Ende der Ära Orbán:Ungarns schwerer Weg zu neuer Identität
von Christian von Rechenberg
In Ungarn warten die Menschen nach 16 Jahren Viktor Orbán gespannt auf die neu gewählte Regierung. Im Alltag ist ein Aufatmen zu spüren. Doch nicht allen ist nach Aufbruch zumute.
Nach dem Wahlsieg von Peter Magyar hoffen Ungarns Künstler auf mehr Freiraum. Politik, Medien und Gesellschaft stehen vor großen Veränderungen.
01.05.2026 | 2:15 minIm Budapester Trafó-Theater beginnt eine Probe, die mehr ist als Theater. Auf der Bühne: Peter Handkes "Kaspar", die Geschichte eines Menschen, der aus völliger Isolation zu Sprache und Identität findet. Für das Ensemble fühlt sich das Stück an wie ein Spiegel des Landes. Nach 16 Jahren Orbán endet eine politische Ära, die nicht nur unabhängige Kultur an den Rand gedrückt hat. Jetzt liege Aufbruch in der Luft.
Regisseurin Sára Tahin-Tóth beschreibt die Stimmung als kollektives Erwachen. Nach Jahren der Enge habe sich der Ton im Alltag verändert, die Menschen wirkten ruhiger, würdevoller im Umgang miteinander. Gleichzeitig warnt sie vor Illusionen: Das Land müsse "erst die Verwüstungen einer langen Zeit aufräumen", kleine Schritte seien wahrscheinlicher als der große Befreiungsschlag.
Nach der Parlamentswahl steht Ungarn vor einem Systemwechsel. Der Wahlsieger Peter Magyar verspricht, den Rechtsstaat wiederherzustellen.
19.04.2026 | 2:56 minHoffen auf Neubeginn in Ungarn
Das Trafó ist ein Knotenpunkt der freien Szene, ohne festes Ensemble, getragen nur von der liberalen Stadt Budapest, von Orbáns Regierung war kaum Förderung zu bekommen: zu frei, zu unbequem. Direktorin Katalin Erdődi hofft auf ein Ende des politischen und wirtschaftlichen Drucks, der viele Gruppen zur Selbstzensur gezwungen oder ganz zerschlagen hat.
Ich erwarte transparente, demokratische Kulturförderung und einen strukturierten Dialog mit der neuen Regierung.
Katalin Erdődi, Direktorin des Budapester Trafó-Theaters
Viel Arbeit, die auf Ungarns neu gewählten Regierungschef Peter Magyar von der Tisza-Partei zukommt.
Nach dem Wahldebakel für Viktor Orbán verspricht die neue Regierung in Ungarn einen Systemwechsel – wieder zurück zur Rechtsstaatlichkeit und zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit der EU.
14.04.2026 | 8:23 minBaustelle öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Eine noch größere Baustelle ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Unter Orbán war er laut Kritikern ein zentrales Instrument von Propaganda. Jetzt wirkt die Berichterstattung moderater, fast farblos. Sogar über Peter Magyar wird plötzlich neutral und differenziert berichtet. Für Medienexperte Gábor Polyák ist das weniger Läuterung als Verunsicherung. Die alten Gesichter, Themen und Narrative seien weiterhin präsent:
Wer jahrelang Propaganda betrieben hat, kann nicht einfach zum öffentlich-rechtlichen Journalismus zurückkehren.
Gábor Polyák, Medienexperte
Ein echter Neustart brauche neues Personal und neue Regeln. Beides hat Peter Magyar angekündigt.
Der ungarische Wahlsieger Peter Magyar hat angekündigt, Nachrichtensendungen der staatlichen Medien vorerst auszusetzen und neu auszurichten. Zudem forderte er Präsident Sulyok zum Rücktritt auf.
15.04.2026 | 1:06 minErste Gespräche mit der EU
Magyar muss liefern, Vertrauen aufbauen, in einem Land, das nach der Ära Orbán tief gespalten ist: Vielen dämmert langsam, dass sie über Jahre belogen wurden, sie haben ihren ideologischen Halt verloren. Magyar muss sie auffangen - indem er Wort hält. Ein zentrales Wahlkampfversprechen war, die von der EU eingefrorenen 17 Milliarden Euro Fördergelder "heimzuholen", blockiert bislang, wegen Ungarns rechtsstaatlicher Defizite.
Dies bekräftigte er jüngst bei einem Besuch in Brüssel, wo er unter anderem Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen traf. Beide Seiten waren beim Termin sichtlich um positive Signale bemüht: Handshake und entspannte Minen für die Kameras, ein Statement war nicht vorgesehen, noch ist Magyar ja nicht offiziell im Amt.
In einem Video auf seinem Youtube-Kanal berichtet er später, dass das Treffen konstruktiv verlaufen sei: "Wir haben heute begonnen vieles vorzubereiten, sodass wir ab dem 25. Mai, wenn ich schon Ministerpräsident bin, erste politische Übereinkommen verkünden können."
Der bisherige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat die Parlamentswahl klar gegen Herausforderer Péter Magyar verloren. Was bedeutet die Niederlage nun für den Rechtspopulismus?
16.04.2026 | 2:16 minSehnsucht nach Orbán
Am 9. Mai werden Magyar und seine Regierung vereidigt - ein großes Fest ist geplant. Doch nicht allen Ungarn ist nach Feiern zumute. Einige spüren Erleichterung, andere fremdeln noch mit Magyar und seinem Kabinett.
Und nicht wenige Menschen wie Gábor Pongrácz wünschen sich Viktor Orbán zurück: "Wie ich mich fühle? Ich bin ein gebrochener Mann". Orbán selbst hat sich zurückgezogen, er wird seinen Sitz im Parlament nicht annehmen. Stattdessen will er seine Fidesz-Partei neu aufbauen. Medien und einige Beobachter mutmaßen, er träfe womöglich auch Vorbereitungen, das Land gen USA zu verlassen.
Der scheidende ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat angekündigt, sein Abgeordnetenmandat nicht annehmen zu wollen. Das erklärte er in einer Videobotschaft.
26.04.2026 | 0:30 minUngarn steht zwischen alter Macht und neuem Selbstbild - wie Kaspar Hauser zwischen Sprachlosigkeit und Stimme. Ob aus dem vorsichtigen Erwachen ein dauerhafter Neubeginn wird, entscheiden die Ungarn nun gemeinsam. Für viele ein ungewohntes Gefühl.
Christian von Rechenberg ist Korrespondent im ZDF-Studio Wien.
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