Nein, Russlands Soldaten überleben nicht nur "20 Minuten"

Faktencheck

Lebenserwartung im Ukraine-Krieg:Nein, Russlands Soldaten überleben nicht nur "20 Minuten"

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von Nils Metzger

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Laut einem Artikel sollen russische Soldaten im Schnitt drei Wochen nach Rekrutierung sterben, im Kampfeinsatz nur 20 bis 35 Minuten überleben. Warum diese Zahlen Kontext brauchen.

Kampftraining: Russische Soldaten der 58. Armee der Heeresgruppe Dnepr in der Region Saporischschja

Wie lange überleben sie im Ukraine-Krieg? Russische Sturmsoldaten trainieren den Grabenkrieg. (Archivbild)

Quelle: action press

Es sind Schlagzeilen, die wegen ihrer Brutalität aufhorchen lassen: "20 bis 35 Minuten" - so lange sollen russische Soldaten auf dem Schlachtfeld in der Ukraine im Schnitt nur überleben. So titeln Medien von der "New York Post" bis zum "Daily Mirror". Auch in Deutschland greifen unter anderem "Bild" und "Focus" die Nachricht auf.

Sie alle zitieren den britischen Historiker und Oxford-Professor Peter Frankopan. Er analysiert in einem Gastbeitrag in der US-Zeitschrift "Foreign Policy" die düstere Lage, in der sich die russische Armee im Ukraine-Krieg aktuell befindet: Massive Verluste und kaum noch Geländegewinne.

Die Lebenserwartung russischer Soldaten sei drastisch gesunken. Unter Berufung auf einen russischen Militärblogger schreibt Frankopan, dass zwischen der Ankunft eines neuen Rekruten im Ausbildungslager und seinem Tod im Kriegsgebiet im Durchschnitt "zehn Tage bis drei Wochen" vergingen. Einen Kampfeinsatz auf dem Schlachtfeld überlebten Soldaten im Schnitt für "20 bis 35 Minuten".

Aber das stimmt so pauschal nicht. Die Zahl ist kaum überprüfbar und soll sich nur auf einen ganz bestimmten Teil der Frontsoldaten beziehen - und Medien weltweit schreiben sie voneinander ab. ZDFheute erklärt die Hintergründe in einem Faktencheck.

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Lebenserwartung bezieht sich nur auf russische "Sturmsoldaten"

Grundsätzlich benötigen Zahlen aus Kriegsgebieten häufig Kontext. In der Darstellung von "Foreign Policy" und anderer Medien klingt es, als wäre die Lebenserwartung über alle Frontabschnitte oder Zeitpunkte gleich. Es wird nicht nach Truppengattung oder Mission unterschieden. So entsteht bei Lesern - und auch bei den deutschen Medien, die die Informationen übernommen haben - der Eindruck, alle russischen Soldaten im Ukraine-Krieg hätten diese kurze Lebenserwartung.

Tatsächlich aber nennt bereits der russische Telegram-Post, der Frankopans Schilderungen zugrunde liegt, eine zentrale Einschränkung: Sie beziehe sich nur auf Angriffsoperationen sogenannter "Sturmeinheiten" der russischen Streitkräfte. Das sind die Kräfte, die an vorderster Front eingesetzt werden, um ukrainische Stellungen, Bunker und Gräben zu erobern. Andere Einheiten entlang der Frontlinie, etwa Panzertruppen, Artillerie oder andere Infanterie, sind nicht gemeint.

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Die hohe Sterblichkeit dieser "Sturmsoldaten" liegt insbesondere daran, dass sie das oft 10 bis 30 Kilometer breite und von Drohnen überwachte Niemandsland durchqueren müssen, um anschließend ukrainische Stellungen aus kurzer Distanz direkt anzugreifen. Auf solche halsbrecherischen Operationen bezieht sich auch die Angabe von "20 bis 35 Minuten" Überlebenszeit im Telegram-Post. Es geht also ausschließlich um die vermutlich gefährlichsten Aufträge, die es für einen Soldaten im Ukraine-Krieg überhaupt gibt.

Dieser Kontext fehlt in vielen der jetzt viral gehenden Medienberichte - bei Lesern kann so ein übertriebenes Bild der russischen Kriegsführung entstehen.

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Von diesem Telegram-Kanal soll die Info stammen

Aber auch bei den russischen Sturmeinheiten ist diese Angabe zur Überlebensdauer alles andere als sauber belegt. Der Telegram-Post, den Frankopan verlinkt, verweist auf keinerlei überprüfbare Statistik, sondern verweist lediglich auf "Z-Kanäle" als Quelle - also anonyme Telegram-Accounts von Soldaten oder Personen mit Verbindungen zum russischen Militär.

Der "New York Times"-Journalist Aric Toler verweist darauf, dass die präzise Angabe von "20 bis 35 Minuten" Überlebensdauer erstmals in einem russischen Telegram-Post am 28. Mai auftauchte - auf einem Kanal mit rund 5.000 Followern, der über den Frontalltag in der Ukraine berichtet. Auch dort betont der Autor, dass es sich bei dieser Minutenangabe explizit um die Überlebenszeit während eines Sturmangriffs handle. Doch auch er hat diese Daten nicht selbst erhoben, sondern nach eigenen Angaben "in einem Artikel gelesen". "Das ist Hörensagen über Hörensagen", schreibt Toler dazu.

X-Post von Aric Toler

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Auch der Militärexperte Rob Lee vom Foreign Policy Research Institute in den USA sieht die Aussagekraft der Zahlen kritisch: "Wir sollten vorsichtig sein, Statistiken zu viel Glauben zu schenken, deren Glaubwürdigkeit unklar ist", schreibt Lee auf X.

Ich bin skeptisch, ob es irgendwelche echten Daten gibt, wie lange [Sturmsoldaten] bei Angriffen überleben.

Rob Lee, Foreign Policy Research Institute

Lee ergänzt: "Es ist unklar, wie man diese Zeit für einen Angriff berechnen würde, da sie typischerweise 10 bis 20 Kilometer laufen, um überhaupt die Frontlinie zu erreichen."

Weitere Quellen für die Zahlen, die nun weltweit Schlagzeilen machen, nennt Autor Frankopan nicht. Auch ordnet er die Herkunft der Angaben im Artikel nicht ein. Auf eine Anfrage von ZDFheute antwortete Frankopan lediglich, man solle sich mit der in seinem Artikel verlinkten Quelle, also dem anonymen russischen Telegram-Account, in Verbindung setzen. Auf weitere Fragen ging er nicht ein.

Der "Focus" veröffentlichte am Dienstag einen separaten Artikel, worin der Militärexperte Wolfgang Richter die Aussagekraft der Zahlen in Zweifel zieht.

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Warum so eine geringe Lebenserwartung wenig realistisch ist

Mitte Juni gab Russlands Präsident Wladimir Putin an, dass derzeit rund 700.000 russische Soldaten in der Ukraine im Einsatz seien. Wie viele davon direkt an der über 1.200 Kilometer langen Frontlinie stationiert sind, ist nicht bekannt.

Gleich welchen Auftrag Soldaten haben, ist die Lebensgefahr in direkter Frontnähe groß. Trotzdem verbringen russische wie ukrainische Einheiten meist Monate am Stück im Fronteinsatz. Genaue Daten über die Lebenserwartung in den verschiedenen Einheiten liegen den einfachen Soldaten dabei kaum vor.

Die Sterblichkeit ihrer Soldaten im Gefecht haben Streitkräfte im Laufe der Geschichte immer wieder aufwändig untersucht - das können Studien nach Ende des Konflikts sein, oder die Auswertung von Feldberichten während eines Krieges. Letztere sind üblicherweise hochsensible und vertrauliche Daten. Anekdotische Berichte anonymer Telegram-Kanäle können einzelne Einblicke geben, dürfen aber nicht wie hier fehlinterpretiert werden.

Russland hält sich bei offiziellen Angaben insbesondere zu Verlusten mehr als bedeckt. Eine Lebenserwartung von maximal drei Wochen für alle russischen Soldaten ist kaum realistisch. Das würde die russischen Streitkräfte vor enorme logistische Herausforderungen stellen, allein um diese Verluste zu ersetzen. Die Frontlinie würde innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen, da nicht ausreichend Soldaten vorhanden wären, um sie über so große Entfernungen zu halten.

Tatsächlich hat sich die Frontlinie in den vergangenen Monaten aber nur minimal verändert. Die Realität stützt diese drastischen Zahlen also nicht.

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