Militäranalyse zum Ukraine-Krieg:Beschuss trotz Kanzlerbesuch und Energieanlagen im Visier
von Christian Mölling
Notabschaltungen in Kiew, gesperrte Brücken, ein getroffenes Handelsschiff: Nach schweren russischen Angriffen gerät die ukrainische Versorgung unter Druck. Mittendrin: Kanzler Merz.
Ein ukrainischer Experte begutachtet am Sonntag den Einschlag einer russischen Drohne auf einer Brücke über den Fluss Dnipro in Kiew.
Quelle: epaRussland hat in dieser Woche den Druck auf die ukrainische Infrastruktur erhöht. Am 30. September traf der schwerste kombinierte Angriff auf Energieanlagen seit Monaten Kraftwerke und Netze in Kiew sowie weiteren Bereichen des Landes.
Der staatliche Stromnetzbetreiber Ukrenergo ordnete in Kiew und drei angrenzenden Regionen Notabschaltungen an. In Teilen der Hauptstadt standen Straßenbahnen und Oberleitungsbusse zeitweise still. Auch der Druck im Wassernetz sank.
Allein zwischen 6:30 und 18:30 Uhr am 30. September meldete die ukrainische Luftwaffe 285 russische Drohnen, darunter 174 strahlgetriebene; 254 seien abgeschossen oder elektronisch unterdrückt worden. Hinzu kamen eine ballistische Rakete und weitere Flugkörper. Die Zahlen beruhen auf ukrainischen Angaben. Auch bei einer hohen Abfangquote können einzelne Waffen kritische Knoten treffen und größere Folgewirkungen auslösen.
Bundeskanzler Merz ist zum zweiten Mal seit Amtsantritt in die Ukraine gereist. Er verspricht Abfangdrohnen und Geld für den Wiederaufbau. Beides wird dringend benötigt.
04.10.2026 | 2:47 minKiews Brücken werden zum Ziel
Seit dem 1. Oktober wurden auch die Verbindungen über den Fluss Dnipro mehrfach angegriffen. Die Südbrücke Kiews wurde nach mehreren Treffern vollständig für Autos und die Metro gesperrt. Am 3. Oktober traf ein weiterer Angriff die Nordbrücke, dabei wurden Fahrbahn und Oberleitung beschädigt. Während der Luftalarme waren weitere Übergänge zeitweise eingeschränkt.
Da der Dnipro die Millionenstadt teilt, verlagert schon die Sperrung einzelner Brücken große Verkehrsströme auf die übrigen Übergänge. Die Wirkung entsteht damit nicht erst, wenn ein Bauwerk zerstört wird. Stromausfälle stoppen elektrische Verkehrsmittel; gesperrte Brücken nehmen zugleich Ausweichwege.
... gilt als führender Experte für europäische Verteidigung und transatlantische Sicherheit. Seit November 2025 ist er Direktor der europäischen Denkfabrik Edina, zuvor war er stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der DGAP und Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement.
Ob Russland die Treffer als eine zentral geplante Kampagne gegen das gesamte Stadtsystem angelegt hat, lässt sich nicht belegen. Das russische Außenministerium kündigte am 3. Oktober jedoch an, die Angriffe auf Kiew und andere ukrainische Städte fortzusetzen, und bezeichnete die Ziele als militärisch.
Beschuss trotz Kanzlerbesuchs
Während des Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz in Kiew setzte Russland die Angriffe am Sonntag fort: Erneut wurde eine wichtige Dnipro-Brücke getroffen. Merz sagte der Ukraine zugleich weitere Hilfe zu, darunter 350 Millionen Euro für den von den russischen Angriffen schwer getroffenen Energiesektor sowie eine Milliarde Euro Militärhilfe.
ZDF-Korrespondentin Diana Zimmermann begleitet Bundeskanzler Merz und berichtet von vor Ort.
04.10.2026 | 1:16 min
Frachtschiffe bleiben Ziel
Der Druck auf Verkehrswege reicht bis an die Küste. Am 3. Oktober wurde nach Angaben der ukrainischen Hafenverwaltung ein liberianisch beflaggtes Frachtschiff in einem Hafen der Region Odessa getroffen. Bereits am 27. September meldete das russische Verteidigungsministerium Angriffe auf Hafen- und Logistikinfrastruktur sowie Frachtschiffe. Die von Russland behauptete militärische Nutzung der getroffenen Ziele konnte nicht unabhängig bestätigt werden.
Solche Angriffe belasten den Schiffsverkehr im Schwarzen Meer bereits seit dem Sommer. Der Treffer vom 3. Oktober setzt diesen Druck fort. Eine formelle Seeblockade ist dafür nicht nötig: Wiederholte Angriffe erhöhen Risiken und Kosten, erschweren Planung und Umschlag.
Ukraine meldet FP-7-Kampfeinsatz
Präsident Wolodymyr Selenskyj meldete am 1. Oktober den ersten Kampfeinsatz der taktischen ballistischen Rakete FP-7. Wo sie eingesetzt wurde und welches Ziel getroffen worden sein soll, sagte er nicht. Eine unabhängige Bestätigung des Einsatzes und seiner Wirkung liegt bislang nicht vor.
Ballistische Raketen sind wegen hoher Geschwindigkeit und ihres Flugprofils schwer abzufangen - der Abwehr bleibt wenig Reaktionszeit. Militärisch relevant wäre die FP-7 vor allem, wenn die Ukraine sie zuverlässig und in größerer Zahl herstellen kann. Über Treffergenauigkeit, Produktionsmenge und Wirkung des ersten Einsatzes ist bislang nichts bekannt.
Russland versucht vermehrt, die digitale Infrastruktur der Ukraine zu treffen. Angriffe auf Rechenzentren sollen offenbar das Internet beeinträchtigen und das Land digital lahmlegen.
03.10.2026 | 1:28 minFront: Neue Zahl, kein neuer Durchbruch
An der Front bleibt die ukrainische Operation Vivaldi die wichtigste örtliche Gegenbewegung. Ihr Kommandeur Andrij Bilezkyj erklärte am 28. September, seine Kräfte hätten weitere 51 Quadratkilometer zurückgewonnen. Insgesamt nannte er für die länger laufende Operation 176 Quadratkilometer.
Unabhängig nachvollzogen sind bislang mindestens 147 Quadratkilometer. Die Operation Vivaldi ist auch operativ und nicht nur taktisch relevant: Die Gegenoffensive stört einen russischen Umfassungsversuch gegen den ukrainischen Festungsgürtel. Einen breiten Durchbruch zeigt sie nicht; die Front bleibt weitgehend festgefahren.
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