Militäranalyst Remmel:Neue Gefahr durch russische Abschussrampen?
Russland greift immer massiver an, an der Grenze zur Ukraine entstehen neue Stützpunkte mit Abschussrampen. Militäranalyst Remmel über Moskaus Strategie und die Folgen für Kiew.
Die Ukraine ist weiter schutzlos gegen Russlands ballistische Raketen. Gleichzeitig rüstet Putin an der Grenze mit neuen Drohnen-Abschussrampen auf. Was Kiew jetzt droht, analysiert ZDFheute live.
20.08.2026 | 33:28 minRussland greift Kiew und die umliegende Region derzeit massiv an. Russische Marschflugkörper und Drohnen wurden in der Nacht zum Donnerstag auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert. Dabei kamen nach Behördenangaben 16 Menschen ums Leben.
Auf Satellitenbildern entlang der russischen Grenze sind eine ganze Reihe neuer Stützpunkte mit Abschussrampen für Langstrecken-Drohnen zu sehen. Russland soll sie bereits genutzt haben für Angriffe auf Kiew, berichtet die britische Zeitung "The Telegraph", die die Bilder ausgewertet hat. Moskau setzte auch ballistische Raketen ein, die die Ukraine kaum abwehren kann. Präsident Wolodymyr Selenskyj appellierte in seiner abendlichen Videoansprache am Donnerstag erneut eindringlich an die Partnerländer, zusätzliche Patriot-Abfangraketen bereitzustellen.
Bei schweren russischen Angriffen auf Kiew und die umliegende Region sind mindestens 16 Menschen getötet worden. Präsident Selenskyj forderte erneut Abfangraketen vom Typ Patriot.
20.08.2026 | 2:42 minWelche Strategie Kremlchef Wladimir Putin verfolgt und was das für die geschwächte Ukraine bedeutet, erklärt Militäranalyst Hendrik Remmel bei ZDFheute live.
Sehen Sie oben das ganze Interview im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagt Hendrik Remmel ...
… zur veränderten russischen Strategie
Russland habe bis vor einigen Monaten vor allem auf Massenangriffe mit günstigen Drohnen gesetzt, um die ukrainische Luftverteidigung zu überlasten und den Einsatz teurer Patriot-Abfangraketen zu erzwingen, so Remmel. Ziel sei es gewesen, die ukrainischen Munitionsbestände aufzubrauchen und die Luftverteidigung zu schwächen.
Inzwischen habe Moskau seine Strategie geändert. Da viele Patriot-Raketen zur Neige gegangen oder nur noch letzte Reserven verfügbar seien, greife die russische Armee gezielt mit den ballistischen Raketen und Marschflugkörpern an - "ohne Angst", die teuren Systeme in der ukrainischen Luftverteidigung zu "verbrennen". Laut Remmel besitzen viele der ballistischen Raketen auch Hyperschallfunktionen und haben daher eine maximale Vorwarnzeit von zwei bis vier Minuten.
Russische Drohnen treffen Logistikzentren bei Kiew. Wie leicht die Geschosse die ukrainische Luftabwehr überwinden sei "in der Tat neu", berichtet Henner Hebestreit aus Kiew.
21.08.2026 | 2:03 minAußerdem reagiere Russland auf die Deep-Strike-Angriffe der Ukraine ins russische Hinterland, indem es entlang der ukrainischen Grenze zusätzliche Abschussrampen errichte. Dadurch sei die Ukraine gezwungen, Kräfte für Aufklärung, Luftverteidigung und die Vorbereitung für einen möglichen Angriff dieser Anlagen zu binden. Nach Einschätzung Remmels verfolgt Russland damit das Ziel, die ukrainischen Kräfte zu verteilen.
…zur Gefahr der neuen Abschussrampen für die Ukraine
Der Militäranalyst unterstreicht die Gefahr für die Ukraine durch die neuen Abschussrampen auf russischer Seite. Auf der Karte sei zu sehen, dass sich große Teile der neuen Einrichtungen in unmittelbarer Grenznähe zur Ukraine befinden.
Wenn sie dort in unmittelbarer Grenznähe diese Drohne abschießen […], dann haben sie eine Vorwarnzeit von nur wenigen Minuten.
Hendrik Remmel, Militäranalyst
Ausgelegt sind diese Abschussrampen wohl auch für den neuen Drohnentyp Geran-5. Die Drohne sei jetbetrieben und dadurch "wesentlich schneller" als ihre Vorgänger. Das wirke sich einerseits auf die Zeit zur Warnung der Bevölkerung und andererseits auf die adäquate Planung der Flugabwehr und der operativen Luftverteidigung um die Stadt herum aus, so Remmel. Vor allem Kiew und die nördlichen Großstädte seien davon betroffen.
Seit Monaten stehen russische Raffinerien und Öllager unter ukrainischem Beschuss. Benzin wird zunehmend zur Mangelware. Auch Tankstellen in Moskau bilden sich Schlangen.
21.08.2026 | 1:40 min...über die Bedrohung der neuen Abschussrampen für die Nato
Theoretisch könnten die russischen Langstreckendrohnen von den Abschussrampen aus auch Nato-Gebiet erreichen, sagt Remmel. "Ich habe aber erhebliche Zweifel daran, ob das tatsächlich die primäre Idee dieser Stationierung ist." Seiner Einschätzung nach geht es bei der Stationierung der Abschussrampen primär darum, für die ukrainische taktische Flugabwehr und operative Luftverteidigung die Vorwarnzeiten zu verkürzen.
Ginge es lediglich um Reichweiten, dann könnte Russland aus der russischen Exklave Kaliningrad, die zwischen Polen und Litauen liegt, "theoretisch mit ballistischen Raketen binnen weniger Minuten jede europäische Hauptstadt erreichen", so der Militäranalyst. Daher bestehe keine erhöhte Gefährdung für die Nato-Ostflanke.
Das Interview führte ZDFheute live Moderatorin Alica Jung, zusammengefasst haben es Caroline Kleine-Besten, Chiara Raber und Paul Herweh.
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