Alltag zwischen russischen Angriffen:Kramatorsk: Eine Stadt, die schon verloren scheint
von Carsten Thurau, Kramatorsk
Kramatorsk, einst stolzes Zentrum der Maschinenbau- und Schmuckindustrie, steht im Ukraine-Krieg unter Dauerbeschuss. Ein schwieriger Alltag für die verbliebenen Menschen.
Mit der russischen Frühjahrsoffensive nehmen die Angriffe auf Kramatorsk zu. Drohnen und Bomben treffen die Stadt fast täglich, Zivilisten leben in ständiger Gefahr.
03.07.2026 | 2:33 minIm Donbass ist von den aufsehenerregenden Erfolgen der ukrainischen Drohnenangriffe wie auf der Krim oder in Russland nichts zu spüren. In der Nacht zum Samstag meldet Moskau die Einnahme der Stadt Kostjantyniwka - Kiew hingegen spricht von weiteren Gefechten.
Auch Kramatorsk, keine halbe Autostunde entfernt, steht unter ständigem Beschuss. Für die Menschen, die noch dort sind, ein täglicher Kampf ums Überleben.
Schon die Anfahrt eine echte Herausforderung
Wir nähern uns Kramatorsk aus Richtung Charkiw und Isjum. Fast vier Stunden waren wir unterwegs, zuletzt mit Schutzwesten im Auto. Der genaue Anfahrtsweg ist eine Herausforderung, was die Sicherheit angeht, denn russische Angriffe auf bestimmte Straßen und Strecken gehören hier zum Alltag.
Schon nach wenigen Minuten im Zentrum sehen wir den jüngsten Angriffsort feindlicher Raketen: Zwei Häuser, zwischen denen ein tiefer Krater auf die Wucht der Explosion hindeutet.
Ausweglose Situation
Wie durch ein Wunder wurde in den fast völlig zerstörten Häusern links und rechts niemand ernsthaft verletzt. Die 66-jährige Olha steht in ihrer Küche, die Fensterscheiben sind weggesprengt. "Ich war zu Hause", erzählt sie, "es war gegen zehn Uhr abends. Wir lagen schon im Bett."
Was genau eingeschlagen ist - zum Teufel, wer weiß das schon.
Olha
"Wir wissen nicht, was es war. Und es gab nicht nur einen Einschlag. Einmal und dann noch einmal."
Die Ukrainer hätten nach den ukrainischen Erfolgen bereits mit einem Gegenschlag gerechnet, so ZDF-Reporter Carsten Thurau. Russland habe mit beinahe allen verfügbaren Mitteln angegriffen.
02.07.2026 | 5:19 minOlha ist Witwe, sie und ihr Sohn stammen aus Kostjantyniwka. Sie sind als Flüchtlinge hier untergekommen. Wie es für die beiden weitergeht? "Jetzt räumen wir erst einmal auf, sehen Sie. Wir tragen die Trümmer hinaus, die Glasscherben, einfach alles."
Noch nie standen wir vor einer derart ausweglosen Situation. Ich weiß einfach nicht, was wir jetzt tun sollen.
Olha
Kramatorsk: Leben zehn Kilometer vor der Front
Kramatorsk zählte vor Kriegsbeginn etwa 150.000 Einwohner. Die Stadt ist seit 2014 Verwaltungssitz der ukrainisch kontrollierten Teile der Oblast Donezk und war einst ein wichtiges Industriezentrum. Seit dem Frühjahr und Sommer 2025 rückte die Kriegsfront immer näher an die Stadt.
Zerstörte Häuser, kaputte Straßen – in der Ukraine ein täglicher Anblick. ZDF-Reporter Carsten Thurau zeigt, wie inmitten des Krieges aber auch Neues entsteht.
25.06.2026 | 1:59 minViele Menschen wurden seitdem in Sicherheit gebracht, viele weitere, vor allem Jüngere und Menschen mittleren Alters, verließen Kramatorsk freiwillig.
Mittlerweile leben nur noch gut 55.000 Menschen hier. Die Front ist auf etwa zehn Kilometer herangerückt.
"Die Menschen hier haben große Angst"
"Es ist ein Alptraum", erzählt Iwan Mykolajowitsch. "Ich kann Ihnen gleich sagen: Die Menschen hier haben große Angst. Wissen Sie überhaupt, was hier passiert?"
Der Rentner wartet in einer langen Schlange vor einem Gebäude der Stadtverwaltung, später werden hier zwei Packungen Brot an jeden verteilt. "Alles ist sehr teuer. Die Menschen können sich nicht einmal mehr das Allernötigste leisten. Und diejenigen, die ihre Arbeit verloren haben, wissen überhaupt nicht, wie sie überleben sollen", sagt Iwan.
Ohne Angehörige, die helfen, ist es hier kaum zu schaffen. Es ist sehr schwer. Wirklich sehr schwer.
Iwan Mykolajowitsch
Gut 200 ältere Menschen warten mit Iwan, Frauen und Männer, Gebrechliche, Invalide, die nicht weg können oder ihre Heimat nicht verlassen wollen. Gerade sie prägen jetzt das Stadtbild: Alte Menschen und das Militär, Soldaten, Kämpfer, Männer der Heimatfront.
Nach einer Ausreiselockerung haben Zehntausende junge Männer die Ukraine verlassen. Daran gibt es Kritik. Was heißt das für die Ukraine? Und was sagen Betroffene?
04.04.2026 | 9:24 minEine verwundbare Stadt
Kramatorsk wirkt vielerorts wie eine Festung. Über die wichtigsten Straßen wurden Netze gespannt. Das soll Autos und Militärfahrzeugen Schutz vor anfliegenden Drohnen bieten. Entlang sensibler Bereiche, wie Energie- und Wasseraufbereitungsanlagen, wurden Panzersperren errichtet und mehrfach Stacheldraht gelegt.
Ob die ukrainische Armee Kramatorsk noch lange halten kann? Eine Einnahme steht nicht unmittelbar bevor, glauben Experten, aber schon jetzt vergeht kein Tag ohne russischen Angriff mit Drohnen und Gleitbomben.
Wir selbst erleben ständig Luftalarm und hören das tiefe Grollen der Artillerie an der nahen Front. Gerade weil die Front so nah ist, ist die Stadt so verwundbar geworden.
Die Ukraine greife Russland stets in Wellen an, sagt Militärökonom Keupp. Durch die Größe des russischen Luftraums sei Russland nicht in der Lage, alles zu sichern.
02.07.2026 | 28:00 minKramatorsk als wichtiges ukrainisches Verteidigungszentrum ist in vielen Teilen zerstört und menschenleer. Die wichtigsten Industriebetriebe sind zerbombt. Besonders die Nächte mit dem Lärm von Drohnen, Raketen, Explosionen setzen den Menschen, die hier noch ausharren, zu.
Es ist bedrückend, das zu sehen. Diese Stadt wirkt auf uns schon jetzt wie verloren, wie und wann auch immer dieser Krieg enden wird.
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