diese Gelder, denn das Land hat ein hohes Haushaltsdefizit", so Kai-Olaf Lang von SWP zur Ankündigung der EU die eingefrorenen Milliarden für Ungarn freizugeben.

29.05.2026 | 6:45 min

In den Wochen unmittelbar nach der Wahl schlugen laut einer Analyse der liberal ausgerichteten Denkfabrik Republikon Institute fast alle staatlichen Sender in den Nachrichtensendungen einen neutralen Ton an - eine deutlich Abkehr von der zuvor herrschenden Orban-freundlichen Berichterstattung.

"Alle haben die Seiten gewechselt", sagt ein leitender Reporter, der anonym bleiben will. Viele Journalisten hätten zwar Anweisungen ihrer Vorgesetzten in der Vergangenheit missbilligt, hätten diese aber "nicht ignorieren können" - bis Orban Mitte April abgewählt wurde.

POLAND-HUNGARY-POLITICS-DIPLOMACY

Die Korruption der Orban-Eliten aufklären: Ein Ziel Péter Magyars. Außerdem will er Ungarns Verhältnis zum Rest Europas reparieren und reist mit klarer Botschaft nach Polen: Er steht für die EU.

20.05.2026 | 2:01 min

Die Mitarbeiter der staatlichen Nachrichtenagentur MTI reagierten umgehend und forderten in einer AFP vorliegenden internen Petition die Wiederherstellung der "redaktionellen Unabhängigkeit". Nach den Angaben von mehreren Mitarbeitern wurde die politische Zensur damit beendet.

MTI kann nun wieder frei arbeiten. Themen und Organisationen, die zuvor verboten waren, sind wieder Teil unserer Berichterstattung. Die Propaganda wurde abgeschafft.

Redakteur bei MTI

Nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" (RSF) wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Orban zu einer Propagandamaschine umfunktioniert.

Ein Jahr nach der Rückkehr Orbans an die Macht im Jahr 2010 wurden Ungarns staatliche Fernsehsender, Radiosender und die Nachrichtenagentur zu einer einzigen Institution unter dem Namen MTVA zusammengelegt. Doch Orbans Kontrolle erfasste auch private Medienunternehmen, die sich im Besitz von ihm nahestehenden Geschäftspartnern befanden - oder von diesen aufgekauft wurden.

Auch bei MTI hielt die Zensur Einzug - nachdem die Autonomie der Nachrichtenagentur zuvor bereits bei einer einer Umstrukturierung im Jahr 2015 begrenzt worden war.


Journalist: Inhalte wurden "an politische Kreise weitergeleitet"

Unter Orban hatte Ungarn in der Rangliste der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" eines der Schlusslichter in der EU gebildet. "Entwürfe zu bestimmten Themen wurden zur Bearbeitung und Freigabe an politische Kreise weitergeleitet", sagt der 69-jährige Janos Karpati, der drei Jahrzehnte lang für MTI arbeitete. Er wurde 2015 entlassen, weil er als Brüssel-Korrespondent Orban eine Frage stellte, ohne vorab die Erlaubnis seiner Vorgesetzten eingeholt zu haben.

APTOPIX Hungary Magyar Inauguration

Das ungarische Parlament hatte Peter Magyar erst vor wenigen Wochen zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

09.05.2026 | 2:16 min

Seine ehemaligen Kollegen seien sehr wohl in der Lage, "ihre Arbeit zu erledigen", wenn sie von politischer Einmischung verschont blieben, sagt Karpati. Aber es werde Zeit brauchen, bis bestimmte Reflexe verschwinden.

Kürzlich bekam ein Redakteur Angst, als ich eine ausländische Partei als rechtsextrem bezeichnete.

Janos Karpati, ungarischer Journalist

Diese Einstufung sei zuvor verboten gewesen. "Er meinte, es sei besser, sie nicht so zu bezeichnen."

Wichtiger Hinweis in eigener Sache

Wer bei Google etwas sucht, bekommt neben den Suchergebnissen auch eine Box mit Schlagzeilen angezeigt.

Mit ZDFheute als hinterlegter Quelle bekommen Sie unsere Inhalte häufiger in die Schlagzeilen-Box gespielt - geprüfte Inhalte, direkt in Ihrem Überblick.

→ Hier ZDFheute als bevorzugte Quelle einstellen


Quelle: AFP
Über die Entwicklungen in Ungarn berichtete das ZDF in mehreren Sendungen, unter anderem am 29.05.2026 in den heute-Nachrichten ab 19:00 Uhr und im heute journal ab 22:00 Uhr.
Thema

Mehr zu Ungarn

  1. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, begrüßt den ungarischen Ministerpräsidenten Peter Magyar vor einem Treffen am EU-Hauptsitz in Brüssel am 29.05.2026.

    Von der Leyen und Magyar in Brüssel:EU gibt mehr als 16 Milliarden Euro für Ungarn frei

    mit Video6:45

  2. Peter Magyar

    Nach 16 Jahren Orban:Ungarn: Peter Magyar ist neuer Regierungschef

    mit Video2:16

  3. Peter Magyar und TISZA-Anhänger während einer Rede.
    Analyse

    Ende der Orban-Ära:Was Magyars Sieg für Ungarn bedeutet

    Michael Bewerunge, Budapest
    mit Video36:09

  4. Peter Magyar, Vorsitzender der Oppositionspartei Tisza, spricht zu den Medien.

    Wahl in Ungarn weitgehend ausgezählt:Orban-Ära in Ungarn endet: Wer ist Wahlsieger Peter Magyar?

    mit Video2:58